Sabrina Carpenter am Coachella-Festival: Zaghrouta und die Frage, wer laut sein darf
Als Sabrina Carpenter bei Coachella auf einen Jubelruf aus dem Publikum irritiert reagierte, ihn erst abwertete und ihn nochmal am Tag darauf in ihrer Entschuldigung auf X mit Jodeln verglich, war das für viele bloß ein peinlicher Popkultur-Moment. Für mich war es mehr als das. Es war die Erinnerung daran, dass nicht jede Freude in der Öffentlichkeit gleich lesbar ist. Und dass migrantische Stimmen in weißen Räumen oft nur dann Platz haben, wenn sie leise bleiben.
Sabrina Carpenter als Auslöser
Sabrina Carpenter hat am Wochenende ihren Coachella-Auftritt kurz unterbrochen. Sie reagierte auf einen Ruf aus dem Publikum mit sichtbarer Irritation, sagte zunächst, sie möge das nicht, fragte dann, ob das „yodeling“ sei, und nannte den Moment später „weird“. Am nächsten Tag entschuldigte sie sich auf X und erklärte, ihre Reaktion sei aus Verwirrung entstanden und nicht böse gemeint gewesen. Für manche war damit alles erledigt. Für mich beginnt hier erst das eigentliche Gespräch.
Denn was dort aus dem Publikum kam, war kein Ausrutscher, der dort nichts verloren hatte. Es war eine Zaghrouta: ein hochfrequenter Freudenruf, ein hoch klingender, trillernder Laut (Ululation), der in vielen arabischen Kontexten mit Feier, Stolz, Zustimmung und kollektiver Freude verbunden ist.
Ich bin mit ihr aufgewachsen, habe bereits als junges Mädchen zu den Frauen in meiner Community aufgeschaut und sie mit inspirierten Blicken gemustert, wenn sie diesen Laut einstimmten. Die Zaghrouta erklingt bei Hochzeiten, Verlobungen, Geburten, Abschlüssen, sowohl bei religiösen als auch bei nicht-religiösen Festen, bei Wiedersehen. Sie trägt. Sie ruft zurück. Sie macht Freude hörbar. Und sie überschreitet sprachliche und religiöse Grenzen. Zaghrouta und verwandte Freudenrufe tragen kollektive Freude über Länder und Kulturen hinweg: von Ägypten, Palästina, Jordanien und Libanon bis in iranische, kurdische und türkische Räume.
Was mich an dem Coachella-Vorfall getroffen hat, war deshalb nicht nur ihr Unwissen. Unwissen hätte korrigiert werden können. Getroffen hat mich die Geschwindigkeit, mit der ein Klang der Freude öffentlich zur Irritation wurde. Wie schnell ein Laut, der für so viele von uns Zugehörigkeit bedeutet, in einem weißen Mainstream-Raum als “weird”, also seltsam, markiert wird
Das könnte dir auch interessieren
Für mich ist Zaghrouta ein kollektiver und identitätsstiftender Freudenruf, der sich an Festtagen über Schallwellen ausbreitet, wie ein Echo von Zugehörigkeit, Erinnerung und Liebe. Ich bin als Kind einer koptischen migrantischen Familie in Österreich aufgewachsen, als zweite Generation in Wien. Bevor Wien unser Lebensmittelpunkt wurde, kamen meine Eltern zuerst nach Kitzbühel. In den 1990er Jahren fuhren die wenigen Priester unserer Community durch den deutschsprachigen Raum, um die Messe zu den Menschen zu bringen. Man traf sich in kleinen improvisierten Kirchenräumen, in Wohnungen, geschmückt mit koptischen Ikonen, mit einem kleinen Altar auf einem Tisch, mitten im Raum. Für viele war das Kirche, obwohl nichts daran so aussah, wie sich die Mehrheitsgesellschaft Kirche vorstellt. Es war kein offizieller Bau, kein prachtvoller Sakralraum, keine Institution aus Stein. Es war ein zusammengehaltener Raum. Ein mitgebrachter Ort.
Meine Mutter wurde damals von einem Tag auf den anderen getrennt von ihrer Familie, ihrer Community, ihrer Sprache. Sie war in Kitzbühel unterwegs mit einem kleinen gelben Wörterbuch in der Hand, um mit den Menschen zumindest ein bisschen in Kontakt zu kommen. Worte für Begrüßung. Worte für Dankbarkeit. Worte zum Überleben.
Und gleichzeitig verschwand etwas anderes fast lautlos: ihre Selbstverständlichkeit, Raum einzunehmen.
Assimilation hat auch Lautstärke
Wenn wir über Assimilation sprechen, also darüber, wie sich marginalisierte Menschen gezwungen sehen, sich anzupassen, reden wir oft über Sprache, Kleidung, Namen, Essen oder Akzente. Viel seltener reden wir darüber, was sie mit der Stimme macht. Dabei hat Assimilation sehr wohl auch Einfluss auf unsere Lautstärke. Das wird auch in der Migrationsforschung beschrieben. Es geht nicht nur darum, irgendwo leben zu dürfen, sondern auch darum, dort hörbar sein zu dürfen.
Zuhause ist also auch die Frage, ob deine Stimme irritieren darf, ohne sofort bestraft, abgewertet oder zurechtgewiesen zu werden. Es gibt einen Begriff dafür: “policing”. Darin zeigt sich eine gängige Form von Kontrolle in rassistischen Gesellschaften: Nicht nur Körper und Sprache werden policed, sondern auch Lautstärke, Freude und die Art, wie Migras im öffentlichen Raum hörbar sind. So auch bei der Zaghrouta.
Genau das erkenne ich in meiner Mutter wieder
Eine Zaghrouta ist in Österreich nicht einfach nur laut. Sie ist zu laut auf die falsche Weise. Sie ist ein Klang, der mit arabisch gelesenen Körpern assoziiert wird, mit Migration, mit Fremdheit, mit dem, was schnell exotisiert oder als Störung markiert wird. Und deshalb ist sie in weißen Räumen nicht neutral. Jodeln und Zaghrouta mögen beides Formen stimmlicher Höhe, Freude und Kollektivität sein. Aber sie haben in Österreich nicht dieselbe Daseinsberechtigung.
Sabrina Carpenter schrieb sinngemäß, dass von nun an alle „cheers and yodels“ willkommen seien. Genau darin lag für mich eine zweite fehlende Perspektive: Nicht alles, was akustisch entfernt ähnlich klingt, ist gesellschaftlich gleich situiert. Nicht jeder Laut darf sich auf dieselbe Weise unschuldig entfalten.
Meine Mutter ist in Wien leiser als weiße Frauen
Als ich heute mit meiner Mutter über Zaghrouta sprach, scherzte sie, sie hätte Angst, in Wien damit falsch verstanden oder sogar verhaftet zu werden. Ich schmunzelte kurz. Aber eigentlich tat mir dieser Satz weh.
Denn ich weiß, wie viel ihr dieser Laut bedeutet.
Heute gibt es für sie mehr Räume als früher, in denen sie diese Freude teilen kann: in der Kirche, an Festtagen, mit anderen Frauen, manchmal in den eigenen vier Wänden. Aber selbst dort oft zögerlich, gedämpft, so dass die Nachbar:innen nichts mitbekommen. Meine Mutter sagt, die Leute würden es nicht verstehen. Sie wolle niemanden stören.
Wenn ich mit ihr in Wien unterwegs bin, ist sie leiser als die weißen Frauen um sie herum. Nicht, weil sie weniger zu sagen hätte. Sondern weil ihr Nervensystem gelernt hat, sich anzupassen. Sich herunterzupegeln. Sich unauffällig zu machen. Die Sättigung der eigenen Identität zu reduzieren, bis sie in ein Stadtbild passt, das weiße Selbstverständlichkeit für “normal” hält.
Ich muss dabei unweigerlich an Friedrich Merz’ Satz aus dem Herbst 2025 denken, Deutschland habe im „Stadtbild“ noch „dieses Problem“; eine Bemerkung, die breit als Verknüpfung von sichtbarer Migration mit gesellschaftlicher Störung gelesen wurde. Genau so funktioniert es auch akustisch: Nicht nur migrantische Körper werden zum Problem erklärt, sondern auch migrantische Klänge. Nicht nur das Aussehen soll sich fügen, auch die Tonlage.
Und mir bricht das Herz.
In Alexandria wird ihre Stimme wieder größer
Wenn wir einmal im Jahr nach Alexandria fahren, dauert es immer eine Weile, bis der Körper meiner Mutter versteht, dass er nicht mehr dauernd regulieren muss. Dass nicht jede Geste, jede Lautstärke, jede Freude auf Lesbarkeit für weiße Blicke hin kontrolliert werden muss.
Und dann höre ich sie wieder. Nicht sofort. Aber nach und nach. Dann wird ihre Stimme größer. Wärmer. Selbstverständlicher. Dann höre ich etwas, das ich tief aus meiner Kindheit kenne: nicht nur den Klang meiner Mutter, sondern den Klang einer Frau, die sich nicht ununterbrochen erklärt. Die nicht dauernd berechnet, wie sie ankommt. Die nicht ständig an ihrer eigenen Wahrnehmbarkeit schrauben muss. Ein Mensch, der einfach sein kann.
Vielleicht ist genau das das Grausamste an der Anpassung: dass sie irgendwann nicht mehr wie Zwang aussieht, sondern wie Höflichkeit. Wie Rücksicht. Wie eine vernünftige Lautstärke. Man will ja niemanden stören...
„To be coptic is to sing.“
Diesen Satz sagte die koptische Wissenschaftlerin und Sängerin Mariam Youssef in einem Beitrag über das Projekt Coptic Women Sing Too. Dieses Zitat berührt mich, es beschreibt etwas Grundsätzliches über koptisches Leben. Singen ist in unserer Community keine hübsche Umrahmung, sondern gehört zum Glauben, zum Miteinander und dazu, wie Erinnerung weitergegeben wird. Auch die Forscherin Carolyn Ramzy beschreibt, wie zentral Singen in koptischen Gemeinschaften ist: geistlich, gemeinschaftlich und über Generationen hinweg.
So viel von dem, was Menschen mitnehmen, wenn sie ihre Heimat verlassen, passt in keinen Koffer. Aber Stimmen kommen mit. Lieder kommen mit. Melodien, Antworten, Rufe, die sich im Körper festsetzen und auch dann bleiben, wenn sich fast alles andere verändert. Gerade in der Diaspora tragen solche Klänge oft mehr als nur Erinnerung. Sie halten Menschen miteinander verbunden. Sie machen Gemeinschaft hörbar.
Vielleicht berührt mich Zaghrouta deshalb so tief. Weil sie mich an etwas erinnert, das ich aus meiner eigenen Geschichte kenne: dass Frauenstimmen in unseren Communities immer Wege gefunden haben, weiterzutragen, was wichtig ist. Von einer Frau zur nächsten. Von einer Generation zur nächsten. Und vielleicht trifft es mich gerade deshalb so sehr, wenn solche Stimmen in weißen Räumen als zu laut, zu fremd oder zu irritierend gelten.
Wem gehören die Straßen?
Im vergangenen Jahr war meine migrantische Stimme Teil einer wunderbaren Kunstaktion in Wien. Die Ausstellung „OIDA WIEN. HÖR ZU.“ von Asma Aiad, mit Illustrationen von Esma Bošnjaković aka Strudelworte, war Teil des Projekts „Wir Hier“. Gezeigt wurden großformatige Porträts, handgeschriebene Botschaften und Audiobeiträge der Beteiligten. Es ging also nicht nur um Sichtbarkeit, sondern explizit auch um Hörbarkeit.
Nach nur rund einer Woche wurde die Ausstellung zerstört beziehungsweise entfernt. Der Kurier berichtete, dass ausgerechnet ein Projekt, das jenen Stimmen Raum geben wollte, die in Wien zu selten gehört werden, „zum Schweigen gebracht“ wurde. Die Organisatorinnen vermuteten ein rassistisches, sexistisches oder politisches Motiv; öffentlich abschließend belegt war das Motiv zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber das Bild war deutlich: Stimmen, Gesichter, Botschaften - weg. So gründlich, dass ihre Abwesenheit laut wirkte.
Ich denke oft an diese Leerstelle zurück. Daran, wie brutal es ist, wenn etwas nicht nur ignoriert, sondern aktiv entfernt wird. Nicht nur „nicht gehört“, sondern ausgelöscht. Und daran, wie gut viele von uns dieses Gefühl kennen.
Wir sind in Österreich noch lange nicht an dem Punkt, an dem PoC-Perspektiven einfach selbstverständlich sichtbar und hörbar sein dürfen. Es wird uns immer wieder unmöglich gemacht. Und gefährlich gemacht.
Die Räume, die es braucht
Es brauchte Jahre, bis ich begonnen habe, meine arabischen Identitätspraxen nicht als Zumutung für alle anderen zu sehen, sondern als Teil meines Lebens und meines Rechts.
Es brauchte Community. Es brauchte Räume mit anderen Migras. Räume hinter Fassaden, die wir mit Teppichen, Stoffen, Stimmen und Gläsern voller Cay gefüllt haben. Räume, in denen der Tee nach frischer Minze roch und die Minzstängel so hoch aus dem Glas ragten, als wollten sie selbst noch Raum einnehmen. Räume, in denen kein einziges Detail übersetzt werden musste, um legitim zu sein. Räume, in denen niemand zusammenzuckte, wenn Freude nicht geschniegelt klang.
In diesen Räumen wurde ich nicht irritiert angestarrt. Nicht mit fragenden Blicken durchleuchtet. Im Gegenteil. Dort trafen sich unterschiedliche Communities, unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Lautstärken. Und oft auch verwandte Formen des Feierns, des Rufens, des Antwortens. Dort habe ich etwas verstanden, das in weißen Kulturräumen ständig bestritten wird: dass Zugehörigkeit nicht erst dann legitim ist, wenn sie geräuschlos wird.
Meine persönliche Audacity in weißen Räumen
Seit dem letzten Jahr gelingt es mir manchmal, mich auch in weißen, elitären Räumen zu überwinden: im Theater, im Kabarett, auf Demonstrationen. Dann spüre ich dieses fast kitzelnde Bedürfnis, Begeisterung nicht geschniegelt zu applizieren, sondern aus dem Körper herauszulassen. Nicht als angepasstes Klatschen. Nicht als korrekt dosiertes Bravo. Sondern als etwas, das von Generation zu Generation an mich weitergetragen wurde. Etwas, das durch Frauenstimmen seinen Weg zu mir bannte.
Oft suche ich vorher kurz den Blick anderer Migras im Raum. Ein winziger Check. Eine stumme Versicherung. Darf ich? Bin ich allein? Und manchmal denke ich, meine Begleitung und ich seien die Einzigen. Dann lasse ich die Zaghrouta los. Und aus einer anderen Ecke des Saals antwortet eine andere Variante zurück.
Diese Momente sind flüchtig. Aber sie bewegen mich fast mehr als alles andere.
Denn in ihnen passiert etwas, was in Österreich viel zu selten passiert: Ein weiß dominierter Kulturraum hört plötzlich auf, ausschließlich weiß zu klingen. Für einen kurzen Augenblick fühlt es sich fast so an, als wäre ich mit meiner Gesamtheit willkommen.
Es geht nicht nur um einen Laut
Deshalb ist der Sabrina-Carpenter-Moment für mich nicht einfach nur eine Debatte über Popstar-Unwissen oder schlechte Improvisation auf einer Festivalbühne. Es geht für mich um etwas Grundsätzliches.
Es geht darum, wie schnell migrantische Freude delegitimiert wird. Wie schnell ein Klang aus seinem Zusammenhang gerissen und zur Merkwürdigkeit erklärt wird. Wie viele von uns sofort verstehen, was auf dem Spiel steht, weil wir den Reflex so gut kennen: die Selbstzensur, die innere Lautstärkeregelung, das rasche Prüfen, ob ein Raum uns wirklich meint, wenn er von Offenheit spricht.
Wer darf in der Öffentlichkeit laut sein? Wem gehören die Straßen? Wem gehören die Theater, die Märkte, die Festivals, die Hallen, die Mikrofone, die Ruhe, die Störung?
Nur leise Migrant:innen sind gute Migrant:innen?
Solange weiße Räume migrantische Körper vielleicht gerade noch dulden, migrantische Klänge aber sofort als fremd, komisch oder deplatziert markieren, kann von Gleichberechtigung keine Rede sein. Dann sprechen wir nur über eine freundlichere Form von Anpassungsdruck, die in Wahrheit nie freundlich war, sondern immer schon gewaltvoll.
Ich werde weiter versuchen, mich zu überwinden. Trotz des sehr realen Risikos der Ausgrenzung und der öffentlichen Demütigung, die auch Carpenters Fan erleben musste. Es ist für mich ein revolutionärer Akt, meine kulturelle Praxis und die all der Frauen meiner Blutlinie nicht verstummen zu lassen.
Das könnte dir auch gefallen
- Obsorge ab Tag 1: Erpressung auf dem Rücken schutzsuchender Kinder darf nicht erfolgreich sein
- Die ÖVP nutzt die Kriminalitätsstatistik wieder für Hetze – und Medien machen mit
- Wie Männer sich davor drücken, über Männergewalt zu sprechen: Die Top 6 der Ausreden
- Liebe in Zeiten des Patriarchats
- Kein Geld für nichts – außer fürs Autofahren natürlich
- Übergriffige Männer, Frauen an den Pranger: Die Wut auf die Opfer
- Nicht die Frau ist das Problem. Sondern das System, das Männer schützt
- Warum auch Frauen immer öfter extrem rechts wählen: Ihr Frust steigt