Übergriffige Männer, Frauen an den Pranger: Die Wut auf die Opfer

Eigentlich ist längst alles dazu gesagt. Doch weil sich die Abläufe immer wieder wiederholen, muss auch die Kritik daran wiederholt werden. Egal, ob es den Vorwurf der sexuellen Belästigung bei Ex-ORF-Generaldirektor Roland Weissmann oder jenen der Körperverletzung gegen Musiker Christopher Seiler (in beiden Fällen gilt die Unschuldsvermutung): die Vorwürfe sind unterschiedlich, aber die Muster danach nicht. Man findet sie auch, wenn sexistische Aussagen gegenüber Schülerinnen von Spitzenpolitikern wie CDU-Landeschef Manuel Hagel auftauchen - und in vielen anderen Fällen.
Was dann immer kommt: Im öffentlichen Diskurs werden übergriffige Männer entschuldigt und Frauen oder Mädchen misstrauisch beäugt, die den Übergriff erleben oder ihn zumindest an die Öffentlichkeit bringen. Bei keinem anderen Verbrechen oder Übergriff müssen sich Opfer so sehr rechtfertigen, wie bei sexueller Belästigung oder Gewalt.
Wer das nicht glaubt, sollte sich zum Beispiel derzeit die Kommentarspalten und Social-Media-Kanäle der österreichischen Medien anschauen. Während der Mann entschuldigt wird, werden den Opfern sofort unlautere Motive unterstellt. Von Intrigen über Wichtigmachen und Geldgier bis Reue über eine betrunkene G’schicht wird die ganze sexistische Palette an Motiven unterstellt.
Wer glaubt, dass Frauen Gewalt-/Missbrauchsvorwürfe erfinden, weil es so super ist und man Geld und Ruhm bekommt, der soll sich Kommentarspalten österreichischer Medien aktuell anschauen.
Es geht um einen prominenten Musiker, der die Vorwürfe nichtmal wirklich bestreitet. (geht um Gewalt)
— Natascha Strobl (@nataschastrobl.bsky.social) 16. März 2026 um 10:36
Aber es ist nicht nur dort so. Auch im Fall Weißmann zeigt sich ein ähnliches Muster. Statt die Vorwürfe selbst in den Mittelpunkt zu stellen, verschiebt sich der Diskurs schnell auf Nebenschauplätze: angeblich pikante Details, interne Konflikte oder mögliche politische Hintergründe. Da werden Details aus dem Privatleben aufgegriffen, Hinweise gestreut, die eine Identifizierung ermöglichen, oder andere Frauen in die Geschichte hineingezogen, obwohl sie damit nichts zu tun haben.
Der öffentliche Pranger richtet sich dabei auffallend oft gegen jene, die Vorwürfe erheben. Ihnen werden niedere Motive unterstellt, ihre Aussagen werden zerlegt und das Timing kritisch hinterfragt.
Auch Frauen machen mit
Es ist zudem ein wiederkehrendes Phänomen, dass sich auch Frauen an dieser Dynamik beteiligen. In der Abwertung anderer Frauen wird versucht, sich selbst davon abzugrenzen. Dahinter steht die Vorstellung, dass Anerkennung im bestehenden System nur dann möglich ist, wenn man sich von den “anderen” distanziert.
Trotz alledem wird oft noch unterstellt, es wäre ein besonders einträgliches Geschäft, Übergriffe öffentlich zu machen. Das ist zutiefst höhnisch. In den meisten Fällen ruiniert es das Leben der Opfer, selten bekommt der Täter die Rechnung für sein Verhalten.
Mythos und Realität der falschen Anschuldigung
Das Misstrauen gegenüber der Opfer ist auch deshalb so erstaunlich, weil die Statistik gegen den hartnäckigen Mythos der falschen Beschuldigungen spricht. Daten legen die Schätzung nahe, dass zwischen 2% und 10% der erhobenen Berschuldigungen tatsächlich falsch sind. (Was dabei übrigens nicht einmal berücksichtigt ist, dass ein Großteil der wahren Anschuldigungen gar nie erhoben werden - und das eben auch weil die Reaktionen für Opfer so brutal sind.)
Es ist gut, wenn eine falsche Beschuldigung durch einen sauberen Prozess aufgezeigt werden kann. Es ist gut, dass so etwas auch nicht straffrei ist. Im Umkehrschluss bedeutet es aber, dass 90% bis 98% der Anschuldigung Substanz haben. Im Leben und sozialen Prozessen hat man selten so hohe Wahrscheinlichkeiten. Statistisch gesehen kann man Opfern erstmal glauben. Dass es Aufarbeitung und Prozesse geben muss, versteht sich von selbst. Jede Organisation tut gut daran, diese schon präventiv implementiert zu haben.
Der öffentliche Pranger wendet sich hingegen erbarmungslos gegen potentielle Opfer. Sie sind schuldig und bleiben es auch, wenn sogar der Täter andeutet, dass er es auch ist. Dieser darf mit Dämonen kämpfen, während das Opfer eine berechnende Bitch ist, die es verdient hat.






