Ungleichheit

Was, wenn sexuelle Gewalt weder Missverständnis noch Bildungsproblem ist?

Nach den Vorwürfen gegen die “Cornell 7” wird bessere Bildung gefordert. Doch was, wenn Männer die Ablehnung einer Frau durchaus verstehen? Dann müssen wir darüber reden, warum sie sich trotzdem darüber hinwegsetzen. Und was sich ändern muss, damit sie damit aufhören. Barbara Blaha erörtet.

Der Fall der “Cornell 7” sorgt für Entsetzen. Sieben junge Männer sollen 2024 eine junge Frau stundenlang vergewaltigt haben, die unter Alkohol- und Drogeneinfluss nicht einwilligungsfähig war. So schildert es die eben eingereichte Zivilklage. Einer der Männer soll über Snapchat weitere Mitglieder seiner Studentenverbindung eingeladen haben: Oben gebe es “free pussy”.

Da müsse jetzt aber etwas passieren, tönt es in den Kommentarspalten. Eine wesentliche Forderung ist mehr Bildung. „Väter, erzieht eure Söhne“, lautet ein Appell. Buben, so die Idee, müssen lernen, wie Zustimmung aussieht. Wir müssen ihnen beibringen, Enttäuschungen zu ertragen. Und ihnen zeigen, wie sie einer Gruppe widersprechen können, statt stillschweigend zuzuschauen, wenn Frauen Gewalt angetan wird. 


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All das sind berechtigte Ansätze. Neu sind sie allerdings nicht. Als Julie Ehrhart und Bernice Sandler Berichten über Gruppenvergewaltigungen an amerikanischen Hochschulen nachgingen, hielten sie diese zunächst für Einzelfälle. Ihre Recherche förderte mehr als 50 Fälle zutage. An manchen Hochschulen hieß es, so etwas passiere beinahe jede Woche.

Die beiden veröffentlichten ihre Ergebnisse für die Association of American Colleges. Ihr Bericht „Campus Gang Rape: Party Games?“ erschien im November 1985. Vor mehr als 40 Jahren. Die Autorin Celeste Davis schreibt dazu: “Wenn Bildung und Aufklärung ausreichen würden, um Männer (...) von Gewalt abzuhalten, dann hätte das verdammt noch mal längst funktioniert.”

Sexuelle Gewalt passiert nicht einfach nur

Der Satz trifft einen wunden Punkt. Wenn wir sexuelle Gewalt vor allem als Bildungsproblem behandeln, bleibt die Vorstellung im Raum, sie passiere manchen Männern irgendwie unabsichtlich. Sie hätten eben noch nicht gelernt, wie ein Nein aussieht. Sexuelle Gewalt schrumpft damit zum Kommunikationsmissverständnis. Die Frau konnte nicht mehr laut Nein schreien? Woher hätte der Mann denn wissen sollen, dass sie keinen Sex wollte?

Dabei setzt Zustimmung voraus, dass jemand überhaupt zustimmen kann. Und selbst wo eine Ablehnung ausgesprochen wird, ist längst nicht gesagt, dass sie auch respektiert wird. Die Philosophin Kate Manne formuliert es so: “Man kann einem Mann beibringen, wie Zustimmung aussieht. Aber man kann ihn nicht zwingen, Wert darauf zu legen.”

Männer erkennen ein Nein auch durch die Blume

Männer sind durchaus in der Lage selbst subtile Ablehnungen zu verstehen. Eine australische Studie untersucht, wie Männer selbst Sex ablehnen und die Ablehnung anderer erkennen. Und siehe da: Auch Männer verwenden Ausflüchte oder Körpersprache, um die Gefühle ihres Gegenübers zu schonen. Und auch sie verstehen solche Signale. Jetzt sagt die Untersuchung nichts darüber aus, wie jeder einzelne Mann in jeder Situation handelt, aber sie widerspricht der Vorstellung einer allgemeinen männlichen Unfähigkeit, indirekte Ablehnung zu begreifen.

Andere Forschung beschreibt Männer, die die Ablehnung einer Frau durchaus erkannt haben. Sie hätten anschließend eben weiter gedrängt, um die Frau umzustimmen oder ihren Widerstand zu zermürben. Das Nein war durchaus angekommen. Sie behandelten es nur als Hindernis, das es zu überwinden galt. 

Selbst das Etikett der Handlung macht einen Unterschied. Eine US-amerikanische Studie unter weißen College-Studenten fragte nach ihrer Bereitschaft zu sexuellen Handlungen unter der Voraussetzung, dass niemand davon erfahren würde und es keine Konsequenzen gäbe. Rund 32 Prozent der Befragten sagten, sie wären bereit eine Frau zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Wurde nach Vergewaltigung gefragt, waren es “nur mehr” knapp 14 Prozent. Die Studie zeigt uns, wie weit die Bereitschaft, Zwang anzuwenden, und die Bereitschaft, dafür das Wort Vergewaltigung zu verwenden, auseinanderliegen können.

Grenzen überschreiten als Zweck

Wir müssen deshalb auch eine unangenehme Möglichkeit ernst nehmen: dass die Missachtung des Willens der Frau zum Reiz dazu gehört. Dass jemand Macht erleben will, indem er eine Grenze überschreitet. Oder Anerkennung bei anderen Männern sucht, indem er eine Frau erniedrigt. Ein Sensibilisierungsworkshop wird dagegen kaum helfen.

Wie wenig die Erklärung vom Mann ausreicht, der leider nicht weiß, wie ein Ja ausschaut, zeigt auch der Prozess um Gisèle Pelicot. Im Dezember 2024 wurden ihr damaliger Ehemann und sämtliche 50 Mitangeklagten verurteilt. Unter den Angeklagten waren Männer aus unterschiedlichen Berufen und Altersgruppen, viele mit eigenen Familien. Mehrere beriefen sich darauf, sie hätten an ein einvernehmliches Geschehen geglaubt, (obwohl die Pelicot bewusstlos war) weil der Ehemann zugestimmt habe. Als könnte ein Mann über die Zustimmung seiner Frau verfügen.

Wer darauf ausschließlich mit einem Erziehungsauftrag antwortet, verschiebt die Verantwortung. Einerseits werden so aus erwachsenen Männern wieder Söhne, deren Eltern oder Lehrer:innen offenbar etwas versäumt haben. Zweitens entlastet uns der Blick auf die Institution. Solange die Schule oder die Uni da in der Zuständigkeit ist, hat das alles nichts mit uns zu tun.

Der Bildungsforscher David Labaree beschreibt dieses Muster als “Pädagogisierung” gesellschaftlicher Probleme. Die Schule sollen ausgleichen, was Politik und gesellschaftliche Verhältnisse hervorbringen. Auf sexuelle Gewalt umgemünzt bedeutet das: Wer einen Sensibilisierungskurs anbietet, braucht an den alltäglichen Machtverhältnissen nicht rütteln. 

Beweislast zur Männlichkeit

Zu diesen alltäglichen Machtverhältnissen gehört übrigens auch ein Männerbild, das Männern ständige Bewährung abverlangt und das von Anfang an. Sei ein Mann. Sei kein Weichei. Männlichkeit muss hergestellt werden, immer und immer wieder, auch und vor allem vor anderen. Wer Verletzlichkeit zeigt oder andere, als weiblich geltende Eigenschaften, riskiert seine Männlichkeit und damit die Abwertung. Unter solchen Bedingungen riskiert jemand, der gegen einen übergriffigen Freund einschreitet, schon die eigene Männlichkeit. 

Celeste Davis verwendet dafür das Bild von Hammer und Nagel. Vielleicht will ein Mann gar nicht zuschlagen. Aber zum Nagel will er auch nicht werden. Also sucht er jemanden, der in der Rangordnung unter ihm steht. Die Angst vor der eigenen Abwertung wird nach unten weitergereicht als Aggression übersetzt. Ganz unten stehen in dieser Hierarchie natürlich Frauen. Wenn wir an dieser grundsätzlichen Spielaufstellung nichts ändern, dann werden wir in fünf, zehn und in 40 Jahren immer noch die gleichen entsetzten Kommentare lesen, wie wir es heute. Es ist ganz so wie es die Autorin Jenna Muro zusammenfasst. “ Du kannst eine Hierarchie nicht abschaffen, solange du jemanden unter dir brauchst, um dich als Mann zu fühlen.” 

Konsequente Prävention muss deshalb die Bedingungen verändern, unter denen Grenzen missachtet werden können. 

Was hilft also?

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Gewalt gegen Frauen als ein Problem, das in der Ungleichheit der Geschlechter wurzelt und diese zugleich aufrechterhält. Dieser zweite Teil ist entscheidend: Gewalt kann eine Rangordnung durchsetzen. Sie bestraft Frauen, die sich widersetzen, und schränkt ihre Freiheit ein.

Konsequente Prävention muss die Bedingungen verändern, unter denen Grenzen missachtet werden können. Dazu gehört die Vorstellung, dass Männlichkeit sich in Überlegenheit beweist. Dass Männer Anspruch auf die Aufmerksamkeit oder die Körper von Frauen hätten. Wer solche Ansprüche für selbstverständlich hält, kann ein Nein durchaus verstehen und sich trotzdem um etwas betrogen fühlen, das ihm vermeintlich zusteht.

Anspruch zur Gleichberechtigung

Deshalb gehört Gleichberechtigung ins Zentrum der Gewaltprävention. Aufklärung über Zustimmung muss auch diese Ansprüche infrage stellen. Wir können unseren Söhnen erklären, dass Frauen gleichberechtigt sind. Glaubwürdig wird das erst, wenn wir die männlichen Vorrechte abbauen, die sie im Alltag als selbstverständlich erleben.

Wo Männer mit der Erniedrigung einer Frau vor ihren Freunden punkten, konkurriert jeder Workshop mit der wichtigsten Währung: unserem Wunsch nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Die Gruppe verschafft Status und schützt sie vor Konsequenzen. Wer einschreitet, riskiert dagegen seine Zugehörigkeit.

An diese Regeln müssen wir heran. Männer, die widersprechen, brauchen Rückhalt. Hochschulen und andere Institutionen müssen gegen jene vorgehen, die Übergriffe decken. Solange Loyalität unter Männern mehr zählt als die Selbstbestimmung einer Frau, bleibt jede Lektion über Zustimmung unglaubwürdig. Eine Frau zu respektieren darf keinen Mann seinen Status kosten. Sie zu erniedrigen schon.


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