Hannah Quinz trägt eine Brille und sieht direkt in die Kamera, der Hintergrund ist blau. In dem Artikel geht es um soziale Durchmischung in Wien.

Die Soziologin Hannah Quinz forscht zur sozialen Durchmischung in Wien.

Foto: Paula Quinz

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/ 26. März 2021

In Wien wohnt der Hausmeister neben der Unternehmensberaterin - zumindest in der Theorie. Die soziale Durchmischung in den Vierteln ist der Stadt ein großes Anliegen. Und Wien hat gegenüber anderen Städten die Nase vorn. Hier gibt es keine eingezäunten Wohnanlagen, keine elenden Armenviertel.

Darauf sollte sich die Stadtverwaltung allerdings nicht ausruhen. Denn auch in Wien werden manche Gegenden immer exklusiver. SpitzenverdienerInnen mit Uniabschluss erkaufen sich praktisch die Abschottung von der restlichen Bevölkerung.

Das ist ein Ergebnis von ForscherInnen, die erhoben haben, wie es um die soziale Durchmischung in Wien steht. Dafür haben sie über die Stadt ein Raster gelegt und nach sozialem Status eingefärbt. Der soziale Status wurde anhand des Einkommens, der Dichte an AkademikerInnen, jener Personen mit Pflichtschulabschluss und der Arbeitslosenquote berechnet.

Eine der ForscherInnen ist die Soziologin Hannah Quinz. Im Interview mit MOMENT erklärt sie, wieso es ein schlechtes Zeichen sein kann, wenn nebenan ein hippes Café aufmacht und dass wir Gemeindebauten nicht über einen Kamm scheren dürfen.


MOMENT: Wie würde die Wien-Karte aussehen, wenn wir eine starke soziale Durchmischung hätten?

Hannah Quinz: Dann wäre die Karte ein ganz bunter Fleckerlteppich an Farben. So wie die Lage in Wien aktuell ist, sehen wir, dass bestimmte Gegenden sehr wenig durchmischt sind. In der Inneren Stadt herrscht beispielsweise der hohe soziale Status, wie man leicht erkennen kann.


MOMENT: Dort ist alles gelb.

Hannah Quinz: Genau. Dann gibt es aber auch Gebiete in Wien, die bunter sind. Etwa zum Teil in der Donaustadt oder in Floridsdorf. Daraus können wir schließen, dass Menschen aus unterschiedlichen Gruppen nah beieinander wohnen.


MOMENT: Wieso ist so eine Durchmischung von unterschiedlichen sozialen Gruppen wichtig?

Hannah Quinz: Die soziale Durchmischung ist in Wien ein großes Thema für die sozialdemokratische Stadtentwicklung seit dem "Roten Wien". Für sie ist es wünschenswert, dass möglichst unterschiedliche Gruppen nebeneinander wohnen und nicht strikt getrennt sind. Von den Unterschieden sollen sie profitieren und die Stadt ein lebenswerter Raum für alle bleiben. In dem Zusammenhang werden aber vor allem Gegenden mit niedrigem Status zum Problem gemacht. Dort, wo viele Menschen arbeitslos und formal niedrig gebildet sind und weniger Einkommen haben. Das ist aber nur die eine Seite. Umgekehrt ist es genauso problematisch, wenn eine Gegend fast nur von sehr wohlhabenden Menschen bewohnt wird. Wenn sich die Bevölkerungsgruppen voneinander abgrenzen, können soziale Konflikte entstehen und auch die Mitte gerät unter Druck.

MOMENT: Ihr seid in der Analyse draufgekommen, dass Wien nicht so sozial durchmischt ist, wie gerne behauptet wird.

Hannah Quinz: Ja. Es gibt immer noch eine breite Zone, in der diese Durchmischung aufgeht, vor allem in der gesellschaftlichen Mitte. Gleichzeitig gibt es den globalen Trend, dass sich Ungleichheiten immer mehr verschärfen. Die Schere geht auf. Das passiert auch in Wien. Es gibt Tendenzen zur Polarisierung in statushohe und statusniedrige Gebiete. Auf der einen Seite entstehen Wohlstandszonen, also zunehmend teure und exklusive Wohngebiete, die sich ausweiten. Auf der anderen Seite Gebiete, in denen der Lebensstandard abnimmt, die Kaufkraft sinkt und die Arbeitslosigkeit hoch ist.


MOMENT: Wie unterscheidet sich das Leben je nach Status des Wohngebiets?

Hannah Quinz: Um darauf eine konkrete Antwort zu geben, brauchen wir mehr qualitative Forschung. Das heißt, wir müssten mit den Menschen sprechen, die dort wohnen. Aus der Daten-Analyse gibt es aber trotzdem wichtige Ergebnisse. Besonders auffällig ist, dass die Menschen in statusniedrigen Stadtteilen viel dichter wohnen. Dort haben BewohnerInnen im Schnitt 60,5 Quadratmeter an Stadtfläche zur Verfügung. In den statushohen Teilen sind es pro Person 206,4.

MOMENT: In Wien ist immer wieder die Rede davon, dass besserverdienende Menschen ärmere Stadtteile mit ihren Cafés, Kunstshows und Eigentumswohnungen "aufwerten". Was hat das für Folgen?

Hannah Quinz: Wenn Gebiete mit Cafés oder Kulturangeboten belebt werden, ist das für sich genommen eine gute Sache. Allerdings führt diese Aufwertung - im Fach nennen wir das Gentrifizierung - oft dazu, dass die Mieten teurer werden. Nämlich vor allem dann, wenn sie mit Investitionen in Gebäudesanierung oder Neubauten verbunden ist. Die Menschen, die seit Jahren in dem Stadtteil wohnen, können sich diese Miete dann vielleicht nicht mehr leisten und müssen wegziehen. Sie werden verdrängt. Das kann auch ein Grund dafür sein, dass sich statusniedrige Gruppen an einem Ort konzentrieren. Also dort, wo sie sich das Wohnen noch leisten können.
 

MOMENT: Im Bericht schreibt ihr: Die einen wohnen dort, wo sie können, die anderen wohnen dort, wo sie wollen.

Hannah Quinz: Genau. Und wenn viele an einem Ort wohnen wollen, dann kann es passieren, dass die anderen dort nicht mehr wohnen können. Der Wohnungsmarkt ist überteuert, die Hürden zu gefördertem Wohnbau für viele zu hoch. All das schränkt bei der Wohnungssuche ein.


MOMENT: Gibt es in Wien schon klar abgrenzte Gegenden, in denen wirklich nur mehr die Leute leben, die sich nichts anderes leisten können?

Hannah Quinz: So sehr verschärft ist die Situation in Wien noch nicht. Aber es gibt durchaus Hinweise darauf, dass sich Armut in kleinen Gebieten verfestigt.


MOMENT: Welche Rolle spielen Gemeindebauten für die soziale Durchmischung in Wien?

Hannah Quinz: In einigen Gebieten, in denen der soziale Status gesunken ist, gibt es viel kommunalen Wohnbau. Dort haben die Menschen zum Beispiel auch weniger Kaufkraft als ein paar Jahre davor. Gemeindebauten spielen eine wichtige Rolle für leistbaren Wohnraum. Unter aktuellen Bedingungen besteht das Risiko, dass sich bestimmte benachteiligte Bevölkerungsgruppen dort verdichten. Gemeindebauten sind aber sehr unterschiedlich, eine allgemeine Aussage lässt sich schwer treffen. Der Karl-Marx-Hof ist zum Beispiel ein Ausreißer. Dort ist der soziale Status gestiegen.
 

MOMENT: Ihr habt verglichen, wie sich das Einkommen von 2012 bis 2017 je nach Status entwickelt hat. Was ist da herausgekommen?

Hannah Quinz: Die meisten Einkommen sind langsamer gewachsen als die Inflation. Nur das Einkommen in den statushohen Gebieten ist im Vergleich zu anderen stark gewachsen. Sie sind praktisch vom Trend abgekoppelt. Daraus können wir schließen, dass sich besonders im Einkommen Ungleichheiten zwischen Teilen Wiens verstärken.
 

MOMENT: Was kann die Stadt jetzt tun, um soziale Durchmischung zu fördern?

Hannah Quinz: Die Stadtpolitik muss ich für leistbares Wohnen einsetzen. Die soziale Durchmischung muss bei der Stadtplanung mitgedacht werden. Es geht nicht nur um Wohnen, sondern, im Jargon der Stadtforschung, um integrierte Stadt- und Quartiersentwicklung. Das heißt, es braucht auch eine Stärkung der Infrastrukturen für Soziales, Bildung, Gesundheit, Mobilität sowie Förderung ökonomischer und kultureller Aktivitäten. Natürlich trifft hier viel zusammen. Die Verteilungsfrage ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, das auf der kommunalen Ebene nicht alleine gelöst werden kann.

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