Eine Frau von hinten in schwarz weiß, sie beug den Kopf nach vorne, sodass man nur einen Teil der Haare sieht. Es ist ein trauriges Foto.

Was tun, wenn die Spirale rausgebrochen ist? Betroffene werden alleine gelassen.

Foto: Volkan Olmez für Unsplash

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/ 6. August 2021

Was tun, wenn die Spirale einfach rausbricht? Wir haben mit sieben Betroffenen gesprochen. Beteiligte schieben die Verantwortung von sich weg.


Johanna sitzt am Klo und sieht sich auf Instagram Storys an, als sie einen Fremdkörper in ihrem Gebärmutterhals spürt. Sie fängt an zu pressen und schon bald sieht sie, dass etwas aus ihr herausschaut. Johanna zieht daran und hat plötzlich etwas in der Hand. Unter Schock betrachtet sie das Ding, es ist länglich, hell. Und dann dämmert es Johanna: Sie hält ihre Spirale in der Hand. Aber die Ärmchen fehlen.

Sie holt sich in der Apotheke die Pille danach, erst vor ein paar Tagen hatte sie Sex mit ihrem Freund. Ihre Gynäkologin ist auf Urlaub, es dauert eine Woche, bis Johanna endlich untersucht wird. Die Ärztin entdeckt ein Ärmchen, es steckt noch immer im Gebärmutterhals. Das zweite ist nicht zu sehen, es ist wohl unbemerkt abgegangen. "Dann hat mir meine Ärztin gesagt, dass ich schwanger bin." Schweren Herzens entscheidet sich Johanna für eine medikamentöse Abtreibung.

Johanna erlebt den Albtraum jeder Frau, die verhütet, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. Eine Spirale ist grundsätzlich extrem sicher, nur selten gibt es Komplikationen. Aber genau diese häufen sich bei einem bestimmten Hersteller seit Jahren.

Spirale rausgefallen: Am Bett, am Tampon, verschwunden

MOMENT spricht insgesamt mit sieben betroffenen Frauen. Bis auf Johanna wollen alle anonym bleiben, das Thema ist zu intim. Ihre Namen sind in diesem Text geändert.

Alle sieben Frauen hatten eine Spirale der spanischen Firma Eurogine, eingesetzt zwischen 2014 und 2018, verloren zwischen 2019 und 2021. Da ist Lara, die ihre Spirale nach dem Sex auf dem Bett entdeckte und die während des Gesprächs immer noch ein abgebrochenes Ärmchen in sich trägt. Anita, die ihre Spirale an ihrem gebrauchten Tampon fand. Vera, die bei einem Kontrolltermin erfuhr, dass ihre Spirale einfach verschwunden war.

Lara hat ihre Spirale nach dem Sex im Bett gefunden, ein Ärmchen fehlt.

Foto: privat

Auch wenn ihre Geschichten sich unterscheiden, eines haben alle sieben Frauen gemeinsam: Niemand hat sie über die defekten Spiralen informiert. Dabei sind die Probleme seit Jahren bekannt. Ein Materialfehler führt dazu, dass manche Spiralen von Eurogine leicht brechen. Oft beim Herausholen, manchmal einfach so, spontan im Unterleib der Trägerin.

Wenn ein Lebensmittel möglicherweise verunreinigt ist, hängen Zettel bei den Kassen in Supermärkten aus. Kund:innen können die Produkte zurückbringen und erhalten ihr Geld zurück. Der Ablauf ist klar, wenn es um Müsli, Brot oder Erdnussbutter geht. Aber was passiert, wenn womöglich tausende fehlerhafte Produkte in den Körpern von Frauen stecken?

 


Was ist eine Spirale, wie funktioniert sie?

Wer langfristig und sicher verhüten will, kann zur Spirale greifen. Die häufigste Form ist die Kupferspirale, es gibt aber auch Goldspiralen, Silberspiralen und Hormonspiralen. Sie werden in der Gebärmutter eingesetzt und verhindern eine Schwangerschaft. Meist kosten sie mehrere hundert Euro, sie können bis zu 10 Jahre lang wirksam bleiben. Nebenwirkungen oder Komplikationen sind eher selten. Das Einsetzen kann allerdings sehr schmerzhaft sein.


 

Eurogine: Warnungen ins Leere

In Deutschland und Frankreich warnten die öffentlichen Behörden 2019 offiziell vor möglichen Defekten. Und in Österreich? Dauerte es bis Herbst 2020.

Viel zu spät, kritisiert der Jurist Peter Kolba vom Verbraucherschutzverein. Bei ihm haben sich mittlerweile 1.400 Betroffene gemeldet. Rund 60 von ihnen sind aus Deutschland, eine Handvoll Meldungen gab es aus der Schweiz. Die restlichen Betroffenen sind aus Österreich.

Der Verbraucherschutzverein hat eine Sammelaktion ins Leben gerufen. Denn wer keine Rechtsschutzversicherung hat, ist mit den Risiken einer Privatklage allein. Die Sammelklage, die der Verein gerade vorbereitet, steht allen geschädigten Frauen offen.

Der Hersteller verteidigt sich: Zwar kam es zu einer Häufung von Brüchen, sie seien aber immer noch sehr selten.

Kolba widerspricht: "Wenn man die Gefährlichkeit eines Produktfehlers dadurch abschätzt, wie viele Geschädigte sich bei einer ihnen unbekannten Stelle melden, dann werden das immer wenige sein."

Schon im Jahr 2018 meldete der Hersteller dem Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) mögliche Probleme in mehreren Chargen. Seitdem wurden die Herstellerwarnungen mehrmals aktualisiert und ausgesandt, heißt es aus der Pressestelle des BASG. Aber das Bundesamt selbst hat erst im September 2020 auf seiner Website öffentlich vor möglichen Defekten gewarnt.

Warum wurden die betroffenen Frauen nicht gewarnt?

Die Behörde erklärt in einem Statement an MOMENT: Solange der Hersteller alle nötigen Schritte setze, müsse das Amt nicht einschreiten. In diesem Fall hätte das BASG die "Aktivitäten des Herstellers" als "ausreichend" bewertet.

Es ist nicht nachvollziehbar, wie viele Gynäkolog:innen die Informationen erhalten haben. Es ist unmöglich herauszufinden, wie viele Patientinnen von ihren Ärzt:innen über die möglichen Defekte informiert wurden.

Klar ist allerdings: Weder Herstellerinformationen noch die Warnung des Bundesamts erreichen die betroffenen Personen direkt. Alleine die Frauenärzt:innen können die Patientinnen über mögliche Komplikationen informieren.

Die sieben Frauen, die MOMENT ihre Geschichte erzählt haben, waren bei Kassenärzt:innen und bei privaten, manche haben oft gewechselt, andere sind Stammpatient:innen. Keine einzige wurde von den Ärzt:innen über die neu bekannt gewordenen Risiken informiert.

Beschädigtes Vertrauen

Schlimmer noch, berichtet Vera: "Ich wollte wegen der Sammelklage noch Informationen von meiner alten Ärztin und habe bestimmt schon drei mal dort angerufen. Sie sagen, sie schauen nach und melden sich, aber ich habe nie wieder etwas gehört."

Lara hat oft gewechselt, insgesamt hat sie seit dem Einsetzen mit drei Gynäkolog:innen über die Spirale gesprochen. "Mich hat niemand gewarnt, dass das passieren kann."

Nina sieht die Schuld unter anderem bei ihrem Arzt. "Als er einen Teil vom Ärmchen entfernt hat, hat er nichts davon gesagt, dass ich kein Einzelfall bin. Erst als ich selbst von der Sammelklage gehört und ihn darauf angesprochen habe, hat er mir gesagt, das ist schon länger bekannt." Obwohl das Vertrauen geschädigt ist, bleibt Nina bei ihrem Gynäkologen. "Es ist schwierig, einen guten Frauenarzt zu finden", sagt sie.

Ninas Spirale ist rausgebrochen, ein kleiner Teil des Armes aber steckengeblieben. Ihr Arzt konnte es entfernen.

Foto: privat

Der Spagat zwischen Verunsicherung und Information

Wieso wurden die Patientinnen nicht informiert? "Das ist gar nicht so einfach", sagt Philipp Reif. Er leitet die Stelle für Familienplanung an der Meduni Graz. Denn nur bestimmte Chargen seien betroffen, die Chargennummer aber meist nicht elektronisch abgespeichert. Man könne also die Karteien oft nicht einfach nach den betroffenen Nummern durchsuchen.

Reif gibt zu bedenken, dass nur ein kleiner Teil der Eurogine-Spiralen tatsächlich fehlerhaft seien. "Die Frage ist, ob es sinnvoll ist, die Spiralen vorsorglich zu entfernen." Aber was spräche dagegen, alle Patient:innen mit Eurogine-Spirale über das Risiko zu informieren? "Der Spagat zwischen Verunsicherung und Information ist schwierig", sagt Reif.

Er kritisiert die späte Warnung durch das Bundesamt, die mehr Gewicht habe als Briefe vom Hersteller. Denn Informationen über Nebenwirkungen und Fehler von Herstellern würden massenweise eintreffen. Oft stünden sie in keinem Zusammenhang mit dem eigenen Fachbereich, wichtige Warnungen seien zwischen Werbung versteckt.

Der Hersteller Eurogine beantwortete die Fragen von MOMENT bis zum Redaktionsschluss nicht.

Wie geht es weiter?

So richtig verantwortlich fühlt sich also niemand. Der Hersteller Eurogine schiebt die Verantwortung auf die Ärzt:innen, diese sehen die Schuld beim Bundesamt und das meint wiederum, es sei alles korrekt abgelaufen. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) antwortet auf eine parlamentarische Anfrage, aus seiner Sicht seien keine weiteren Maßnahmen nötig.

Zurück bleiben hunderte, vielleicht sogar tausende, Frauen, die durch den Bruch ihrer Spirale emotional und psychisch belastet wurden, manche wurden ungewollt schwanger, andere mussten operiert werden. Viele haben das Vertrauen in ihre Frauenärzt:innen verloren. Dazu kommen die Kosten für die defekten Spiralen, private Arztbesuche, die Pille danach und in Johannas Fall sogar die der Abtreibung.

Johanna hat kurz nach dem Bruch ihrer Spirale selbst eine Instagram-Story aufgenommen und ihre Geschichte geteilt. "Das Filmen ist mir nicht leicht gefallen, ich habe dabei geweint. Aber es haben sich bei mir dutzende Betroffene gemeldet, die gar nicht wussten, dass sie nicht alleine sind. Deswegen will ich mich starkmachen in der Sache. Wir müssen schon genug hinnehmen."

 

 

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