Mythos Abgabenquote: Wie mit einem naiven Verständnis falsche Politik gemacht wird
“Wir brauchen keine Kettensäge, aber…” titelt Hans Rauscher seine Kolumne im Standard und eröffnet sie mit dem Hinweis darauf, dass “[d]ie Staatsquote in Österreich im Jahr 2024 knapp 55 Prozent [betrug]”.
Tatsächlich ist der Verweis auf vermeintlich hohe Staats- und Abgabenquoten eines der häufigsten Argumente, um Forderungen nach Erbschafts- oder Vermögenssteuern abzuwehren. So auch kürzlich die Industriellenvereinigung in einer Aussendung:
“Die Industriellenvereinigung (IV) erteilt den in der ORF-Pressestunde erneuerten Forderungen nach einer Erbschafts- und Millionärssteuer und weiteren Sonderabgaben eine klare Absage. „Österreich hat mit rund 43 Prozent des BIP eine der höchsten Abgabenquoten Europas.”
Die Wirtschaftskammer bläst ins selbe Horn:
“Die Debatte rund um die Erbschafts- und Vermögenssteuer nimmt wieder Fahrt auf. Befürworter argumentieren, dass damit Arbeit entlastet werden könnte. Kritiker halten dagegen: Österreich zählt bereits jetzt zu den Ländern mit der höchsten Steuer- und Abgabenquote in der EU.”
Aber ist eine hohe Staats oder Steuer- und Abgabenquote überhaupt ein Problem? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den beiden? Und: warum steigt die Staatsquote eigentlich gerade dann, wenn Länder wohlhabender werden? Ja, könnte es sogar sein, dass eine höhere Staatsquote wünschenswert ist?
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Zunächst einmal: Was sind Staatsquote und Abgabenquote? Sie sind sehr einfache Maßzahlen, die die Wirtschaftsleistung ins Verhältnis zu anderen Dingen setzen. Sie Staatsquote sagt, wie viel der Staat im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung ausgibt. Die Abgabenquote sagt, wie viel Steuern und Abgaben im Verhältnis dazu geleistet werden. Beide sagen gar nichts darüber aus, wie effizient und wirksam das ist.
Unterschied zwischen Österreich und Schweiz
Besonders gut zeigen lässt sich das am Beispiel der Schweiz, die auch in Österreich immer wieder als Vorbild herhalten muss. Denn während die Steuer- und Abgabenquote in Österreich 2025 bei 44,2 Prozent lag, betrug sie in der Schweiz gerade einmal 27,4 Prozent. Das klingt so, als würde die Schweiz ähnlich wohlhabend sein, obwohl sie weniger Steuern einhebt. Aber wie lässt sich dieser enorme Unterschied wirklich erklären?
Die Antwort hat vor allem mit dem Unterschied zwischen zwei sehr ähnlich klingenden Wörtern zu tun: Versicherungspflicht und Pflichtversicherung.
Was unterscheidet Pflichtversicherung und Versichungspflicht?
In Österreich sind sowohl Pension als auch Gesundheitsversorgung als Pflichtversicherung geregelt. Man hat nicht wirklich eine Wahl über die Versicherung. Alles passiert praktisch automatisch, alle sind dabei und die Versicherungen müssen deshalb auch keine enorme Geldsummen ausgeben, um ein Produkt zu verkaufen. Weil das alles Pflicht ist, wird es zur Steuer- und Abgabenquote gezählt. Und Pension und Gesundheitsversorgung sind zwei große finanzielle Bereiche.
In der Schweiz ist es anders. Dort gilt Versicherungspflicht. Auch dort müssen die Menschen eine Pensions- und eine Gesundheitsvorsorge abschließen, sie können aber zwischen verschiedenen, staatliche streng regulierten Anbietern auswählen. Diese Wahlfreiheit hat aber eine Preis: neben vermeidbaren Marketingkosten kommt es zum Beispiel im Gesundheitsbereich zu einem Wettbewerb um jüngere und gesündere Mitglieder. Es braucht einen komplizierten “Risikostrukturausgleich” zwischen den Versicherungen.
Weder für die Bevölkerung noch für den Staat ist das System besser. Es ist komplizierter, wird durch Werbekosten aufgebläht. Die Ausgaben sind vergleichbar hoch und sie sind ebenso verpflichtend. Ein Vorteil ist es nur in der Statistik im internationalen Vergleich. Weil es eine “Wahlfreiheit” gibt, sind die Ausgaben weder in der Staatsquote noch in der Abgabenquote enthalten.
Staatsquote und statistische Spielchen
Wie wenig die Staatsquote als Maßstab wirklich aussagt, zeigt auch das Beispiel der Familienbeihilfe in Österreich. Die ist eine direkte staatliche Transferzahlung. Das heißt: Zunächst werden Steuern (von allen Steuerpflichtigen) eingehoben und dann die Familienbeihilfe gezielt an Familien mit Kindern ausgeschüttet.
Man könnte das auch anders machen. Zum Beispiel könnten alle Familien, die Steuern zahlen, einfach einen Betrag von der Steuer absetzen. Und den Familien, die keine oder zu wenig Steuern zahlen, würde man dann die Familienbeihilfe auszahlen. Die Leistungen blieben in so einem Modell exakt die gleichen, aber die Staatsquote würde durch diese Maßnahme um knapp ein Prozent sinken. Es ist ein rein statistisches Phänomen.
Was bedeutet eine hohe Staats- und Abgabenquote?
Die absolute Höhe von von Staats- und Abgabenquote ist also nicht besonders aussagekräftig. Zusätzlich stellt sich die Frage, ob eine hohe Abgabenquote überhaupt einen Nachteil für den Wohlstand einer Gesellschaft darstellt.
Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Länder mit der niedrigsten Staatsquote nicht gerade zu den wohlhabendsten und sichersten Weltgegenden zählen: die niedrigste Staatsquote weisen Länder wie Haiti, Sudan, Somalia, Jemen, Äthiopien oder Turkmenistan auf.
Tatsächlich ist es so, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Wohlstand eines Landes und der Steuer- und Abgabenquote gibt - und zwar einen positiven Zusammenhang: reichere Volkswirtschaften haben im Schnitt höhere Staats- und Abgabenquoten.
Jetzt wissen wir natürlich, Korrelation, also ein statistisch nachgewiesener Zusammenhang, ist nicht dasselbe wie Kausalität: eine Erklärung für den Zusammenhang könnte sein, dass sich staatliche Investitionen in Gesundheits- und Bildungssysteme auszahlen und so einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten; eine andere Erklärung wäre, dass wirtschaftlich erfolgreiche Staaten mehr Mittel für diese staatlichen Leistungen zur Verfügung haben. Wahrscheinlich ist an beidem etwas dran, die beiden Erklärungen schließen einander nicht wechselseitig aus.
Hinzu kommt aber auch noch ein Effekt, der erstmals in den 1960er Jahren vom US-Ökonomen William Baumol beschrieben wurde und seither nach ihm als Baumol-Effekt bezeichnet wird: technologischer Fortschritt lässt die Produktivität nicht in jedem Sektor der Wirtschaft in gleichem Maße steigen.
Produktivität und Staatsquote
Während in der Automobilindustrie inzwischen immer mehr Arbeit von Robotern übernommen wird, die rund um die Uhr ohne Ermüdungserscheinungen arbeiten können, ist das im Bereich von Kinderbetreuung, Schulunterricht oder Pflege trotz KI noch lange nicht absehbar. Das führt aber dazu, dass die Kosten von Arbeit in diesen Bereichen im Vergleich zu denen, die “produktiver” werden, steigen.
Und das ist auch gut und wichtig. Höhere Produktivität bedeutet mehr Güter und Dienstleistungen. Die lassen sich aber nur verkaufen, wenn die Menschen auch Geld dafür ausgeben können. Deshalb steigen die Löhne in Sektoren mit schnellem technischen Fortschritt in der Regel niedriger als die Produktivität, während sie in anderen Sektoren trotzdem zulegen. Nur so kann sich eine Volkswirtschaft nachhaltig entwickeln.
Welche Arbeit wird denn vom Staat bezahlt?
Jetzt ist es aber so. Die Bereiche, in denen Maschinen weniger beitragen - Kinderbetreuung, Gesundheit, Pflege - haben zwei Dinge gemeinsam:
Erstens sind sie in Österreich, Deutschland und anderen Ländern mit ausgebauten Sozialstaaten vor allem öffentlich und solidarisch finanziert.
Zweitens werden wir im Schnitt erfeulicherweise älter. Das bedeutet aber auch, dass auf absehbare Zeit vor allem bei Gesundheit und Pflege mehr Ausgaben anfallen werden.
Die ungleichen Steigerungen von Produktivität und die alternde Bevölkerung bedeutet deshalb: die Staatsquote steigt. Und das ist auch gut so, weil sich nur so die Qualität von Bildungs-, Gesundheits- und Pensionsystem aufrecht erhalten lässt.
Genau deshalb ist es so gefährlich, wenn die Staatsquote leichtfertig zum Problem erklärt wird und einfach nach einer Senkung geschrien wird. Das geht nämlich nur durch Sozialabbau oder Privatisierung. Die Folgen davon treffen jene mit niedrigeren Einkommen und ohne nennenswertes Vermögen am meisten.
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