Lifestyle-Teilzeit: Wenn die Politik an der Wirklichkeit vorbei poltert
Wir müssen über Teilzeit reden, Leute. Weniger Lifestyle, mehr Leistung ist die Parole der Stunde. Lifestyle. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Eine Mutter reduziert ihre Stunden, weil der Kindergarten um 14 Uhr schließt. Lifestyle. Eine Verkäuferin bekommt vom Betrieb nur eine Teilzeitstelle angeboten. Lifestyle. Eine Pflegerin schafft Vollzeit nicht, weil der Dienstplan ihren Körper ruiniert. Lifestyle.
Das ist der Trick an diesem Wort. Es macht aus einem politischen Problem einen persönlichen Charakterfehler. So klingt es jedenfalls, wenn über Teilzeit geredet wird.
Von konservativen Politikern. Von Wirtschaftsvertretern. Von Leuten, deren größtes körperliches Arbeitsrisiko wahrscheinlich die schlechte Sitzhaltung im Fernsehstudio ist.
Die Debatte gibts ja schon länger. Schon 2023 hat der damalige Arbeitsminister Martin Kocher vorgeschlagen, Sozialleistungen für - freiwillige - Teilzeit zu kürzen. Ex-Bundeskanzler Karl Nehammer hat laut über Kinderarmut nachgedacht, die es ja wohl nicht geben könne, weil so ein Mäci-Burger ist doch eh so billig und meinte unter anderen: Wenn er zu wenig Geld habe, geht er mehr arbeiten. Auch in Deutschland hat der Wirtschaftsflügel der CDU unter dem Schlagwort „Lifestyle-Teilzeit“ vorgeschlagen, das Recht auf Teilzeit einzuschränken. Bundeskanzler Friedrich Merz fordert dazu einen Mentalitätswechsel: weniger Lifestyle, mehr Leistung. Also wieder einmal: Die Leute sollen mehr hackeln.
Wer arbeitet wofür wieviel?
Schauen wir uns einmal an, wer in dieser Geschichte eigentlich weniger arbeitet. Wer weniger arbeiten kann. Und wer am Ende einfach weniger bezahlt wird.
Dank des Sparpakets gewinnt die Debatte ja jetzt ordentlich an Brisanz. Was liegt am Tisch: Bisher gibt es bei geringen Einkommen eine Staffelung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge: bis 2.225 Euro brutto im Monat zahlen Arbeitnehmer:innen keinen Arbeitslosenversicherungsbeitrag, danach steigt der Beitrag auf ein und zwei Prozent, erst über 2.630 Euro brutto gilt der volle Satz von 2,95 Prozent. Diese Entlastung soll im Zuge der Budgetsanierung zurückgefahren werden. Für viele Beschäftigte heißt das: weniger Netto vom Brutto. Das Sparpaket schaut auf dem Konto von Menschen, die kleine Gehälter beziehen, aus wie eine Lohnkürzung.
Niedriges Einkommen? Wahrscheinlich Frau
Und das betrifft ganz schön viele. wen trifft das? 1,4 Millionen Beschäftigte werden weniger Nettoeinkommen haben. Aber fast eine Million davon sind Frauen, nur etwa 420.000 Männer. Sieben von zehn Betroffenen sind also weiblich. Vier von zehn aller Betroffenen sind teilzeitbeschäftigte Frauen. Also genau jene Gruppe, die ohnehin oft wenig verdient, wenig Vermögen hat, schlechtere Pensionen bekommt und zu Hause noch unbezahlte Arbeit miterledigt.
In der politischen Erzählung hört sich das natürlich ganz anders. Da ist die Teilzeit ja eine private Vorliebe. Ein bisschen mehr Freizeit. Ein bisschen mehr Selbstverwirklichung. Die Realität ist deutlich weniger romantisch.
Teilzeit? Wahrscheinlich Mutter
Österreich hat bei Müttern die höchste Teilzeitquote in der EU. Sieben von zehn Müttern arbeiten Teilzeit. Der EU-Schnitt liegt bei rund einem Drittel. Besonders auffällig ist der Abstand zwischen Müttern und Frauen ohne Kinder. In Österreich beträgt dieser Unterschied 37 Prozentpunkte, im EU-Schnitt nur 13 Prozentpunkte. Kinder verändern in Österreich das Erwerbsleben von Frauen massiv. Bei Männern passiert das schlicht nicht.
Das hat nichts damit zu tun mit einem besonderen österreichischen Mutterinstinkt. Das ist Politik. Wenn Kinderbetreuung fehlt, wenn Kindergärten zu früh schließen, wenn Nachmittagsbetreuung wackelt, wenn Pflege in der Familie landet, dann MUSS irgendwer die Erwerbsarbeitszeit reduzieren. Und in Österreich ist dieser irgendwer meistens die Mama.
Betreuungspflichten als Teilzeit-Grund
Fast jede zweite Frau, die in Teilzeit arbeitet, sagt, das liegt an der Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. In Dänemark sind es gerade einmal vier Prozent, die dass sagen. Im EU-Schnitt sind es 33 Prozent. Also: Das ist kein Naturgesetz. Das ist ein schlecht gebautes System.
Bei Frauen zwischen 30 und 49 ist Teilzeit deshalb - nona - besonders häufig. Mit Kindern unter 15 Jahren im Haushalt wird Teilzeit für Frauen fast zum Regelfall: Fast 80 Prozent arbeiten in Teilzeit. Bei Männern sinkt die Teilzeitquote in dieser Gruppe auf knapp acht Prozent.
Unbezahlte Arbeit als Lifestyle-Problem
Jetzt muss man sich das einmal vorstellen. Eine Frau bekommt ein Kind, reduziert ihre Stunden, organisiert Betreuung, Arzttermine, Ferien, Elternabende, und den Anruf aus dem Kindergarten, weil das Kind Fieber hat. Und muss sich dann von irgendeinem Mann im Fernsehen anhören, sie habe ein Lifestyle-Problem.
Aber es geht noch weiter. Denn die Debatte tut ja auch so, als hätten Arbeitnehmer:innen jederzeit die freie Wahl zwischen Vollzeit und Teilzeit. Als gäbe es irgendwo in der Schublade des Arbeitgebers einen Vollzeitvertrag, den sie nur aus Trotz nicht unterschreiben.
Unternehmen müssen nicht Vollzeit anbieten
Viele Menschen arbeiten Teilzeit, weil Unternehmen nur genau solche Jobs anbieten, wie ein Blick auf AMS-Stellendaten verätt. Über alle Branchen hinweg ist nur jede siebente offene Stelle ausschließlich in Teilzeit ausgeschrieben. In Branchen mit vielen weiblichen Beschäftigten schaut es anders aus. Im Gesundheits- und Sozialwesen sind drei von zehn offenen Stellen nur Teilzeit. Im Erziehungs- und Unterrichtssektor ebenfalls. Im Handel sind es 26 Prozent.
Ist ja auch praktisch. Vor allem, weil dank der Teilzeitkräfte Unternehmen maximal flexibel sind. Teilzeitkräfte springen ein, gleichen Spitzen aus, machen Mehrstunden - und das alles so schön günstig! Wenn Teilzeitkräfte Mehrstunden machen, liegt ihr Zuschlag bei nur 25 Prozent. Bei Überstunden von Vollzeitkräften sind es 50 Prozent.
Mehr Arbeiten? Geht nicht
Und noch etwas passt nicht zur Erzählung von der angeblich faulen Teilzeitgesellschaft. Sehr viele Teilzeitbeschäftigte würden gerne mehr arbeiten. Laut einer WIFO-Studie möchten rund 170.000 Teilzeit-Beschäftigte ihre Arbeitszeit um durchschnittlich zwölf Stunden pro Woche erhöhen. Da liegen also schon jetzt 2 Millionen zusätzliche Arbeitsstunden pro Woche herum, aber halt nicht dort, wo die Moralapostel sie suchen.
Und wer reduziert wirklich freiwillig Arbeitszeit? Der Arbeitszeitreport des Momentum-Instituts zeigt: Die stärkste Arbeitszeitreduktion der letzten Jahre gab es bei den Besserverdienenden. Beschäftigte im reichsten Einkommenszehntel haben ihre Arbeitszeit seit 2014 um fast drei Wochenstunden reduziert, also um rund sieben Prozent. In ärmeren Einkommensgruppen fiel die Reduktion viel geringer aus, teilweise zeigen die Daten sogar längere Arbeitszeiten.
Das heißt: Die Freiheit, weniger zu arbeiten, hat man vor allem weiter oben.
Wer wenig verdient, kann sich weniger Arbeit oft gar nicht leisten. Die Kassierin kauft sich keine zusätzliche Freizeit mit Lohnverzicht. Sie schaut, wie sie Miete, Essen, Strom und Kinderturnschuhe stemmt. Wer hohe Einkommen hat, Vermögen besitzt oder Kapitalerträge bekommt, kann sich Freizeit leichter leisten.
Wo Nichtleisten sich lohnen muss
Und jetzt kommen wir zu der Gruppe, über die in der Arbeitsmoral-Debatte fast nie gesprochen wird: Erb:innen.
Wenn Politik wirklich will, dass möglichst viele Menschen möglichst viel arbeiten, müsste sie große Erbschaften sehr genau anschauen. Denn die ökonomische Forschung zeigt seit Jahrzehnten: Wer erbt, reduziert mit höherer Wahrscheinlichkeit seine Arbeitszeit. In der Literatur heißt das “Carnegie Effect”. Die Idee dahinter: Wer arbeitsfrei an Vermögen kommt, möchte und muss weniger Stunden arbeiten.
Eine Analyse von US-Steuerdaten hat schon in den 90er Jahren gezeigt: Große Erbschaften senken die Erwerbsbeteiligung. Eine alleinstehende Person mit einer Erbschaft von etwa 150.000 Dollar steigt viermal so wahrscheinlich aus dem Arbeitsmarkt aus wie eine Person mit einer Erbschaft unter 25.000 Dollar.
Bei Erbschaft? Freizeit - steuerfrei
Neuere Forschung bestätigt den Mechanismus. Eine Studie aus Deutschland zeigt: Nach einer Erbschaft arbeiten Frauen seltener Vollzeit, gewünschte und tatsächliche Arbeitsstunden sinken im Durchschnitt um bis zu zwei Stunden pro Woche. Je größer die Erbschaft, desto größer der Effekt auf den Arbeitsmarkt, wie eine norwegische Studie belegt. Bei großen Erbschaften sinkt das Arbeitsangebot um bis zu 10 Prozent.
Eine andere Studie schaut sich die Erbschaftsbesteuerung für Deutschland an und kommt zu einem spannenden Ergebnis: Für jeden Euro Erbschaftsteuer, den der Staat direkt einnimmt, kommen zusätzlich rund neun Cent Lohnsteuereinnahmen dazu, weil Erb:innen dann mehr arbeiten. Das ist die eigentliche Pointe der Lifestyle-Debatte.
Wir halten jeder Mutter wegen ihrer meist unfreiwilligen Teilzeit einen Vortrag über fehlende Arbeitsmoral, aber streicheln die Millionenerbschaften steuerlich. Unter dem Deckamantel der angeblichen Leistungsdebatte schützen wir arbeitsfreie Einkommen und beschimpft jene, die bezahlt und unbezahlt den Laden am Laufen halten.
Denn was ist die Botschaft gerade?
Die Pflegerin soll mehr Stunden machen. Die Verkäuferin soll mehr Stunden machen. Die Alleinerziehende soll mehr Stunden machen. Die Mutter soll mehr Stunden machen. Aber wer ein Haus, ein Depot oder gleich ein Unternehmen erbt, soll möglichst in Ruhe gelassen werden.
Auch wirtschaftlich ist es das nicht besonders schlau.
Das Geld von Menschen mit wenig Geld fehlt der Wirtschaft sofort
Wenn man Menschen mit niedrigen Einkommen Geld wegnimmt, fehlt es sofort im Alltag. Beim Einkauf, bei der Miete, beim Friseur, in der Werkstatt, im Wirtshaus, bei den Kindern. Menschen mit niedrigen Einkommen geben den allergrößten Teil ihres Einkommens sofort wieder aus. Wer ihnen Netto kürzt, schwächt die Kaufkraft und damit die Binnenkonjunktur. Gerade in einer Wirtschaftskrise ist das ungefähr so gescheit, wie ein Feuer mit dem Benzinkanister zu löschen.
Österreich bräuchte mehr Kaufkraft, höhere Löhne und stabile Nachfrage. Stattdessen belastet die Politik jene, deren Einkommen fast vollständig in der Realwirtschaft landet. Nicht auf den Cayman Islands, nicht in der Privatstiftung. Sondern im Supermarkt, im Schuhgeschäft und in der Apotheke.
Was es braucht
Was wäre eine vernünftige Politik? Wenn wir Kinderbetreuung schaffen, die mit Vollzeit vereinbar ist. Nicht nur in Wien, nicht nur am Papier, nicht nur bis 13 Uhr, weil sich danach offenbar Kleinkinder in Luft auflösen.
Es braucht ausreichend Pflegeangebote, damit alte Eltern nicht automatisch am Küchentisch der Töchter landen.
Es braucht ein Recht auf Stundenaufstockung, wenn Teilzeitkräfte mehr arbeiten wollen und Arbeit im Betrieb vorhanden ist.
Es braucht bessere Arbeitsbedingungen in Pflege, Handel, Bildung, Reinigung und Gastronomie. In Branchen, in denen Menschen ihre Stunden reduzieren, weil Vollzeit sie kaputt macht, hilft kein Moralvortrag. Da helfen gescheite Dienstpläne, gute Löhne, ausreichend Personal.
Dazu braucht es gleiche Zuschläge für Mehrarbeit. Teilzeit darf für Betriebe nicht die billigere Variante sein.
Und wer wirklich über Arbeitsanreize reden will, muss über große Erbschaften reden.
Arbeit möglich machen
Wen will die Politik denn eigentlich zu mehr bezahlter Arbeit antreiben? Die Mutter, die Teilzeit arbeitet, ihre Kinder betreut und abends noch die gesamte unbezahlte Arbeit macht? Die Verkäuferin, deren Betrieb gar keine Vollzeitstelle anbietet? Die Pflegerin, die nach 30 Stunden körperlich und psychisch erledigt ist?
Wenn Politik will, dass mehr Menschen mehr arbeiten können, muss sie diese Arbeit möglich machen. Und wenn Politik will, dass Leistung zählt, darf sie große Erbschaften nicht wie eine heilige Kuh behandeln.
Wer große Erbschaften unangetastet lässt, sollte das Wort Leistung vielleicht einfach nicht mehr in den Mund nehmen.











