Park in südkoreanischer Stadt Daegu. Ein Mann geht auf eine Ansammlung von Südkoreanischen Fahnen zu.
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/ 17. März 2020

Schon mehr als 8.000 Infizierte zählt Südkorea. Die Zahl der aufgrund des Coronavirus Gestorbenen ist dennoch relativ niedrig. Am Montag meldete das Land sogar erstmals seit Wochen keinen neuen Todesfall. Kein Land der Welt testet seine Bevölkerung so intensiv. Apps und Kameras überwachen die Menschen. Anders als in China werden betroffene Gebiete aber nicht rigoros abgeschottet. Taugt Südkoreas Kampf gegen das Coronavirus als Vorbild für uns?


Die Bilder aus dem südkoreanischen Daegu wirken bedrückend und bedrohlich. PatientInnen, die möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert sind, werden auf Tragen über Straßen und Gänge von Krankenhäusern geschoben. Sie sind vollständig eingehüllt in einen Cocoon aus Plastik. Ihre Körper sind hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt.

Das zahlreiche medizinische Personal und die TrägerInnen um sie herum tragen Ganzkörper-Schutzanzüge und Gesichtsmasken. Niemand möchte, kann und darf riskieren, ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert zu werden und an COVID-19 zu erkranken. Das gilt in Österreich, das gilt in Südkorea.

Das Virus hat das Land mit 51 Millionen Einwohnern voll erwischt: Lange Zeit meldete Südkorea die hinter China zweitmeisten positiv auf Corona getesteten Personen. Laut aktuellsten Zahlen sind 8.236 mit dem Coronavirus infiziert. Aber: Italien, Iran und jetzt auch Spanien haben inzwischen mehr Fälle. Und anders als in diesen Ländern starben in Südkorea bisher verhältnismäßig wenige Menschen an den Folgen des Coronavirus und COVID-19.

Erstmals keine neuen Toten

Seit Ausbruch der Epidemie zählten die Behörden 75 Tote, und am 16. März erstmals in diesem Monat keinen weiteren an COVID-19 und den Folgen Verstorbenen. Die Zahl der neu festgestellten Infizierten sank auf nur noch 74 Personen. Es scheint, als habe Südkorea das Coronavirus bändigen können.

Die Behörden sind im „Krieg“ gegen das Virus. So bezeichnet es Präsident Moon Jae-in. Er hatte das Virus zunächst unterschätzt und Warnungen ignoriert. Noch nachdem Ende Jänner die ersten Fälle gemeldet worden waren, zeigte er sich unbeschwert und distanzlos inmitten von Menschengruppen. Einige Tage später räumte er Fehler ein. Im gelben Plastikanzug gekleidet und Gesichtsmaske tragend verkündete er rigorose Maßnahmen.

Verdachtsfälle und Erkrankte werden seitdem streng abgeschottet. Vermummte Trupps laufen Straßen und Plätze ab. Mit Sprühgeräten desinfizieren sie das Pflaster. Auch die Armee hilft mit.

Die wichtigste Maßnahme: Wer die ersten Symptome von COVID-19 zeigt, wer mit Infizierten oder Verdachtsfällen Kontakt hatte, wird schnellstmöglich getestet. Wie beim Burgerbrater gibt es Drive-Ins dafür. Im Auto sitzend fahren die Personen hinein. ÄrztInnen und HelferInnen nehmen einen Rachenabstrich und dann geht es wieder hinaus. Spätestens nach einem Tag ist das Ergebnis da.

Die Getesteten erfahren dann mittels SMS, ob sie gesund sind oder das Virus haben. Mehr als 280.000 Personen wurden so bereits untersucht. Das sind - mit großem Abstand - die meisten weltweit. Der für seine umsichtigen Analysen der Corona-Krise bekannte Berliner Virologe Christian Drosten nannte das gegenüber dem SPIEGEL "absolut vorbildlich. Ich fände es gut, wenn wir eine solche Testquote auch erreichen könnten."

In Österreich sind bis zum 16. März knapp 8.500 Personen getestet worden, davon mehr als 1.000 positiv. Drei Menschen starben bisher.

Mit Überwachung gegen das Virus

Daneben nutzt Südkorea aus, dass seine BürgerInnen digital vernetzt sind wie kaum anderswo. Wer verdächtig ist, sich infiziert zu haben, muss in eine 14-tägige Quarantäne. Apps überwachen mittels Bewegungsdaten, ob sie die Kasernierung auch einhalten.

Personen, die sich in einem Gebiet aufhalten, in dem das Virus grassiert, werden per Smartphone gewarnt. Daten darüber, wie viele Coronavirus-Fälle in einem Gebiet gezählt worden sind, können bei Websites wie Coronaita.com abgerufen werden.

Mittels Wärmebildkameras sollen fiebrige Menschen aufgespürt werden. Die Behörden werten Bilder von Überwachungskameras aus und gleichen sie mit Bewegungsdaten von Mobiltelefonen von Infizierten und Verdachtsfällen. Auf diese Weise lassen sich weitere Personen ausfindig machen, die sich angesteckt haben könnten. Was hilft, die Epidemie aufzuhalten und Leben rettet, würde DatenschützerInnen in Europa verzweifeln lassen.

Eine Überwachung mittels Handydaten sei ein „massiver Eingriff in die Privatsphäre" und rechtlich „mehr als problematisch“, sagte der deutsche Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber heise online. Deutschland lotet demnach zumindest aus, ob es auf die Standortdaten der Mobiltelefone von Infizierten zugreifen könnten. Ziel: Mögliche Kontaktpersonen ausfindig machen.

Ob Maßnahmen wie in Südkorea, in Deutschland oder Österreich technisch überhaupt möglich sind, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Und auch, ob sie so schnell und effektiv umgesetzt werden können und wie sie hinterher wieder verlässlich abgebaut würden.

Städte weiter offen, das Risiko bleibt

Trotz weitreichender Überwachung: Anders als die chinesische Provinz Wuhan schottet Südkorea seine BürgerInnen nicht komplett ab. Südkorea setzt darauf, dass die Bürger freiwillig bei den Schutzmaßnahmen mitmachen.

Damit könnte es Vorbild für andere demokratische Länder sein. Nicht einmal die am stärksten betroffene Stadt Daegu - sie verzeichnet drei Viertel der landesweit Infizierten - ist abgesperrt. Das öffentliche Leben geht weiter: Restaurants und Geschäfte haben weiterhin geöffnet.

Das ist allerdings nicht ohne Risiko. Denn jederzeit droht das Coronavirus erneut heftig auszubrechen. So geschehen in der vergangenen Woche in einem Call Center in Seoul: Mindestens 90 neu mit dem Coronavirus infizierte Personen standen in direktem Zusammenhang mit dem Büro.

Präsident Moon steht weiter unter Druck. Bereits 1,45 Millionen Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die fordert, ihn des Amtes zu entheben. Sie sind wütend, weil er drei Millionen Gesichtsmasken nach China schickte, nachdem dort das Coronavirus ausgebrochen war.

Die Hilfsaktion wurde zum Bumerang: Jetzt sind Gesichtsmasken in Südkorea Mangelware. Angekreidet wird ihm auch, Einreisen aus China nicht sofort gestoppt zu haben als die Seuche ausbrach. Auch jetzt hält Südkorea seine Grenzen offen. Dagegen hat China, wie inzwischen auch Österreich, die Schotten für Reisende aus Südkorea dichtgemacht.

"Vielen Dank! Ich liebe Euch!"

Südkorea reagierte spät, aber dann konsequent auf das Coronavirus. Kein Zufall: Laut des Global Health Security-Index steht Südkorea weltweit an erster Stelle, wenn es darum geht grassierende Infektionskrankheiten zu erkennen und habe das beste „Notfallsystem“.

In einer Kategorie ist Südkorea jedoch trauriges Schlusslicht: Beim sozialen Zusammenhalt. Nur 78 Prozent der SüdkoreanerInnen kennen laut eigenen Angaben jemanden, "der ihnen im Notfall Beistand leisten würde", schreibt die OECD. In keinem anderen Mitgliedsstaat liegt dieser Wert so niedrig.

Doch in der Virus-Katastrophe finden die SüdkoreanerInnen zueinander: Hunderte Freiwillige packen jetzt Tausende Kisten mit Nahrungsmitteln für Menschen in Quarantäne und stellen sie ihnen vor die Türen. „Die Menschen dort müssen durch eine harte Zeit“, sagte einer der Freiwilligen dem ARD-Magazin Weltspiegel. Es sei zwar nur ein kleiner Beitrag, „aber ich hoffe, dass es ihnen Kraft gibt und es ihnen mit unserer Unterstützung leichter fällt durchzuhalten“.

In einem „Unboxing-Video“ der ernsthafteren Art, zeigte eine Frau, was die HelferInnen ihr gebracht hatten; und freute sich, dass nicht nur Instantnudeln, sondern auch frisches Obst dabei war. „Vielen, vielen Dank! Ich liebe Euch!“, sagte sie.

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