Nahaufnahme eines Schulkindes das konzentriert auf ein Heft starrt und versucht eine Aufgabe zu lösen.

Heuer gibt es erstmals eine Sommerschule für jene SchülerInnen, die nach der Corona-Krise einiges aufzuholen haben. Doch wahre Chancengleichheit wird sie leider nicht bringen. Credit: pexels.com/Arthur Krijgsman

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/ 15. Juni 2020

Zum allerersten Mal wird es in Österreich eine Sommerschule geben: Zwei Wochen lang sollen SchülerInnen, die während der Corona-Zeit zurückgefallen sind, durch Extra-Unterricht wieder aufholen.

 

Sozial benachteiligte SchülerInnen sind durch die lange Zeit im zehnwöchigen Heimunterricht stark zurückgefallen. Das haben alle Experten erwartet und bereits davor gewarnt. Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani befürchtet im MOMENT-Gespräch, dass “sich die Schere im Hinblick auf soziale Benachteiligung so weit auftun könnte, dass wir sie später nicht mehr schließen können. Dann haben wir nicht nur eine Corona-Krise, sondern eine, die eine ganze Generation betrifft.”

In Österreich zeigen Studien, dass es berechtigten Grund zur Sorge gibt: So zeigt etwa eine erste Befragung, die während dem Shut Down unter SchülerInnen durchgeführt wurde: Etwa 7% der Befragten hatten gröbere Probleme bei der Bewältigung der schulischen Anforderungen während des heimischen Unterrichts. 16% gaben an, keinen eigenen Computer, Laptop oder ein Tablet zur Verfügung zu haben, 21% erhielten in der Familie keine Unterstützung beim Lernen. Auch eine Erhebung der Bildungsdirektion ergab, dass 5 bis 7% der SchülerInnen nicht einmal im Heimunterricht erreicht werden konnten. In Summe soll es sich um rund 42.000 SchülerInnen handeln, die während der Corona-Zeit Rückschritte machten und für die nun die Sommerschulen initiiert wurden.

… und in der Ferienzeit geht die Schere noch weiter auf

Zahlreiche Studien belegen außerdem, dass in den Ferien nicht nur in Corona-Zeiten, sondern immer die Ungleichheit vergrößert wird. Während wohlhabende Kinder mit ihren Eltern verreisen und etwas lernen, bleiben ärmere zu Hause und erleben dort die Schwierigkeiten des Alltags. 

Die neue Sommerschule könnte ein Schritt sein, um gegen diese Chancenungleichheit zu wirken. 42.000 SchülerInnen zwischen 6 und 14 Jahren blühen in diesem Jahr deshalb verkürzte Ferien. Wer einen unsicheren Vierer und einem Fünfer in Deutsch oder in Deutsch einen besonderen Aufholbedarf hat, soll in den letzten beiden Wochen der Sommerferien zumindest vormittags auf die Schulbank.

Sommerschule muss die richtigen erreichen

Grundsätzlich ist die Sommerschule nicht verpflichtend. Seit 9. Juni können Eltern ihre Kinder anmelden. Für die Aufnahme soll aber vor allem die Empfehlung von LehrerInnen oder SchulleiterInnen ausschlaggebend sein. 

Bildungsforscherin Christiane Spiel ist skeptisch, ob tatsächlich genau jene erreicht werden, die das Angebot am dringendsten benötigen: “Viele Untersuchungen zeigen, dass solche zusätzlichen Lernangebote gerne von jenen Familien genutzt werden, die ohnehin bildungsaffin sind und die Chancen darin erkennen, während bildungsferne Familien von solchen Aktionen nicht einmal etwas mitbekommen,” erklärt Spiel. 

Qualität des Unterrichts muss passen

Auch gibt es Bedenken bezüglich der Qualität des Unterrichts. Neben LehrerInnen, die Überstundenabgeltung oder Mehrdienstzulage bekommen, sollen LehramtsanwärterInnen eingesetzt werden. Bildungsforscherin Christiane Spiel betont, dass gerade der Unterricht für die Risikogruppe besonders herausfordernd sein kann: „Es ist grundsätzlich sinnvoll, hier Lehramtsstudierende einzubeziehen. Aber es braucht sicher eine entsprechende Vorbereitung. Es ist zu hoffen, dass dies in dieser kurzen Zeit und unter den aktuellen Bedingungen möglich sein wird.”

Außerdem sorgt für Unmut, dass die StudentInnen für ihren Einsatz nicht finanziell entschädigt werden sollen. Die Zeit soll ihnen als schulpraktische Ausbildung gut geschrieben werden. Die Österreichische Hochschülerschaft findet es “untragbar”, dass Studierende als unbezahlte Aushilfskräfte benutzt werden

Sommerschule droht für Betreuungslücken herzuhalten

Vor allem rechnen auch ExpertInnen damit, dass viele Eltern das Angebot in Anspruch nehmen, weil sie Probleme mit der Kinderbetreuung haben - nicht weil ihre Kinder es dringend bräuchten. Viele haben ihre Urlaube bereits während der Corona-Zeit aufbrauchen müssen.

Dadurch zeigt die Corona-Krise vor allem ein Problem auf, das schon davor existiere. Die langen Sommerferien kommen aus einer Zeit, in der sie gesellschaftlich gewünscht waren, weil die Kinder bei der Feldarbeit helfen mussten. “Die langen Ferien der Schule korrespondieren nicht mit der Urlaubszeit der Eltern, und sie verstärken soziale Ungleichheiten” betont auch Bildungsforscherin Spiel.

Gute Nachmittags- und Ferienbetreuung braucht es das ganze Jahr

Für BildungsexpertInnen steht außer Zweifel, dass es nicht nur in diesem Sommer, sondern immer mehr kostenlose Angebote an Ganztagsschulen, Nachmittags- und Ferienbetreuung geben sollte. Und zwar gute Angebote, betont El-Mafaalani: “Nur so kann wirklich soziale Ungleichheit ausgeglichen werden.” 

Die Schule solle endlich ein Ort werden, an dem alle SchülerInnen ihre eigenen Interessen verfolgen und ihre Persönlichkeit entfalten können. Dafür brauche es dort ganze Teams - etwa mit PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und anderen ExpertInnen - die mit den Kindern arbeiten. Denn LehrerInnen alleine können diese psychosozialen Aufgaben nicht erfüllen. 

So wie die Sommerschule aber derzeit verkauft wird, klingt sie eher wie eine Bestrafung, nicht wie ein positives Erlebnis: Nur wer schlecht in der Schule ist, muss hingehen, während die KlassenkollegInnen im Freibad ihre Ferien genießen dürfen.

Aus der herausfordernden Corona-Zeit lernen

Christiane Spiel wünscht sich, dass die Corona-Zeit produktiv aufgearbeitet wird: “Was ist gut gelaufen, was hat nicht geklappt – insbesondere hinsichtlich Selbstorganisation und Digitalisierung. Was können wir daraus mitnehmen – und zwar für alle. Wenn ich nur an den Klimawandel denke, könnten bald öfters schwierige und herausfordernde Zeiten auf uns zukommen. Und dafür müssen wir uns und unsere Kinder wappnen.”

Die Kinder und Jugendliche müssen bestmöglich auf die Welt von morgen vorbereitet werden. Um niemanden zurückzulassen, braucht es endlich echte Chancengleichheit. Doch das Schulsystem steckt in vielen Bereichen noch in der Vergangenheit. 

Vielleicht bewirkt die Corona-Krise hier endlich den nötigen Reformschub. Die Sommerschule ist dafür bei weitem nicht genug.

 

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