Eine Lehrerin beim Unterricht in einer Schulklasse.

Bildung als Allheilmittel gegen Ungerechtigkeit? Leider nein, sagt der Soziologe Aladin El-Mafaalani. Credit: pexels.com/Arthur Krijgsman

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/ 27. Mai 2020

Wenn du brav bist und in der Schule fleißig lernst, stehen dir alle Türen offen. Wer etwas leistet, wird belohnt. Und weil in der Schule schließlich alle gleich behandelt werden, so haben auch sozial benachteiligte Kinder eine Chance. Und sonst gibt es doch eh genug Förderprogramme und so können sie locker an die KlassenkollegInnen aus privilegierten Familien anschließen - wenn sie nur wollen.

So lautet die weit verbreitete Meinung von Chancengleichheit und Bildung. Doch sie stimmt leider nicht. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hat in seinem Buch “Mythos Bildung” wissenschaftliche Belege zusammengetragen, die aufzeigen, dass das Bildungssystem es nicht schafft, soziale Ungleichheit zu verbessern.

Wir haben die wichtigsten fünf Thesen für dich zusammengefasst. Eines vorweg: Die Daten beziehen sich auf Deutschland, sind aber durchaus mit der Situation in Österreich vergleichbar:

 

#1 Wer gleich behandelt wird, wird gerecht behandelt? Nein.

Das soziale Umfeld bestimmt die Entwicklung eines Kindes. Während die einen von Helikoptereltern großgezogen werden, die gerne schon hätten, dass die Kindergartentante Englisch spricht und von Baby-Yoga bis musikalische Früherziehung nichts auslassen, müssen sich die anderen ein Zimmer mit drei Geschwistern teilen und haben nicht einmal einen eigenen Schreibtisch um ihre Hausaufgaben in Ruhe machen zu können. 

Die Startvoraussetzungen sind so unterschiedlich. Ein System, das alle gleich behandelt, kann das nicht ausgleichen. Untersuchungen zeigen, dass Kinder aus einer sozial benachteiligten Schicht am Ende der Grundschule oft zwei Jahre in der Leistung ihren Klassenkameraden hinten nach hinken. Das Bildungssystem kann die Nachteile, die das Kind im sozialen Umfeld erlebt, nicht ausgleichen: Tests, die vor und nach Sommerferien gemacht wurden, zeigen, dass Kinder von unteren Schichten hier messbar zurückfallen, während andere sich sogar weitergebildet haben. Wer mit seinen Eltern im Sommer das Kolosseum in Rom besucht und nebenbei ein paar Brocken Italienisch lernt, ist im Vorteil gegenüber jemandem,  dessen Eltern sich maximal eine Schwimmbadkarte leisten können. 

Zudem werden SchülerInnen nicht einmal gleich bewertet. Sämtliche Untersuchungen zeigen: Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche werden sogar noch strenger bewertet. El-Mafaalani, der selbst jahrelang als Lehrer gearbeitet hat, bemängelt, dass in der Ausbildung zu wenig auf diese sozialen Unterschiede eingegangen wird. Und so wird oft unbewusst ein Verhalten oder gar Vorurteil benotet, nicht die tatsächliche Kompetenz.

 

#2 Leistung wird belohnt? Leider nicht.

Von 100 Kindern von AkademikerInnen werden 79 eine Hochschule besuchen. Von 100 Kindern von Nicht-AkademikerInnen schaffen nur 27 einen akademischen Abschluss. Haben die Eltern keinen beruflichen Abschluss, dann sind es sogar nur 12. Ist das so, weil Kinder von AkademikerInnen einfach intelligenter auf die Welt kommen? Nein. 

Zahlreiche Studien zeigen, dass die Bildungsabschlüsse der Eltern quasi “vererbt” werden. Viele Untersuchungen belegen, dass Kinder mit sozial schwacher Herkunft bei gleicher Kompetenz sehr viel seltener für ein Gymnasium empfohlen werden, als Kinder aus privilegierten Familien. LehrerInnen überlegen bei ihren Empfehlungen sehr gründlich - bewusst oder unbewusst - ob die Familie ihr Kind fördern kann, ob es das Gymnasium auch wirklich schafft und kommen dann oft zum Schluss, dass es sich wohl nur abquälen wird. 

Kinder aus sozial schwachen Familien müssen also zumindest überdurchschnittlich sein und bessere Leistungen zeigen, um eine akademische Laufbahn einschlagen zu können. Dabei kann ein solches Kind sogar bereits hochbegabt sein. Wer keinerlei Förderung von den Eltern zu Hause bekommt, vielleicht sogar in einem belastenden, familiären Umfeld lebt und dann in der Schule gut abschneidet, muss einfach wirklich Talent haben. Doch das wird leider oft nicht berücksichtigt.

 

#3 Ärmere Familien treiben ihre Kinder zum sozialen Aufstieg? Oft nicht.

Sozialer Aufstieg, um jeden Preis! Oft gibt es die Vorstellung, dass Eltern mit niedrigeren Abschlüssen um jeden Preis wollen, dass es ihr Kind einmal besser hat. Sie treiben es an, motivieren es und setzen gar unter enormen Druck. Doch Studien zeigen, dass in unserer Gesellschaft oft das Gegenteil passiert. Wer selbst kein Gymnasium besucht hat, hat oft überhöhte Vorstellungen davon, wie es dort abläuft - und traut das dem eigenen Kind nicht zu. Auch soziale Minderwertigkeitskomplexe prägen die Entscheidung: Wird unser Sohn nicht automatisch ausgegrenzt, weil wir uns keine Markenkleidung leisten können? Wenn ein Kind aus einer unteren sozialen Schicht eine Gymnasialempfehlung erhält, dann schicken es die Eltern mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 40 Prozent auch wirklich dorthin. Die ärmsten Familien nur zu 20 Prozent. Eltern bräuchten hier also wesentlich mehr Beratung, oder die Empfehlungen müssten verpflichtend sein. So könnten auch wohlhabende Eltern nicht mehr so leicht ihren Einfluss spielen lassen, um ihren lernschwachen Sprössling um jeden Preis aufs Gymnasium zu bringen.

 

#4 Mehr Bildung führt zu weniger Ungleichheit? Mitnichten.

In den vergangenen Jahrzehnten sind Bildungseinrichtung wie Schwammerl aus dem Boden geschossen. Bildungsexpansion wird das in der Fachsprache genannt. Immer mehr Fachhochschulen mit unzähligen Studiengängen locken mit dem Versprechen: Hier bekommst du eine berufsnahe und akademische Ausbildung! Wenn du fertig bist, hast du dann tolle Chancen auf einen gut bezahlten Job! Damit einher ging aber auch ein immer größerer Druck, einen höheren Abschluss zu machen. Im Jahr 1960 gingen noch knapp 70 Prozent eines Geburtsjahrgangs auf eine Hauptschule, heute sind es nur noch 10 Prozent. Der Anteil der Gymnasiasten hat sich von 16 Prozent auf über 40 Prozent fast verdreifacht. Einerseits sollte das doch fröhlich stimmen: Immer mehr SchülerInnen schaffen das “schwierige” Gymnasium. El-Mafaalani beschreibt das als “sozialer Fahrstuhleffekt”: Vor allem die Mittelschicht hat profitiert, die Folgegenerationen konnten immer bessere Abschüsse erzielen als die Eltern. Doch andererseits ist damit eine Inflation der Bildungsabschlüsse einhergegangen: Für viele Jobs ist heute ein Bachelor Voraussetzung, für den früher die Matura einer berufsbildenden Schule völlig gereicht hat. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es alle, die es nicht in den Fahrstuhl geschafft haben, noch schwieriger haben. 

Übrigens weist der Autor darauf hin, dass jedes Gebäude ein “Erdgeschoss” besitzt. Und nachdem so gut wie alle durch den Fahrstuhl höhere Etagen erreicht haben, sind neue Bewohner ganz unten eingezogen: Die GastarbeiterInnen. Und ihre Kinder haben zwischen den 1960er und dem Anfang der 1990er praktisch nicht von der Bildungsexpansion profitiert. Auch wenn subjektiv alle vorherigen Schichten einen sozialen Aufstieg erlebt haben, so ist die Ungleichheit dadurch nicht weniger geworden - sie hat sich mitverschoben und denen “ganz unten” es noch schwerer gemacht.



Im MOMENT-Interview erklärt Aladin El-Mafaalani, warum nun in der Corona-Krise die SchülerInnen aus sozial niedrigen Schichten endgültig drohen, abgehängt zu werden. Doch er zeigt auch Wege auf, wie Bildungseinrichtung generell gerechter werden können: “Wir müssen die Bildungseinrichtungen endlich so gestalten, dass hier alle Kinder alles erleben können, was die Welt zu bieten hat.”

 

Cover von Aladin El-Mafaalanis Buch "Mythos Bildung".

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