Ein Geldbündel und Tabletten.
/ 28. Februar 2022

Österreich hat die zweithöchste Dichte an Ärzt:innen in Europa. Trotzdem gibt es Versorgungslücken. Während die Zahl der Kassenärzte sich nicht ändert, boomen Privatordinationen. Dort gilt: Wer zahlen kann, kommt dran. Die befürchtete Zweiklassenmedizin wird zunehmend zur Realität.

Nadine ist Ende zwanzig und hat vor kurzem einen Vollzeitjob angenommen. Sie verdient jetzt 1.700 Euro Netto. Das war dringend notwendig, denn Nadine zahlt sämtliche Besuche bei Fachärzt:innen aus eigener Tasche. Bis vor kurzem studierte sie noch an der Uni Innsbruck und hielt sich mit diversen Nebenjobs über Wasser. “Wenn ich zur Zahnärztin oder zur Gynäkologin gehen wollte, musste ich dafür sparen”, erzählt sie.

Doch warum geht Nadine nicht einfach zu Kassenärzt:innen, bei denen sie lediglich die E-Card vorlegen muss? “Ich war die langen Wartezeiten leid”, sagt sie. Zudem werde sie bei Privatmediziner:innen besser behandelt. “Die nehmen sich viel mehr Zeit für mich”. Diese Zeit macht sich allerdings auf ihrem Konto bemerkbar: Erst kürzlich zahlte sie 130 Euro für eine herkömmliche Untersuchung beim Zahnarzt, von ihrer Kasse gab es nur 30 zurück.

Privatpraxen boomen, Vertragsärzt:innen sterben aus

Immer mehr Mediziner:innen entscheiden sich für den Wahlarztbereich. Wahlärzt:innen rechnen per Honorar ab. Patient:innen bekommen von der Krankenkassa dann bis zu 80 % davon zurück, was die gleiche Behandlung bei Kassenärzt:innen kosten würde. Um nicht jede einzelne Behandlung voll aus eigener Tasche zahlen zu müssen, schließen immer mehr Österreicher:innen eine Zusatzversicherung ab: Laut einer Umfrage war es 2020 schon jede:r Dritte. Für Menschen ohne finanziellen Spielraum ist das ein Problem, denn billig sind weder Privatversicherungen noch Wahlärzt:innen.

Für sie gilt: Warten, bis der Arzt kommt. Für eine Hüftprothese oder eine Augenoperation kann das ein knappes Jahr dauern. In manchen Fachbereichen klafft die Schere zwischen Wahl- und Kassenärzt:innen weit auseinander, so etwa in der Kinder- und Frauenheilkunde oder der Psychiatrie. Dort gibt es bereits mehr Wahl- als Kassenärztinnen. Mehrere Frauen berichten MOMENT, dass sie gar nicht mehr bei der Kassengynäkologin warten brauchen: Die nehmen überhaupt keine neuen Patient:innen mehr an. In Tirol gibt es zum Beispiel 106 Gynäkolog:innen, davon haben 35 einen Kassenvertrag. Dem gegenüber stehen 370.000 Frauen als potenzielle Patientinnen. „Bei denen darfst du dann ein dreiviertel Jahr warten oder wirst gar nicht genommen“, sagt die 26-jährige Katharina aus Innsbruck.

Altersstruktur verrät: Der Mangel an Kassenärzt:innen wird sich zuspitzen

Das „Zahlen oder Warten“-Problem wird sich in den nächsten Jahren noch verschlimmern, denn: Österreichs Ärzt:innen werden alt. Ein Drittel wird in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen, bei den Kassensärzt:innen wird es sogar die Hälfte sein. Währenddessen liefern die Medizin-Unis nicht genug Nachschub. 40 % der Absolvent:innen wandern zu lukrativeren Angeboten ins Ausland ab, viele zum Beispiel in die Schweiz. Die Ärztekammer geht selbst davon aus, dass sich die Lage in den kommenden 10 Jahren dramatisch verschlechtern wird.

Auch Hausärzt:innen fehlen - besonders auf dem Land

Der Mangel macht sich besonders auf dem Land bemerkbar. Immer weniger Jungmediziner:innen wollen dort Hausärzt:innen werden. Das nimmt teilweise absurde Ausmaße an: Einem Bericht des STANDARD zufolge war eine Stelle in einem niederösterreichischen Dorf 13 Monate lang unbesetzt.

Insgesamt rechnet die Ärztekammer damit, jährlich 200 Stellen nachbesetzen zu müssen. Manche Landarzt-Stellen werden bis zu 40 Mal erfolglos ausgeschrieben. Die ÖGK forderte im vergangenen Jahr deshalb gar eine „Landarztquote“ im Medizinstudium.

Mangel an Kassenärzt:innen: Keine Gehalts-, aber eine Komfortfrage

Aber warum ist ein Kassenvertrag für viele Mediziner:innen so unattraktiv? Eine Studie des „Health Watch“ des IHS legt nahe, dass es nicht am Gehalt liegt. Vertragsarzt:innen der ÖGK erzielten 2015 ein Median-Einkommen von 142.772 Euro vor Steuern. Die Wahlärzt:innen hingegen nur 75.524 Euro.

Die Selbständigkeit bringt laut einem System-Insider, der anonym bleiben möchte, aber zumindest steuerliche Vorteile. Außerdem können sich Wahlärzt:innen die Arbeitszeit einteilen - mit Folgen für die Versorgungswirkung: viele würden laut dem Experten nur „hobbymäßig“ eine Privatordination betreiben und damit nicht die klaffenden Lücken im System schließen. Privatarzt:innen seien zudem nicht an Pflichten wie Not- oder Nachtdienste gebunden. Zuletzt können Wahlärzt:innen sowohl Honorare als auch ihre Patient:innen nach Lust und Laune wählen. Der Kritiker geht von “Rosinenpicken” aus: Der ideale Patient bedarf nur einfache und kostengünstige Behandlungsmethoden - und greift dafür dennoch tief in die eigene Geldtasche.

 

Auch Korruption durch doppelt beschäftigte Ärzt:innen vermutet

Einer dieser Patient:innen ist der Robert (60) aus Wien. “Ich zahle fast nur noch aus eigener Tasche, um schneller an Behandlungen zu kommen”, sagt der Selbstständige. Er erzählt von einem MRT-Termin wegen eines Hüftleidens, den er durch seinen Wahlarzt innerhalb von 2 Tagen bekommen habe. Der Mediziner arbeite ebenfalls in einem öffentlichen Krankenhaus und habe Robert da “irgendwie eingeschoben, weil er da Kontingente hat”. Ein Luxus, den sich viele nicht leisten können - und der darüber hinaus noch illegal ist.

Dass Sonderklasse-Patient:innen mit Zusatzversicherungen schneller an OP-Termine kommen, ist ein offenes Geheimnis. Katharina, deren ganze Familie zusatzversichert ist, erzählt, was das brachte: “Schnellere Termine nach der Krebsdiagnose für Oma, schnelleres MRT für mich, schnellere Knie-OP für Mama”. Robert ist nicht zusatzversichert. Aber ist er ein Einzelfall?

Der niederösterreichische Patientenanwalt Gerald Bachinger erklärt: “Wenn manche Wahlärzte im Krankenhaus arbeiten, haben sie die Möglichkeit die Operationslisten so zu manipulieren, dass sie dann zu bestimmten Zeiten eingeteilt werden”. 2013 fungierte er als Experte bei einer Studie des VKI: Man schleuste Proband:innen mit Hüftleiden bei Privatärzt:innen ein, die dann gegen Barzahlung einen schnelleren OP-Termin bekamen. Eine weitere Studie des IHS aus dem Jahr 2020 bestätigt, dass die sogenannte “Kuvertmedizin” auch noch in unmittelbarer Vergangenheit praktiziert wurde: Eine Patient:innenbefragung im Rahmen der Studie ergab:

4,9 % der Befragten wurde angeboten, die Wartezeit durch eine private Zuzahlung zu verkürzen.

7,1 % wurde angeboten, die Wartezeit durch einen Besuch in einer Privatordination zu verkürzen.

Insgesamt wurde 9,8% der PatientInnen ein unmoralisches (und verbotenes) Angebot gemacht. Also fast jedem oder jeder zehnten.

Könnte die Corona-Krise Korruption verschlimmert haben?

Bachinger erklärt, dass sich das Problem im letzten Jahr grundsätzlich gebessert habe, weil die Wartelisten der Kliniken transparenter geworden sind. Er schließt jedoch nicht aus, dass die Pandemie die Korruption wieder befeuert haben könnte: “Durch die Pandemiebekämpfung wurde sehr vieles überlagert. Man kann nicht ausschließen, dass es dadurch bei Wartelisten zu unmoralischer Prioritätensetzung kommt. Die Rahmenbedingungen dafür sind sehr günstig.”

Bachinger weist ebenfalls auf das Problem hin, dass Wahlärzt:innen zu Überdiagnosen neigen, um Profit aus Operationen zu schlagen. Er erzählt von einem Kreuzbandriss-Patienten, dem von einem Kassenarzt eine konservative Therapie verordnet wurde, sprich: er sollte nicht operiert werden. Jener Patient suchte anschließend jedoch einen Wahlarzt auf, der sofort operierte und dafür 6000 Euro verlangte. Als der Patient diese Summe von der Kasse zurückverlangte, entschied ein Gutachten: Die konservative Therapie wäre die richtige Entscheidung gewesen. “Es gibt finanzielle Anreize, dass Wahlärzt:innen mehr machen als die medizinische Wissenschaft vorsieht”, sagt Bachinger.

In welchem Ausmaß aktuell Korruption zugunsten wohlhabender Patient:innen und Wahlärzt:innen betrieben wird, lässt sich nicht in statistische Zahlen fassen sondern nur anhand einzelner Geschichten nacherzählen. Auch Patient:innen selbst halten sich bedeckt. Aus Angst vor persönlicher Benachteiligung bedeckt, meint Bachinger. Um die erkaufte Bevorzugung im Gesundheitssystems einzudämmen, braucht es politische Maßnahmen im Wahlarztsektor. Gesundheitsminister Mückstein zeigte in einem Interview zumindest bereits Problembewusstsein und räumte ein, dass eine Zweiklassenmedizin in Österreich existiere. Spitäler, Kassen, Ärztekammer, Ausbildungsstätten und Politik sollten sich auf Maßnahmen im Wahlärzt:innensektor einigen, der vor allem eines wieder in den Fokus rückt: die Patient:innen, egal, ob sie es sich leisten können, beim Arzt ihre Brieftasche zu leeren.

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