Ein Kind mit Kleid und Plastikkrone. Warum sollen nicht auch Burschen Prinzessinnen sein können?
Warum sollen nicht auch Burschen Prinzessinnen sein können? Foto: Kelly Sikkema für Unsplash
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/ 10. April 2020

Wie wir Männlichkeit verstehen, das verursacht Probleme für Burschen und Männer. Es macht sie weniger frei. Das sagt Nils Pickert. Er ist in Deutschland bekannt geworden, weil er mit seinem Sohn auf dessen Wunsch auch mal Kleider anprobiert. In diesem Jahr veröffentlichte der selbsternannte “Vollzeitfeminist” sein erstes Buch. Titel: Prinzessinnenjungs. Auf dem Cover: Pickert mit Rock, sein Sohn im Kleid. Wir haben seine 6 wichtigsten Argumente aus etwa 250 Seiten knapp zusammengefasst:

#1 Puppen haben kein Geschlecht

Mädchen bekommen eher Puppen geschenkt, Buben öfter Spielzeugautos. Pickert kritisiert das sogenannte “Gender Marketing”, also die Einteilung der Spielzeuge nach Geschlecht, um diese zu verkaufen. Das sei nämlich nicht nur ein Angebot, sondern immer auch immer eine unterschwellige Drohung: Wenn du nicht mitmachst, gehörst du nicht dazu. Das passiert genauso bei Farben, der Art der Kleidung und sogar bei den Frisuren von Kleinkindern. Und das schränkt die Kinder ein.

#2 Die Umerziehung findet längst statt

Wer vom “Genderwahn” warnt, merkt nicht, dass wir schon längst drinnen stecken, argumentiert Pickert. Wenn ein Bub ein Kleid anziehen möchte, wird er in den meisten Fällen ermahnt, ausgelacht oder sogar dafür bestraft. Dabei gibt es keine natürliche Verbindung von Geschlecht und Röcken oder Hosen. Buben lernen, dass sie nicht weinen dürfen, nicht rosa tragen, nicht mit Puppen spielen. Auf dem Spiel steht nicht geringeres als ihre Männlichkeit. Buben mit nicht-traditionell männlichen Interessen, die Pickert liebevoll “Prinzessinnenjungs” nennt, haben viel zu verlieren. Ihre “Prinzessinnenhaftigkeit” werde ihnen ausgetrieben. “Wo die Puppen eine Zumutung für die Männlichkeit darstellt, wird Männlichkeit für Jungen eine Zumutung”, schreibt Pickert.

#3 Männlichkeit ist stets gefährdet

Burschen müssen sich ständig von “Weiblichkeit” abgrenzen, um am Ende “nicht die Schwuchtel” zu sein. Was wir heute als Männlichkeit verstehen, ist nicht die Summer aller Eigenschaften, die Männer haben können. Stattdessen wird ein enges Bild vermittelt und bei Abweichungen werden die Burschen bestraft. Das trifft schwule Jungs genauso wie alle anderen, die nicht dem engen Korsett der traditionellen Männlichkeit entsprechen. Pickert nennt das Spiel, das auf Schulhöfen auf der ganzen Welt herrscht “Einer muss immer die Schwuchtel sein, damit ich es nicht bin”. Das führt dazu, dass Burschen einander abwerten, obwohl sie doch eigentlich Freunde sind - und es führt in weiterer Folge zu Gewalt.

#4 Männer müssen sich nicht schlagen

Aus seiner Jugend kennt Pickert den Satz nur zu gut und damit ist er bestimmt nicht alleine: “Willst du Schläge?” Was nach stumpfer Gewalt klingt, ist eine Methode, um sich sozial zu positionieren und in weiterer Folge selbst vor Gewalt und Erniedrigung zu schützen. Zwar schreibt er, dass Gewalt in manchen Situationen zur Verteidigung eine Option ist, aber kein Zwang. “Ich schulde niemanden meine Härte, meine Bereitschaft zur körperlichen Versehrtheit oder zur Wehrhaftigkeit bis zum Heldentod”, schreibt er. Ein anderer Aspekt der gesellschaftlichen Verstrickung zwischen Männlichkeit und Gewalt zeigt sich daran, wie Gewalt von Frauen an Männern verharmlost wird oder sogar als Witz gilt.

#5 Lieber selber machen

Hast du dir schonmal die Kommentarspalte unter einem Artikel zu Gewalt an Frauen angesehen? Die Chancen stehen gut, dass dort darauf aufmerksam gemacht wird, dass Männer auch Gewalt erleben. Das ist inhaltlich richtig. Diskussionen um die realen Gefahren für Frauen zu kapern, um sein eigenes Thema zu deponieren, ist aber die falsche Strategie, schreibt Pickert. Seine Appell: “Wenn also Gewalt gegen Jungen und Männer ein großes Problem ist, dann lassen Sie es uns doch lösen. Lassen Sie uns Geld spenden, Vereine gründen, Texte schreiben, Filme drehen, forschen, uns Gedanken machen und darüber reden.”

#6 Wir können alle klein anfangen

Wir werden es vermutlich nicht schaffen von heute auf morgen schädliche Geschlechterrollen abzuschaffen. Aber wir alle können einen kleine Beitrag dazu leisten, dass sich alle Kinder voll entfalten können - also auch “unsere Prinzessinnenjungs”. Wir können eingreifen, wenn “schwul” als Synonym für “schlecht” verwendet wird oder andere Kinder als “Pussy” abgewertet werden. Wenn der Sohn ein Kleid anprobieren will oder die Tochter die Haare abrasieren, einfach mal “OK!” sagen - oder gleich selbst in den Rock schlüpfen.

Fazit

“Prinzessinnenjungs” ist inhaltlich aufschlussreich und gleichzeitig leicht zu lesen. Nils Pickert erzählt immer wieder aus seiner eigenen Jugend und aus dem Familienleben und hat keine Angst, auch eigene Fehler zuzugeben. Das Buch ist schlüssig argumentiert, allerdings fehlen Nachweise, die vor allem bei zitierten Studien interessant gewesen wären. Insgesamt ein gelungenes Werk für alle MenschenfreundInnen.

Buchcover: Nils Pickert - Prinzessinnenjungs

Prinzessinnenjungs von Nils Pickert ist für etwa 20 Euro erhältlich.

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