Eine Spitalsmitarbeiterin in Schutzausrüstung aufgrund der Corona-Pandemie

Die Corona-Infektionszahlen steigen und die Krankenhäuser kommen zusehends an ihre Grenzen. Wir haben mit ÄrztInnen und Pflegepersonal in ganz Österreich gesprochen: Schon jetzt herrschen in manchen Stationen und Spitälern chaotische Zustände. Credit: Pexels.com/EVG Fotos

/
/ 10. November 2020

Es wird eng: Die Krankenhäuser bereiten sich aufgrund der hohen Corona-Zahlen auf das Schlimmste vor. Bereits jetzt gibt es Berichte über zu wenig Pflegepersonal. Immer öfter wird Spitalspersonal in Corona-Stationen oder sogar Corona-Intensivstationen abberufen, das nicht für die Behandlung von Corona-Patienten ausgebildet ist. Wir haben mit Krankenhauspersonal in ganz Österreich gesprochen. 



Eigentlich hätte der Krankenpfleger Hubert* heute Urlaub. Doch bereits in der Früh klingelte das Telefon: Ob er nicht doch in die Arbeit kommen kann. Denn aufgrund der hohen Corona-Zahlen gibt es in sämtlichen Krankenhäusern bereits jetzt Personal-Engpässe. “Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber ich habe abgelehnt. Denn ich muss auch auf meine Gesundheit achten. Wir sind alle schon sehr ausgelaugt.” Hubert arbeitet in Linz auf einer Station eines Krankenhauses, die bereits  auf Notbetrieb heruntergefahren wurde und deren MitarbeiterInnen auf Corona-Stationen zur Aushilfe abberufen wurden. “Aber ich wäre komplett überfordert, wenn ich plötzlich Menschen mit akuter Atemnot behandeln müsste,” erklärt der Krankenpfleger. Auf Eigeninitiative haben er und seine KollegInnen eine Schulung organisiert - um sich bestmöglich auf die Behandlung von Corona-PatientInnen vorzubereiten.

Steigende Corona-Zahlen: Krankenhäusern jetzt schon überfordert

Auf den Corona-Intensivationen ist die Lage noch dramatischer. Seit Beginn dieser Pandemie bekommen wir zu hören: Wir müssen die Infektions-Kurve abflachen, damit die Kapazitäten der Intensiv-Betten nicht sofort ausgeschöpft sind. Dabei geht es weniger um die Anzahl der Beatmungsgeräte und Intensiv-Betten, sondern vor allem um das Pflegepersonal, das die Intensiv-PatientInnen betreuen muss. 

Um dem drohenden Engpass vorzubeugen wird nun bereits Krankenhauspersonal abberufen, das eigentlich noch nie auf einer Intensiv-Station gearbeitet hat. Eine Wiener Pflegerin in einem Privatspital erklärt MOMENT, dass auch sie und ihre KollegInnen bereits informiert wurden, dass sie bald Dienst auf einer Corona-Intensivstation schieben könnten: “Das wird sicher brutal, denn ich habe ja diesbezüglich keine Vorkenntnisse. Ich stehe ja normalerweise im Operationssaal. Doch fast alle planbaren Eingriffe wurden bereits abgesagt.” Ein Wiener Pfleger aus einem anderen Spital erhielt dieselbe Nachricht und fühlt sich ebenfalls völlig überfordert: “Ich traue mir das einfach nicht zu! Außerdem hatte ich selbst Corona und leide noch immer an den Folgen. Ich sollte auf Kur gehen, doch in dieser Situation will ich meine KollegInnen nicht im Stich lassen. Ich denke nun aber schon über eine Kündigung nach.”

Zu wenig Zeit für Vorbereitungen: Chaos in Krankenhäusern 

Besonders dramatisch ist die Lage derzeit in Oberösterreich. Dort explodieren derzeit die Infektionszahlen. Nun wurden bereits zusätzlich 50 Krankenhausbetten in Intensivbetten für Corona-PatientInnen umgewidmet. Und auch mehr und mehr normale Krankenhausstationen müssen in Corona-Stationen umgewandelt werden. 

Die Vorbereitungen hätten angesichts der steigenden Zahlen schon längst getan werden müssen, kritisiert Krankenpflegerin Anita*, die in einem Linzer Krankenhaus arbeitet. Ende Oktober wurde auch ihre Abteilung schnell in eine Corona-Station umgewandelt. Und da es eben rasch gehen musste, sind einige Fehler passiert: Ohne die Ergebnisse von Corona-Tests abzuwarten, wurden PatientInnen verlegt, um eben Platz für Corona-Fälle zu machen. Doch einige dieser Personen waren bereits infiziert und kamen nach einigen Tagen wieder zurück auf die Abteilung - das Virus haben sie währenddessen im Krankenhaus auf sämtlichen Stationen verteilt. Ähnliche Probleme mit infizierten PatientInnen auf Nicht-COVID-Stationen wurden MOMENT aus einem Wiener Unfallkrankenhaus berichtet.

Chaos in Spitälern gefährdet Gesundheit von Krankenhauspersonal

Auch Krankenpflegerin Anita und einige KollegInnen haben sich so leider mit Corona infiziert. Zum Glück hatte Anita einen leichten Verlauf und konnte bereits wieder aus der Quarantäne entlassen werden. Doch angesichts der steigenden Corona-Zahlen macht sie sich durchaus Sorgen. Denn wenn es so weiter geht, braucht es bald auch eine zweite und dritte Corona-Station im Krankenhaus. Dafür reicht aber das Personal nicht. “Ich befürchte, dass wir bald Corona-Patienten nach Hause schicken müssen, die eigentlich noch im Krankenhaus betreut werden müssten,” meint Anita. 

Zu wenige Corona-Tests für Spitalspersonal?

MOMENT liegen auch Dokumente vor, die es fraglich erscheinen lassen, ob der Verordnung des Gesundheitsministeriums tatsächlich Folge geleistet und Krankenhauspersonal einmal die Woche auf Corona getestet wird. Angestellte mancher Spitäler haben sich an MOMENT gewandt und berichtet, dass bei ihnen praktisch gar nicht getestet wird. In zumindest einem öffentlichen Krankenhaus in Wien erfolgen Tests derzeit nur alle acht bis zwölf Wochen - auf freiwilliger Basis. Zwar wird jeder Patient getestet, doch viele MitarbeiterInnen befürworten mehr Testungen. 

Eine Ärztin, die in dem fragwürdigen Krankenhaus arbeitet, glaubt, dass hier einfach am falschen Platz gespart wird und sich das im Notfall rächen kann: “Wir können uns keine Ausfälle von Personal leisten. Denn wir sind jetzt schon voll. Wir können nur noch Corona-Patienten gegen andere austauschen. Das heißt, dass wir entweder viele, die eine Behandlung bräuchten, nicht mehr aufnehmen, oder früher entlassen müssen.” Sie glaubt, dass die Spitäler bald auf Notbetrieb umstellen. Das heißt, dass neben Corona-PatientInnen nur noch absolute Notfälle aufgenommen werden.

Wird Gesundheit von Krankenhauspersonal bewusst riskiert?

Krankenhauspersonal, das mit Corona-Infizierten Kontakt hatte, muss übrigens nicht zwingend in Quarantäne: Wenn beide eine Maske der Schutzstufe FFP2 getragen haben, so wird davon ausgegangen, dass es zu keiner Infektion kam. Pfleger Hubert ist beunruhigt, da er ebenfalls normal weiterarbeiten musste, nachdem ein Kollege positiv getestet wurde: “Ich habe das Gefühl, dass die Gesundheit von uns KrankenhausmitarbeiterInnen absolut egal ist.”

Weiters stört Constantin, dass auch MitarbeiterInnen mit positivem Corona-Test wieder arbeiten gehen müssen, wenn die Infektionsintensität so gering ist, dass es theoretisch nicht zu keiner Ansteckung kommen kann. “Ein Restrisiko wird da durchaus eingegangen, denn würden alle vorsorglich in Quarantäne geschickt werden, so könnte der Krankenhausbetrieb nicht mehr aufrechterhalten werden.”

Und manches Gesundheitspersonal kritisiert überahupt die Schutzausrüstung: Ein Wiener Krankenpfleger berichtet MOMENT gegenüber, wie er sich über die eigenartige Verpackung der Schutzmasken der Stufe FFP2 in seinem Spital wunderte - und so zufällig darauf kam, dass sie auf der chinesischen App “Wish” bestellt wurden - diese Masken haben keine in Europa gültige Zertifizierung. Außerdem sei in Corona-Containern vor seinem Spital das Personal aufgefordert worden, die Masken der höheren Sicherheitsstufe FFP3 nicht wie üblich nach ein paar Stunden wegzuwerfen, sondern so lange wie möglich zu tragen - aus Kostengründen. 

 

Bestmögliche Behandlung im Covid-Fall nicht mehr gewährleistet

Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres bestreitet Gerüchte, denen zufolge manche Corona-Patienten jetzt schon nicht mehr behandelt werden können: “In Österreich erhalten noch alle eine Behandlung. Aber die Frage ist, ob das dann die bestmögliche ist.” Denn aufgrund der steigenden Corona-Zahlen wird auch das ärztliche Personal knapp. Deshalb wurde die Fächerbegrenzung nun aufgehoben. 

“Doch nicht jeder Arzt kann auf jeder Abteilung arbeiten. Bevor sie mich in eine Intensiv-Station stellen, können sie auch jemanden von der Straße nehmen, der hat wohl genau so viel Ahnung wie ich,” so Szekeres, der betont, dass die Arbeit auf einer Intensiv-Station weder für ÄrztInnen noch Pflegepersonal in wenigen Tagen zu erlernen ist. Auch JungärztInnen in Ausbildung können derzeit aus Lehrpraxen ins Krankenhaus abberufen werden. Auch hier ist fraglich, ob diese dann eher eine Hilfe oder Belastung darstellen.

Endlich faire Entlohnung und Anerkennung für Pflegepersonal

Qualifiziertes Personal hat eben eine jahrelange Ausbildung hinter sich. Und angesichts der Arbeitsbedingungen, der mangelnden Wertschätzung und niedrigen Gehälter, hört viel Pflegepersonal auf, wie uns Constantin erzählt: “Ich bin erst wenige Jahre in dem Beruf. Und die Hälfte meines Jahrganges macht bereits etwas anders. Viele andere machen auch Fortbildungen, weil sie nicht in diesem Job bleiben möchten.” 

Er hofft, dass die Corona-Krise endlich ein Umdenken bewirkt und das Gesundheitswesen nicht weiter totgespart wird. Die Einmalzahlung von 500 Euro empfindet er, wie Anita, als Hohn. Sie und ihre KollegInnen seien schließlich immer einem gewissen Gesundheitsrisiko ausgesetzt: “Wir haben auf der chirurgischen Abteilung regelmäßig Patienten mit Durchfall-Keimen oder anderen Erregern, die wir isolieren müssen. Wir hätten diese Zahlung immer verdient - aber eigentlich braucht es endlich höhere Gehälter.”

 

Weder das Gesundheitsministerium, noch der Wiener Krankenanstaltenverbund haben bis Redaktionsschluss eine Stellungnahme abgegeben. Es wurde MOMENT auch aus anderen Krankenhäusern und von Angestellten berichtet, die mit dem Testangebot in ihren Einrichtungen zufrieden sind. An manchen Stellen scheint die Situation derzeit aber wie beschrieben prekär.
 

*Name von der Redaktion geändert

 

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner SPENDE. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Fünf wichtige Themen in nur drei knackigen Minuten. Hol dir deinen täglichen Morgenmoment per E‑Mail!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.