Melinda Tamás

Melinda Tamás gibt Argumentationstrainings. Foto (c) Teresa Novotny

/ Lisa Wölfl
/ 19. Dezember

Auch beim Familienfest gilt: Mund aufmachen lohnt sich. Gerade wenn dieses eine Familienmitglied wieder diskriminierenden Unfug von sich gibt. Wie du richtig reagierst, dein Gegenüber vielleicht sogar überzeugst und dabei deine Grenzen wahrst, erklärt Argumentationstrainerin Melinda Tamás im Interview.

 

MOMENT: Manche sagen, Argumente können niemanden überzeugen, weil Menschen sich immer nur die Information rauspicken, die ihre Meinung bestärken. Bringen Diskussionen überhaupt etwas?

Melinda Tamás: Es mag sein, dass du bei manchen Menschen nicht durchkommst. Trotzdem bringt eine Diskussion etwas, es hören ja vielleicht andere Personen zu. Und du weißt nie, ob deine Worte nicht doch zum Nachdenken anregen. Menschen ändern regelmäßig ihre Meinung, nur vielleicht nicht von einem Tag auf den anderen.

 

Wenn mein Opa beim Weihnachtsessen sagt: “Früher war alles besser, da wussten die Frauen noch, wo ihr Platz war.” - wie reagiere ich richtig?

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass jede Antwort besser ist als keine. Bevor du antwortest, solltest du dir zwei Dinge überlegen. Erstens: Was willst du erreichen? Möchtest du wissen, was dahinter steckt, ihn überzeugen oder den Mund aufmachen, um ein Vorbild für deinen kleinen Neffen zu sein? Zweitens: Was für eine Aussage ist es, eine sachliche oder eine emotionale? Du wirst dir schwer tun, mit Fakten auf eine emotionale Aussage zu reagieren und den Opa damit zu überzeugen.

 

Sachlich wäre das schon mal nicht.

Genau. Hier könntest du deine eigene Betroffenheit äußern, deinem Opa sagen, dass dich diese Aussage verletzt. Oder nachfragen, was er damit meint, solange, bis es ihm zu blöd wird. Das funktioniert auch sehr gut bei sexistischen und rassistischen Witzen. Bitte die Person, dir den Witz zu erklären, dann merkt sie oft selbst schnell, wieso er nicht für alle lustig ist. Weil es dein Opa ist, und ich gehe mal davon aus, dass du ihn gern hast, würde ich versuchen, die Situation konstruktiv zu lösen. Zu Weihnachten hast du ja auch Zeit für ein längeres Gespräch. Sonst kannst du auch versuchen, die Situation mit Ironie und Witz zu lösen, das klappt oft gut.

 

Gerade bei Familienfeiern ist es verlockend, nichts zu sagen, um nicht dafür verantwortlich zu sein, wenn es Reibereien gibt.

Natürlich, es gibt Grenzen. Ich würde mich nicht mit einem Holocaust-Leugner hinsetzen und ruhig nachfragen, wie er zu diesem Schluss kommt. Das ist für mich keine Diskussionsgrundlage. Oft hilft es auch einfach zu sagen, dass du nicht einverstanden bist. Damit überzeugst du niemanden, gibst aber ein Signal an das Umfeld. Das ist wichtig, wenn du nicht direkt betroffen bist, wenn die Aussage nicht gegen dich geht, aber vielleicht gegen die Person, die neben dir steht. Hier solltest du unbedingt solidarisch sein und etwas sagen. Danach kannst du den Raum auch verlassen, so entfernst du dich aus der unangenehmen Situation und setzt gleichzeitig ein Zeichen. Das Gute ist ja, dass wir das jeden Tag üben können. Die Welt ist da wie eine offene Werkstatt.

 

Brauche ich denn überhaupt Zahlen und Fakten?

Sachliche Informationen sind bei manchen Themen wichtig. Wenn dein Gegenüber etwa sagt, die Lohnschere gibt es nicht, dann ist es gut, wenn du weißt, dass sie 21,7 Prozent beträgt. Das ist keine Sache von Glauben, sondern von Wissen. Wenn du die Zahl nicht im Kopf hast, kannst du auch dazu einladen, sie gemeinsam zu recherchieren. Wir haben ja mit unseren Smartphones jederzeit die Möglichkeit, Fakten zu überprüfen. So hast du die Situation auch automatisch entschärft, weil ihr gemeinsam sucht.

 

Du machst schon seit 20 Jahren Argumentationstrainings, was hat sich verändert?

Bestimmte rassistische und sexistische Kernaussagen sind dieselben geblieben. Insgesamt merke ich, dass es wichtig ist, dass sich eine Gesellschaft kritisch mit solchen Sachen auseinander setzt. Ich mache auch Trainings in Ungarn und Rumänien. Dort höre ich viel öfter, dass die TeilnehmerInnen glauben, sowieso nichts verändern zu können. In Österreich haben auch Jugendliche, egal ob sie FPÖ oder Grüne wählen, schon ein größeres Selbstbewusstsein. Wir können mit unseren Gegenargumenten vielleicht nicht die Welt retten, sie aber ein bisschen besser machen. Ich habe mit der Arbeit angefangen, weil ich selbst so oft sprachlos war, wenn ich Ungerechtigkeiten gesehen habe. Meine Familie ist in den 80ern mit mir nach Österreich geflohen und da habe ich selbst viel ab- und in meinem Umfeld mitbekommen. Irgendwann wollte ich die Ungerechtigkeiten nicht mehr hinnehmen.

 


Zur Person: Melinda Tamás ist Trainerin, Übersetzerin, Autorin und Lehrende im Bereich der politischen Bildungsarbeit. Seit 20 Jahren leitet sie außerdem Argumentationstrainings.

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