Nachaufnahme einer Hand, die sich an einem Maschendrahtzaun festgekrallt hat.
Gefängnisse tun nicht das, was wir von ihnen erwarten. Sie machen alles nur schlimmer, argumentiert Thomas Galli in seinem neuen Buch. Foto: Milad B. Fakurian für Unsplash
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/ 14. Oktober 2020

Gefängnisse sollen die Allgemeinheit schützen und TäterInnen bestrafen. Thomas Galli war in Deutschland selbst Gefängnisdirektor. Heute sagt er: Das System funktioniert nicht.

Wieso eine Welt ohne Gefängnisse eine bessere ist und wie wir stattdessen strafen können, darüber schreibt Thomas Galli in seinem Buch: "Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen". Das Buch behandelt die Situation in Deutschland. Vieles davon gilt auch in Österreich. Wir haben die wichtigsten Argumente für dich zusammengefasst:

#1 Gefängnisstrafen schrecken mögliche TäterInnen kaum ab

Wir werden nie restlos klären können, wie viele Straftaten nicht begangen werden, um eine Haftstrafe zu vermeiden. Deutsche Studien weisen laut Galli allerdings darauf hin, dass es weniger die Strafe selbst ist, die abschreckt. Ob man glaubt, überhaupt erwischt zu werden, falle stärker ins Gewicht. Wer vor Wut rot sieht und einen Menschen tötet, denkt in diesem Moment wohl kaum über die Konsequenzen nach. Ein Internetbetrüger wird sich des Risikos wiederum bewusst sein und seine Spuren so gut er kann verwischen.

Als Beispiel dienen auch die Vereinigten Staaten. Dort gibt es in einigen Bundesstaaten sogar noch die Todesstrafe - schlimme Gewalttaten werden trotzdem begangen.

#2 In der Haft werden TäterInnen nicht zu besseren Menschen

In den letzten Jahrzehnten ist die sogenannte Resozialisierung in den Mittelpunkt der Debatten gerückt. Soll heißen: Im Gefängnis werden TäterInnen therapiert, sie machen Ausbildungen und werden auf ein Leben nach der Haft vorbereitet, sodass sie keine Straftaten mehr begehen.

Das hört sich schön an. Die Realität sieht allerdings anders aus. Wie erfolgreich Gefängnisse dabei sind, Menschen davon abzuhalten, weitere Taten zu begehen, wird kaum überprüft. Es gibt nur wenige Zahlen und Untersuchungen. Jene, die es gibt, deuten eher darauf hin, dass Haft die Rückfallwahrscheinlichkeit erhöht, schreibt Galli.

Mit der Haft fällt das soziale Netz oft weg. Wer will schon einen guten Bekannten alle paar Wochen im Gefängnis besuchen? Die Chancen am Arbeitsmarkt sind gering. Die Verurteilung steht lange im Strafregisterauszug, den viele ArbeitgeberInnen sehen wollen. Wer nicht das Glück hat, Eigentum zu besitzen, steht nach der Haft im schlimmsten Fall ohne Obdach da.

Galli beschreibt Gefängnisse als Drogensümpfe. Viele InsassInnen sind ohnehin schon drogenabhängig, wenn sie die Haft antreten. Im Gefängnis kann sich das Problem noch verschärfen. Der Alltag im Gefängnis ist von Gewalt geprägt. Galli zitiert eine Studie aus Deutschland. Jugend- und Strafgefangenen wurden gefragt, ob sie in den vergangenen vier Wochen Gewalt erlebt haben. Jeder Vierte sagte ja. Der Anteil der Menschen, die im Gefängnis Suizid begehen oder es versuchen, ist siebenmal höher als in der Normalbevölkerung.

Wer wird in diesen Verhältnissen zu einem stabilen, positiven und guten Menschen?

#3 Gefängnisse machen uns nicht unbedingt sicherer

Eine Flucht aus dem Gefängnis sorgt immer für eine Schlagzeile - auch wenn es sich um einen Dieb handelt, der ohnehin in ein paar Monaten entlassen werden würde. Dabei kommen so gut wie alle Gefangenen früher oder später wieder frei.

Gefangene entscheiden nicht selbst, wann sie aufstehen, wo sie einkaufen, welche Arbeit sie aufnehmen. Gefangene lernen nicht, Verantwortung für sich und ihr Handeln zu übernehmen. Sie können die Tat ganz einfach verdrängen und darauf pochen, dass sie diejenigen sind, denen Unrecht angetan wird. Es ist egal, ob sie Reue verspüren oder ihr Leben ändern wollen. Ein rechtsextremer Gewalttäter kann auch fünf Jahre lang bestreiten, was er getan hat. Wenn er seine Strafe abgesessen hat, ist er auf freiem Fuß.

#4 Opfer haben oft mehr davon, wenn die TäterInnen frei bleiben

Die allermeisten Gefangenen sind weder MörderInnen noch VergewaltigerInnen. Viele stehlen, brechen in Wohnungen ein, betrügen oder handeln mit Drogen. In diesen Fällen, schreibt Galli, haben Opfer oft mehr davon, wenn die TäterInnen nicht ins Gefängnis kommen. Gerade bei Straftaten wie Diebstahl oder Betrug könnten sie dann zumindest einen Teil des Schadens begleichen. Im Gefängnis ist das bei Stundenlöhnen etwa zwei Euro so gut wie unmöglich.

Es steht außer Frage, dass ein Gericht auch im Sinne der Opfer anerkennen muss, wenn Unrecht geschehen ist. Statt die TäterInnen einzusperren, könnte es allerdings verstärkt auf Mediation setzten, also auf eine Vermittlung zwischen TäterIn und Opfer. Dann könnten auch mehr auf die Bedürfnisse der Opfer geachtet werden. Im aktuellen System liegt der Fokus immer auf den Personen, die eine Straftat begangen haben. Opfer werden höchstens von Vereinen wie dem Weißen Ring aufgefangen - oder sie bleiben alleine.

#5 Wir können Gefängnisse ersetzen

Viele Straftaten lassen sich aus der Lebensgeschichte der TäterInnen erklären, wenn auch nicht entschuldigen. Überdurchschnittlich viele kommen aus kaputten Familien, sind drogenabhängig oder arbeitslos. Eine niedersächsische Studie kam sogar zu dem Ergebnis, dass eine der wesentlichen Ursachen für die sinkende Jugendkriminalität darin liegt, dass Eltern seltener Gewalt als "Erziehungsmethode" einsetzen.

Der Staat muss Kriminalität verhindern, so gut er kann. Er kann dafür sorgen, dass Kinder aus schwierigen Verhältnissen besser unterstützt werden und Angebote der Drogenhilfe erweitern. Galli schlägt vor, nur noch schwere Taten mit Haft zu bestrafen. Gesicherte Wohngruppen oder Fußfesseln können Alternativen zu den großen Gefängnissen sein. Für die gefährlichsten Menschen, wie etwa SerienmörderInnen, fordert Galli eine lebenslange Haft, etwa auf einem Hof, auf dem sie menschenwürdig den Rest ihres Lebens verbringen können.

Bei allen anderen TäterInnen sollten die Gerichte versuchen, sie zu gemeinnütziger Arbeit und Wiedergutmachung zu bewegen.

Fazit

Die meisten Menschen können sich eine Welt ohne Gefängnisse nicht vorstellen. Der erste Gedanke gilt oft den schlimmsten VerbrecherInnen, die wir aus den Medien kennen. Dabei vergessen wir vielleicht allzu oft, dass es sich bei den meisten Gefangenen eben nicht um gefährliche SerientäterInnen handelt. Thomas Galli zeigt anhand der Biografien von seinen ehemaligen Insassen, wie unser aktuelles System immer wieder versagt. Er schafft in seinem Buch den schwierigen Spagat zwischen den Interessen von TäterInnen und Opfern. Am Ende liefert er vernünftige Vorschläge, wie wir Strafen anders organisieren könnten.

Thomas Galli: Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen. Das Buchcover zeigt eine Gefängnismauer.

Thomas Galli: Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen. 2020 erschienen bei Edition Körber.

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