Luftverschmutzung in Shanghai
Luftverschmutzung in Shanghai - Foto: Holger Link / Unsplash
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Michael Bonvalot

/ 24. März 2020

In China wurden im Zuge der Corona-Krise Produktion und Verkehr stark zurückgefahren. Dadurch sollen mehr Menschen gerettet worden sein, als durch den Virus gestorben sind. Und es könnte sogar einen direkten Zusammenhang zwischen Feinstaub-Belastung und der Ausbreitung von Corona geben.

Durch die Ausbreitung des Corona-Virus werden derzeit weltweit Industrie-Anlagen heruntergefahren, es gibt weniger Verkehr und es wird weniger gearbeitet. In Wien etwa ist am Beginn der Corona-Krise der Energie-Verbrauch untertags um 20 Prozent zurückgegangen, also um ein ganzes Fünftel.

 In China könnte das Corona-Virus sogar eine scheinbar absurde Situation zur Folge haben: Zwei Monate der Reduktion der Luftverschmutzung hätten "wahrscheinlich die Leben von 4000 Kinder unter fünf Jahren und 73.000 Erwachsenen über 70 in China gerettet." Das sagt der US-amerikanische Professor Marshall Burke nach Auswertung umfangreicher Daten.

Rückgang der Luftverschmutzung rettet Menschenleben

"Sogar unter eher konservativen Annahmen ist die Anzahl der Menschenleben, die durch die Reduzierung der Luftverschmutzung gerettet wurde, ungefähr 20 Mal so hoch wie die Zahl jener, die direkt durch das Virus gestorben sind", so Burke. Der Wissenschaftler bezieht sich dabei auf Daten bis zum 8. März 2020. Die Rechnung geht auch mit aktualisierten Statistiken noch auf.

Auch die europäische Raumfahrtagentur ESA berichtet über die aktuelle Umwelt-Situation in China. Bereits ausgewertet wurden die Feinstaub-Daten vom Februar 2020 im Verhältnis zu den drei vorangegangenen Jahren. Dabei zeigte sich "eine Reduzierung von rund 20 bis 30 Prozent" über großen Teilen von China, schreibt die ESA.

 

Eine ähnliche Situation zeigt sich in Norditalien: Die Menschen im Industriedreieck Mailand-Genua-Turin – dem sogenannten "Triangolo Industriale" – sind derzeit von der Corona-Krise besonders hart betroffen. Gleichzeitig ist Norditalien die Region in der EU mit der stärksten Luftverschmutzung überhaupt. Auch dort geht nun die Luftverschmutzung signifikant zurück, wie die Daten der ESA zeigen.

Claus Zehner, ESA-Missionsleiter des Satelliten Copernicus Sentinel 5, kommentiert: "Der Rückgang der Stickstoffdioxid-Emissionen über der Po-Ebene in Norditalien ist besonders deutlich."

 

"Obwohl es aufgrund der Bewölkung und des sich ändernden Wetters leichte Abweichungen in den Daten geben könnte, sind wir recht sicher, dass die Verringerung der Emissionen, die wir sehen können, mit der Sperrzone in Italien zusammenfällt, die zu weniger Verkehr und industriellen Aktivitäten führt", sagt Zehner.

Viele Menschen in Norditalien waren bereits krank

Diese Daten sind auch für das aktuelle Verständnis der Ausbreitung von Corona enorm relevant: Vor allem viele ältere BewohnerInnen in Norditalien waren bereits vor dem Ausbruch von Corona an Atemwegsbeschwerden erkrankt.

Es könnte einer der Gründe sein, warum sich gerade dort das Virus so rasant ausgebreitet hat. Auch die chinesische Region Wuhan/Hubei ist ein wichtiges industrielles Zentrum mit dem Schwerpunkt auf Eisen-und Stahlindustrie.

Hilft Feinstaub dem Coronavirus?

Jüngst hat die renommierte italienische Tageszeitung "la Repubblicca" sogar über eine brisante Studie berichtet, die einen direkten Zusammenhang zwischen der Feinstaubbelastung und der Ausbreitung von Corona vermutet. Die Studie stammt von der Italienischen Gesellschaft für Umweltmedizin (Sima) gemeinsam mit den Universitäten von Bari und Bologna.

Die Feinstaub-Partikel könnten demnach als Träger für die Viren fungieren. Gianluigi de Gennaro von der Universität Bari fordert daher: "Es ist notwendig, die Emissionen auf ein Minimum zu reduzieren."

Mögliche Zusammenhänge nicht ignorieren

Klarerweise wäre es absolut zynisch und unangebracht, sich nun in irgendeiner Form über die Ausbreitung des Corona-Virus zu freuen, weil dadurch die Feinstaubbelastung zurückgeht. Gleichzeitig können mögliche Zusammenhänge zwischen der Virus-Ausbreitung und der Form, wie Industrie und Verkehr funktionieren, auch nicht einfach ignoriert werden.

Bereits jetzt sterben jedes Jahr weltweit Millionen von Menschen weitgehend unbemerkt vorzeitig an der Feinstaub-Belastung. Allein in der EU waren es im Jahr 2016 rund 400.000 Menschen, in Österreich waren es 5300 Menschen. Das geht aus dem Jahresbericht zur Luftqualität in Europa hervor, den die Europäische Umweltagentur im Oktober 2019 veröffentlicht hat.

Sollten sich nun auch noch Studien bestätigen, die einen direkten Zusammenhang zwischen Corona und Feinstaub herstellen, wären radikale Veränderungen insbesondere im Verkehr und in der Industrie absolut unumgänglich. Denn niemand will so etwas wie die Corona-Krise erneut mit einem weiteren Virus erleben.

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>>> Das passt auch zum Thema: Wie uns die Klimakrise krank macht

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