Überbetriebliche Lehre
/ 7. Juni 2022

Marion* und ihre Kolleg:innen machen eine überbetriebliche Lehre bei der ibis acam Bildungs GmbH in Wien. Dort läuft laut den Lehrlingen vieles schief: Die Ausbildung sei mangelhaft, die Trainer:innen verhielten sich mitunter aggressiv. Trotz vieler Beschwerden änderte sich bisher nichts. Jetzt haben sie sich an MOMENT gewandt.

Marion (*Name von der Redaktion geändert) ist fasziniert von Technik. Besonders die Robotik hat es ihr angetan. Um ihrer Faszination beruflich nachzugehen, hat sie sich um eine Lehrstelle als Applikationsentwicklerin beworben. Gelandet ist sie bei der ibis acam Bildungs GmbH. Diese bietet eine sogenannte “überbetriebliche Lehrausbildung” (ÜBA) an.

Überbetriebliche Lehre: Was ist das eigentlich?

Wenn junge Menschen trotz intensiver Suche keinen geeigneten Lehrberuf finden, können sie sich um einen Platz in der ÜBA bewerben. In diesen Schulungseinrichtungen werden die Lehrlinge von Trainer:innen betreut und im jeweiligen Bereich angelernt. Das Projekt wird vom Arbeitsmarktservice (AMS) finanziert. Die ÜBA ist einer “regulären Lehre” gesetzlich gleich gestellt. Ziel ist es, dass die Lehrlinge im Laufe der Ausbildung in einen Betrieb wechseln. Finden sie keine externe Lehrstelle, kann die Lehre auch in der Schulungseinrichtung abgeschlossen werden.

Ibis acam Bildungs GmbH ist eine solche Schulungseinrichtung. Die Ausbildungsstätte bietet diverse überbetriebliche Lehrstellen an, unter anderem die Lehre “Applikationsentwicklung und Coding”. Was vor allem für Technik-Interessierte nach einem spannenden Lehrberuf klingt, ist für die Lehrlinge vor Ort das Gegenteil davon. Betroffene haben sich bei uns gemeldet, um auf die Missstände in der überbetrieblichen Ausbildung bei ibis acam hinzuweisen.

Toxische Trainer:innen

Marion ist Anfang 20 und befindet sich seit Herbst 2021 in der Lehrausbildung bei ibis acam. “Wir lernen nichts. Von den sieben bis acht Stunden, in denen wir in der Arbeit sitzen, arbeiten wir höchstens zwei”, sagt Marion. Sie bekämen zwar Arbeitsaufträge, diese seien aber entweder völlig unverständlich oder sofort erledigt. Auf Fragen der Lehrlinge gehe der Ausbildner nur unzureichend ein. Ein anderer Lehrling erzählt: “Ich fühle mich in der Arbeit mitunter depressiv und oft unglücklich. Jeder Tag ist immer das Gleiche. Man setzt sich hin und macht den ganzen Tag nichts.”

Nach einer guten Ausbildung klingt das nicht.“Das ist ein Problem. Ich bin seit September in der Lehre und kann eigentlich noch gar nichts”, sagt Marions Kollege. Ob sie mit so einer Ausbildung jemals den Sprung in einen “regulären” Betrieb schaffen wird, bezweifelt eine weitere Kollegin: “Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir einmal übernommen werden sollen. Wir lernen nichts. Für die meisten dort ist es Zeitverschwendung.”

Statt die Verantwortung bei sich selbst zu suchen, schiebe der Ausbildner den Lehrlingen die Schuld zu. “Zu einer Kollegin sagte er einmal, dass sie die Lehre nie schaffen wird”, erinnert sich Marion. “Anderen hat er schon empfohlen, einfach zu kündigen.”

Beschwerden wird nicht nachgegangen

Irgendwann reichte es den Lehrlingen. Sie suchten das Gespräch mit den zuständigen Sozialpädagog:innen und den Verantwortlichen bei ibis acam, um auf die Missstände hinzuweisen. Passiert sei aber nichts. Schließlich konfrontierte man auch die betroffenen Trainer mit den Beschwerden. Dieser stellte eine “Wünsche-Wand” auf, an der die Lehrlinge Verbesserungsvorschläge und Wünsche anbringen können. Diese wurde auch fleißig genutzt: “Ich wünsche mir, dass der Trainer endlich anfängt, uns zu unterrichten”, steht auf einem Blatt, auf einem anderen: “Ich wünsche mir, dass der Trainer uns alle gleich behandelt.”

Die "Wünsche-Wand". Das Mitteilungsbedürfnis der Lehrlinge ist groß

MOMENT hat bei ibis acam nachgefragt und um eine Stellungnahme gebeten. Den Verantwortlichen sind die Beschwerden bekannt. Man arbeite “gemeinsam an Lösungen”, so Hobiger-Klimes, Regionalleiter von ibis acam Wien. Außerdem seien im besagten Fall auch schon eine Reihe von Interventionen gesetzt worden: Mit einzelnen Lehrlingen und Trainer:innen seien bereits Gespräche geführt worden, auch andere Trainer:innen kämen immer wieder zum Einsatz. Zudem würden die Trainer:innen nach den strengen Kriterien des AMS ausgewählt.

Beim AMS sei keine Beschwerde über ibis acam eingelangt, so ein Sprecher. Durch jährliche unangekündigte Vorort-Kontrollen soll die “auftragskonforme Umsetzung” der Ausbildung kontrolliert werden. Zusätzlich können auch anlassbezogene Kontrollen in den Schulungseinrichtungen stattfinden.

Überbetriebliche Lehrausbildung: Schlecht bezahlt

Nicht nur die Ausbildung empfinden die Betroffenen als ungenügend. Auch der Lohn ist viel zu niedrig. Denn obwohl die überbetriebliche Lehrausbildung einer “regulären Lehre” gesetzlich gleichgestellt ist, verdienen die Lehrlinge nur eine Bruchteil: Lediglich 361,50 € Beihilfe bekommen sie in den ersten beiden Lehrjahren. Ab dem 3. Lehrjahr gibt es 834,90 € pro Monat. Zum Vergleich: Wer eine Lehre im IT-Dienstleistungsgewerbe macht, bekommt bereits 730 € im ersten Lehrjahr, im zweiten 900 €.

Unfair, finden die Betroffenen. “Ich bin von Zuhause ausgezogen. Mein Freund übernimmt einen großen Teil der Miete, sonst könnte ich mir mein Leben nicht leisten”, sagt Marion. Abzüglich Mietkosten kommt sie auf etwa 200 bis 300 € verfügbares Einkommen pro Monat. “Da habe ich aber noch nichts gegessen.” Einer ihrer Kollegen wohnt noch Zuhause, aber auch bei ihm reicht es hinten und vorne nicht: “Am Ende des Monats sind oft Rechnungen fällig. Da aber mein Gehalt erst Anfang des nächsten Monats kommt, wird es immer sehr knapp.” “Ich bin über 18”, erzählt eine weitere Kollegin, “da will man sich schon langsam ein Leben aufbauen. Gerade mit der aktuellen Teuerung weiß ich nicht, wie ich über die Runden kommen soll.”

Auch für die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) ist die Ausbildungsbeihilfe “viel zu niedrig”. Sie fordert seit Jahren, dass die Beihilfe wieder erhöht wird, so Marcus Mosovsky, Jugendsekretär des ÖGB Wien.

Zu hohe Erwartungen

Marions Arbeitskollege wollte eigentlich Spielentwickler werden. Das wenige Geld und die mangelhafte Ausbildung lassen ihn aber daran zweifeln, ob sich sein Berufswunsch jemals erfüllen wird: “Mit dieser Ausbildung schaffe ich das nicht. Wir haben uns alle zu hohe Erwartungen gesetzt.” Eine Kollegin stimmt ihm zu: “Am Anfang war ich begeistert von der Lehre. Mittlerweile habe ich aber keine Motivation mehr.” Ihre Lehrzeit haben sich die Betroffenen anders vorgestellt. Im Laufe des Jahres hätten deshalb schon einige Kolleg:innen gekündigt. 

 

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