Nicht die Frau ist das Problem. Sondern das System, das Männer schützt

Am Ende soll wieder eine Frau schuld sein. Nicht Manuel Hagel, der 2018 als 29-jähriger CDU-Abgeordneter einen Schulbesuch mit einer Klasse in der „80 Prozent Mädchen“ saßen, flapsig als besonders angenehmen Termin darstellte - und dabei die „rehbraunen Augen“ einer minderjährigen Schülerin hervorhob. Sondern die Frau, die den Clip jetzt öffentlich machte.
Richard David Precht ist empört
Hagel nannte den Einstieg später selbst “Mist” und sagte, er bereue ihn “von ganzem Herzen”. Aber Richard David Precht hat mit dem Video ein ganz anderes Problem. Dass es diskutiert wurde. Landes-Parteichef Hagel und seine CDU verloren am Sonntag die Landtagswahl in Baden Würtemberg. Am Tag danach war Precht wieder einmal in einer TV-Talkshow. Bei ntv meinte er: Die Sache sei „wahnsinnig aufgebauscht“ worden; die Veröffentlichung habe Hagel “mit Sicherheit mehr als den Abstand zwischen Grünen und CDU gekostet”. Precht fragte den Grünen-Chef Felix Banaszak sogar, ob er das Posten des Videos verhindert hätte, wenn er davon gewusst hätte.
Das ist bemerkenswert. Denn kaum jemand tritt im deutschsprachigen Feuilleton so laut als angeblicher Verteidiger der Meinungsfreiheit auf wie Precht. Seit Jahren gehört es zu seinem Standardrepertoire, zu warnen, man dürfe heute nichts mehr sagen, Debatten würden angeblich unterdrückt, die Öffentlichkeit sei zu empfindlich geworden. Doch ausgerechnet in dieser Debatte fordert er das Gegenteil: dass eine politische Konfrontation mit öffentlich dokumentierten Aussagen besser vom Chef unterbunden worden wäre.
Das ist keine Kleinigkeit, sondern eine erstaunliche Volte. Meinungsfreiheit gilt offenbar so lange, wie sie den Mächtigen nützt. Sobald sie dazu führt, dass jemand mit seinen eigenen Worten konfrontiert wird, wird plötzlich über “Aufbauschen”, “Timing” und “politische Verantwortung” derjenigen diskutiert, die es öffentlich machen.
Richard David Precht verschiebt
Genau da beginnt das eigentliche Problem. Denn damit wird die Verantwortung elegant verschoben: weg von der Aussage, hin zur Frau, die sie sichtbar gemacht hat. Banaszak hielt dagegen, es sei eine “Verschiebung der Debatte”, wenn sich wieder einmal eine junge Frau dafür rechtfertigen müsse, einen solchen Ausschnitt veröffentlicht zu haben. Er hat recht. Nicht die Aussage steht damit im Zentrum, sondern ihre Veröffentlichung. Nicht der Politiker, sondern die Überbringerin der Nachricht.
Richard David Precht ist jetzt Sexismus Experte.
Und wie immer hat absolut keine Ahnung und erzählt deswegen kompletten Bullshit.
— DennisKBerlin (@denniskberlin.bsky.social) 10. März 2026 um 07:09
Hinzu kommt ein zweites, ebenso beliebtes Argument: die Zeit. Acht Jahre alt sei das Ganze, heißt es. Als würde politisches Fehlverhalten irgendwann automatisch verjähren. Doch wer so argumentiert, übersieht etwas Entscheidendes: Es geht hier nicht um eine private Jugendsünde, die zufällig ans Licht gekommen ist. Es geht um eine öffentliche Aussage eines Politikers, dokumentiert, abrufbar und politisch relevant. Dass sie jahrelang kaum beachtet wurde, macht sie nicht harmloser. Es zeigt eher, wie lange bestimmte Dinge schlicht durchrutschen.

Immerhin: Im Fall des ORF-Generaldirektors Roland Weißmann hören wir das Gegenteil. Weißmann trat am Sonntag nach Vorwürfen sexueller Belästigung aus dem Jahr 2022 zurück. Er bestreitet diese Vorwürfe. Der ORF-Stiftungsratschef sagte zugleich ausdrücklich, dass es “völlig irrelevant” sei, dass der Vorwurf mehrere Jahre zurückliege. Genau so ist es.
Das Gemeinsame an zwei unterschiedlichen Fällen
Die Fälle sind nicht identisch, ja. Bei Hagel geht es um eine dokumentierte, öffentliche Aussage, die er selbst als Fehler einräumt. Bei Weißmann geht es um einen bestrittenen Vorwurf, der aufgeklärt werden muss. Aber gerade weil die Fälle unterschiedlich sind, wird das Gemeinsame sichtbar: In beiden Fällen dreht sich die Debatte erstaunlich schnell um den Reputationsschaden des mächtigen Mannes und um die Frage, ob die Öffentlichkeit zu viel oder zu spät davon erfahren hat.
Wer nun behauptet, Zoe Mayer (die Grünen-Abgeordnete, der das Video von Hagel zugespielt wurde) habe Hagel den Wahlsieg gekostet, ersetzt die politische Analyse durch Schuldzuweisung. Belastbare Belege dafür, dass das überhaupt stimmt, gibt es übrigens bisher nicht. Umfragen zeigten schon lange vor dem viral gegangenen Clip sinkende CDU-Werte; die Grünen hatten bereits im Januar aufgeholt. Zudem war Hagel laut Infratest dimap Anfang 2026 ungefähr der Hälfte der Wählerinnen und Wähler kaum oder gar nicht bekannt.
Wer muss sich erklären?
Systemisch betrachtet heißt das: Wir leben noch immer in einer politischen und medialen Kultur, in denen Grenzüberschreitungen, Herablassung und Sexualisierung nicht das größte Problem sind solange sie intern bleiben. Zum Problem werden sie erst, wenn Frauen sie benennen, dokumentieren oder veröffentlichen. Dann wird nicht mehr gefragt: Warum konnte ein erwachsener Politiker so über eine Minderjährige sprechen? Oder: Welche Strukturen schützen Betroffene in einem Machtapparat wie dem ORF? Sondern: Musste man das wirklich öffentlich machen? Musste das jetzt sein?
Prechts Intervention ist auch deshalb so aufschlussreich, weil sie diesen alten Reflex in Reinform zeigt: Nicht die Grenzüberschreitung empört, sondern ihre Sichtbarmachung. Nicht der Mann soll sich erklären, sondern die Frau, die sein Verhalten aufzeigt. Das ist die Logik eines Systems, das Männern Großzügigkeit schenkt, von Frauen aber Zurückhaltung verlangt. Und solange diese Logik gilt, wird nach jedem neuen Fall wieder dieselbe Frage gestellt werden: Wer hat das öffentlich gemacht? Und warum? Dabei sollten wir eigentlich fragen: Warum ist das überhaupt so normal, dass es so lange niemanden störte?







