Warum Sozialarbeiter:innen für ein Berufsgesetz protestieren

Mit Transparenten, Redebeiträgen und klaren politischen Forderungen machten die Sozialarbeiter:innen deutlich, worum es ihnen geht: ein eigenes Berufsgesetz für die Soziale Arbeit. Und einen Stopp der Kürzungen im Sozialbereich.
Die Forderung nach einem Berufsgesetz ist nicht neu. Seit Jahrzehnten drängt die Profession darauf. Denn während andere Berufsgruppen längst klare Rahmenbedingungen haben, fehlt das der Sozialen Arbeit in Österreich bis heute.
Wieso das problematisch ist, zeigen die folgenden Punkte und Forderungen:
Gesellschaftliche Verantwortung braucht klare Standards
Soziale Arbeit übernimmt in der Gesellschaft eine wichtige Funktion und Verantwortung. Sie unterstützt Menschen in Krisen, begleitet Familien, sichert Existenzen und vermittelt in Konfliktsituationen. Gleichzeitig fehlt es an verbindlichen gesetzlichen Standards für die Berufsausübung.
Ein Berufsgesetz würde festlegen, welche fachlichen und ethischen Mindestanforderungen gelten. Damit könnte sichergestellt werden, dass Klient:innen unabhängig von Einrichtung oder Bundesland auf eine vergleichbare Qualität vertrauen können. Gerade in einem Feld, das oft über Lebenswege entscheidet, ist das für viele Sozialarbeiter:innen längst überfällig.
Ein gutes Berufsgesetz ist kein Selbstzweck, sondern ein notwendiger Schutzschild für die Beschäftigten, der garantiert, dass die Unterstützung durch professionelle Berufsangehörige höchste Qualitätsstandards erfüllt.
-Christoph Krenn, Vorstandsvorsitzender des Berufsverbands obds.
Schutz der Klient:innen im Mittelpunkt
Ein besonders wichtiges Argument: der Schutz der Menschen, mit denen Sozialarbeiter:innen arbeiten. Diese befinden sich häufig in prekären oder sehr sensiblen Lebenslagen - etwa bei Gewalt, Armut, psychischen Krisen oder Kindeswohlgefährdung.
Ohne klare gesetzliche Regeln besteht das Risiko, dass auch unzureichend qualifizierte Personen in solchen Bereichen tätig sind. Ein Berufsgesetz würde sicherstellen, dass nur entsprechend ausgebildete Fachkräfte Verantwortung übernehmen dürfen. Gleichzeitig könnten verbindliche ethische Standards, Aufsichtsmöglichkeiten und Beschwerdestrukturen geschaffen werden.
Für Klient:innen würde das mehr Sicherheit, mehr Transparenz und mehr Rechte bedeuten.
Schutz der Berufsbezeichnung und der Professionalität
Derzeit ist der Begriff „Sozialarbeiter:in“ in Österreich nicht umfassend geschützt. Das führt dazu, dass Tätigkeiten mit hoher Verantwortung nicht immer klar von anderen Berufsrollen abgegrenzt sind.
Ein Berufsgesetz würde die Berufsbezeichnung an klare Qualifikationen knüpfen und so die Professionalität stärken. Für viele in der Branche ist das auch eine Frage der Anerkennung: Soziale Arbeit ist ein eigenständiger, hochqualifizierter Beruf und sollte als solcher rechtlich abgesichert sein.
Momentan entsteht oft der Eindruck, dass Soziale Arbeit ein Hilfsdienst ist. Das haben wir uns nicht verdient.
–Teilnehmer Kundgebung
Rechtliche Klarheit im Berufsalltag
Sozialarbeiter:innen arbeiten täglich mit sensiblen Daten und in komplexen Entscheidungssituationen. Trotzdem sind zentrale Fragen oft unklar geregelt: Wann gilt die Verschwiegenheitspflicht? Welche Informationen dürfen weitergegeben werden? Welche Rechte bestehen gegenüber Behörden oder Gerichten?
Ein Berufsgesetz könnte hier dringend notwendige Klarheit schaffen. Es würde nicht nur die Rechte der Klient:innen stärken, sondern auch die Fachkräfte selbst absichern in einem Arbeitsfeld, in dem Unsicherheiten oft vorkommen.
Einheitliche Ausbildung und bessere Anerkennung
Auch die Ausbildung in der Sozialen Arbeit ist bislang nicht einheitlich gesetzlich geregelt. Zwar gibt es etablierte Studiengänge, doch eine klare bundesweite Verankerung fehlt.
Ein Berufsgesetz könnte verbindliche Standards für Ausbildung und Weiterbildung festlegen und die Anerkennung von Abschlüssen (auch aus dem Ausland) erleichtern. Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels im Sozialbereich wäre das ein wichtiger Schritt, um qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen und langfristig zu halten.
Mehr als Symbolpolitik: Es geht um Arbeitsbedingungen
Auch bei der Kundgebung berichteten viele Sozialarbeiter:innen von steigenden Fallzahlen, Zeitdruck und zu wenigen Ressourcen. Ein Gesetz allein wird diese Probleme nicht lösen. Doch es könnte die Position der Berufsgruppe stärken, ihre Rolle sichtbarer machen und langfristig bessere Rahmenbedingungen ermöglichen. Für viele ist klar: Ohne strukturelle Verbesserungen wird es zunehmend schwierig, den eigenen professionellen Anspruch beizubehalten.
Ein Berufsgesetz für die Soziale Arbeit ist keine Rocket-Science. Eine rasche Umsetzung ist möglich.
- Julia Pollak, Geschäftsführerin des obds
Ein politischer Stillstand mit Folgen
Seit über 30 Jahren wird in Österreich über ein Berufsgesetz für Soziale Arbeit diskutiert, passiert ist wenig. Im internationalen Vergleich ist das ungewöhnlich: In vielen Ländern ist der Beruf längst klar geregelt.
Die gestrige Kundgebung zeigt jedoch, dass der Druck wächst. Für die Demonstrierenden geht es dabei nicht nur um berufliche Interessen, sondern um eine grundlegende Frage: Wie viel ist einer Gesellschaft die Unterstützung ihrer verletzlichsten Mitglieder und deren Helfer:innen wert?











