NatsAnalyse - Analysen von Ideologie, Sprache und Frames von Natascha Strobl
NatsAnalyse
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Natascha Strobl

/ 3. Februar

Faschismus und all seine Vorlaufstadien funktionieren über die Verwendung einer gewissen Sprache. Die wichtigste Funktion dieser Sprache ist die Markierung des Feindes und daran anschließend die Entmenschlichung des Feindes.

Der Feind ist in diesem Zusammenhang kein ebenbürtiges, gleichrangiges Gegenüber, sondern eine marginalisierte Gruppe. Dieser werden schlechte Eigenschaften angedichtet, die einen Schaden für das große Ganze anrichten. Der logische Schluss daraus ist immer, diese Gruppe zu entrechten, diskriminieren, sanktionieren und in letzter Konsequenz sie aus dem großen Ganzen auszuschließen. Dieser Ausschluss geht von Verfolgung, Inhaftierung über Vertreibung bis hin zur Vernichtung. 

Diese sprachliche Abwertungsstrategie sehen wir auch heute wieder in den diversen Milieus der extremen Rechten. Ich möchte hier die Eskalationstufen dieser Strategie aufdröseln:

  1. Feindmarkierung: Eine Gruppe wird als Gruppe markiert. Zum Beispiel: Arbeitslose.
  1. Problemkonstruktion: Diese Gruppe wird als alleinige Verursacherin eines oder mehrerer Probleme  dargestellt. Beispiel: Arbeitslose belasten den Staatshaushalt in einem immensen Ausmaß.
  1. Homogenisierung: Diese Gruppe wird immer mehr zu einer homogenen Gruppe gemacht, deren Gruppenmitglieder primär alle die ihr zugeschriebene Identität besitzen. Das bedeutet, dass alle anderen individuellen Identitäten und damit verbundene Bedürfnisse und Probleme negiert werden. Dies führt dazu, dass gravierende und sich widersprechende Identitäten innerhalb der Gruppe unsichtbar gemacht werden. Beispiel: Arbeitslose sind alle primär arbeitslos und nicht auch/oder z.B. Männer, Frauen, alt, jung, krank, arbeitssuchend, gar nicht arbeitssuchend, arm, haben finanziell gerade ausgesorgt etc. 
  1. Zuschreibungen: Schreibe dieser Gruppe bestimmte negative Eigenschaften zu. Beispiel: Arbeitslose sind faul.
  1. Opferkonstruktion: Erfinde Opfer, die aufgrund dieser Gruppe ein schlechtes Leben haben. Beispiel: Weil so viele Arbeitslos so faul sind, müssen die Fleißigen doppelt und dreifach so hart arbeiten.
  1. Intention: Unterstelle der Gruppe bewusstes schlechtes Handeln, um anderen zu schaden. Beispiel: Faule Arbeitslose sind absichtlich schlecht bei Vorstellungsgesprächen, damit sie nicht arbeiten müssen.
  1. Neubezeichnung: Erfinde einen eigenen Namen für diese Gruppe, der ihre schlechten Eigenschaften und bewusst schlechten Handlungen aufzeigt. Beispiel: Arbeitsverweigerer statt Arbeitslose.
  1. Verschwörung: Unterstelle dieser Gruppe einen bösartigen Zusammenhalt, um hinterhältig den Opfern zu schaden. Beispiel: Faule Arbeitsverweigerer kennen alle Tricks, um nicht in Maßahmen zu landen oder keine Angebote zu bekommen.
  1. Marginalisierungspotenzierung: Vermenge diese Gruppe mit einer anderen marginalisierten Gruppe, zum Beispiel einer rassifizierten Gruppe. Beispiel: Die faulen, muslimischen Arbeitsverweigerer schaden mit ihren Tricks allen Fleißigen.
  1. Bedrohung: Mache diese Gruppe im nächsten Schritt zu einer Bedrohung für alle, die nicht diese Gruppe sind. Erzeuge maximale Eskalation und Unsicherheit. Beispiel: Wenn es weiter so viele faule Arbeitsverweigerer gibt, dann ist unser Lebensstandard nicht zu halten.
  1. Scheinlösung: Gib der Gruppe einen vermeintlichen Ausweg, der aber mit Erniedrigung, Entrechtung und Diskriminierung verbunden ist. Wenn Individuen dieser Gruppe diese Lösung nicht annehmen wollen, dann prügle weiter verbal auf die ganze Gruppe ein und fühl dich bestätigt. Beispiel: Arbeitslose aus Wien können ja ihr ganzes Leben umwerfen und für einen lächerlichen Lohn und miese Arbeitsbedingungen auf eine Tiroler Alm ziehen. Wenn sie das nicht tun, ist das Beleg, dass sie gar nicht arbeiten wollen.
  1. Entscheidung: Isoliere und dämonisiere die Gruppe so weit, dass es nur eine Entscheidung zwischen „wir“ oder „sie“ geben kann. Beispiel: Entweder Arbeitslose tragen etwas bei oder wir werden alle untergehen.
  1. Autoritäre Lösungen: Präsentiere autoritäre Lösungen. An diesem Punkt kannst du ganz nach autoritärem Gusto entscheiden, was du dieser Gruppe antun möchtest. Beispiel: Arbeitslose enteignen. Arbeitslose einsperren. Arbeitslose sollen zwangsweise ohne Entlohnung arbeiten.
  1. Ausstoßen: Diese Gruppe ist nun nicht mehr Teil der Gesellschaft. Gewalt und Übergriffe auf sie sind nun auch sprachlich zu rechtfertigen und im weiteren Verlauf sogar als heroischer Akt zu feiern. Beispiel: Endlich macht jemand etwas gegen diese Arbeitsverweigerer. Das ist ein patriotischer Akt. Die sind selbst schuld.
  1. Vernichtung: Der physischen Vernichtung geht die sprachliche Vernichtung voraus. Das ist das letzte Stadium der faschistischen Abwertungsstrategie. Beispiel: Wir müssen diese faulen Arbeitsverweigerer, die es sich mit hinterhältigen Tricks auf unsere Kosten gut gehen lassen, ein für alle Mal ausmerzen, damit wir überleben können.

Jede und jeder kann für sich entscheiden in welchem Stadium wir gerade sind und was es für das nächste Stadium und die nächste Eskalation braucht. Es geht viel schneller, als viele für möglich halten.

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