ADHS Man sieht eine Frau, die verzweifelt den Blick gesenkt hat. Sie hat schwarze Locken.
/ 21. Juni 2022

Janna ist 26 Jahre alt und hat im vergangenen Oktober ihre ADHS-Diagnose bekommen. Bis dahin galt sie als depressiv, doch es halfen ihr weder Psychotherapie noch Medikation. Vom Fachpersonal fühlte sie sich mit ihrer Vermutung zunächst nicht ernst genommen. Das erleben viele Erwachsene mit ADHS - und vor allem weiblich gelesene Personen. 
 

Ich hatte als Teenagerin die ersten Phasen, in denen es mir nicht gut ging. Mit 17 hatte ich meine ersten depressiven Symptome, igelte mich in meinem Bett ein, war tagelang antriebslos. Damals hielt ich mich einfach für faul, und andere für fleißiger. Trotzdem fiel mir die Schule immer leicht. 

Als ich mein Psychologiestudium an der Uni begann, änderte sich alles. Dadurch, dass ich plötzlich alles selbst organisieren musste, fiel es mir wahnsinnig schwer, eine Seminararbeit zu schreiben. Ich versuchte oft, die letzte Nacht vor einer Prüfung durchzulernen, um mir selbst Druck zu machen. Irgendwann hat das nicht mehr funktioniert. Wenn ich scheiterte, fiel ich in schwere depressive Phasen: Ich mied meine Freund:innen über Wochen, machte den Haushalt nicht mehr, blieb nur noch im Bett. Seminare an der Uni brach ich reihenweise ab. Als ich mein Studium nach dem Ausbruch der Pandemie nur noch digital bewältigen konnte, legte ich ein ganzes Semester auf Eis, weil das noch mehr Selbstorganisation bedeutet hätte. Ich wusste: Ich brauche Hilfe. 

“Ich kann mich doch konzentrieren und war gut in der Schule!”

Eine Therapeutin und eine Psychiaterin diagnostizierten mir eine mittelschwere bis schwere Depression. Ich probierte verschiedene Antidepressiva und eine Therapie aus. Weder die Medikamente noch das Gespräch änderten etwas an meinen Symptomen. Ich wusste: Da steckt noch mehr dahinter. Als mich meine Therapeutin fragte, ob es doch ADHS sein könnte, lehnte ich zunächst ab und sagte: “Ich kann mich doch konzentrieren und war gut in der Schule!” 

Erst als mich ein Freund mit ADHS darüber aufklärte, dass sich ADHS im Erwachsenenalter anders und vor allem individuell unterschiedlich äußert, verstand ich auf einmal: Es ist für andere Menschen nicht furchtbar anstrengend, eine Routine zu führen, ihnen fällt es nicht schwer, jeden Tag den Geschirrspüler auszuräumen. Sie denken nicht ständig an Einkaufslisten, unangenehme Situationen oder Ohrwürmer, ihnen fällt es nicht schwer, anderen nicht ständig ins Wort zu fallen. Plötzlich hatte ich eine Erklärung für alles, für das ich mich oft falsch fühlte. 

“ADHS heißt nicht, dass ich mich nie konzentrieren kann”

Als ich meinen Eltern von der Vermutung erzählte, sind auch ihnen auch Sachen aus meiner Kindheit eingefallen, die auf die Störung hinweisen. Ich konnte mich stundenlang in Büchern oder beim Zeichnen verlieren, mich ewig mit mir selbst beschäftigen. ADHS zu haben, heißt nämlich nicht zwingend, dass man sich nie konzentrieren kann. Es geht viel mehr darum, dass man Konzentration schlicht schlecht steuern und regulieren kann. Das hat mich immer so an mir gestört: Ich habe immer geglaubt, dass ich nur nicht genug will und zu faul bin. Dadurch hab ich mich in Drucksituationen begeben, bin über meine Grenzen gegangen - was mich in die Depression führte.

ADHS im Erwachsenenalter: Von Psychiaterin und Diagnostiker nicht ernst genommen

Weil ich mich nicht selbst diagnostizieren wollte, erzählte ich dem Fachpersonal von meiner Vermutung. Meine Therapeutin freute sich für mich und bestärkte mich darin, zur Diagnostik zu gehen. Meine Psychiaterin nahm mich allerdings nicht ernst. Sie fragte: “Wenn Sie ADHS haben sollten, wie haben Sie dann ihren Bachelor geschafft?” Sie kannte sich nicht mit der Komplexität der Diagnose aus. Auch ein Besuch bei einem weiteren Psychiater erwies sich als unangenehm. Er fragte: “Wenn sie ADHS haben sollten, warum sitzen sie dann gerade so ruhig?” 

ADHS: Vor allem bei weiblich gelesenen Personen selten erkannt

Was der Psychiater und viele Menschen nicht verstehen: Vor allem weiblich gelesene und untypisch männliche Personen regulieren ihre ADHS-Symptome mit großer Anstrengung. Dieses “Masking” beginnt schon im Kindesalter. Mädchen wird beigebracht, brav, zuvorkommend, lieb, angepasst und sozial rücksichtsvoll zu sein. Das passt nicht zu ADHS. Bei Burschen heißt es: “Ah, der Racker!” Jungs dürfen ihren Symptomen mehr Raum geben, bei Mädchen werden sie sanktioniert. Auch ich musste mein ADHS verstecken - unter großem Energieaufwand. 

Durch den Besuch einer Selbsthilfegruppe fand ich endlich Hilfe und einen weiteren Psychiater, der mich schließlich sofort diagnostizierte. Ich probierte ein paar Medikamente aus. Sie halfen zwar, doch ich vertrug sie körperlich nicht. Dennoch führe ich seit meiner Diagnose ein besseres Leben. Ich akzeptiere mich selbst und mich plagen keine Gewissensbisse mehr, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert oder ich an einer Routine scheitere.

Meine Umwelt gestalte ich mittlerweile so, dass sie meiner Störung entgegenkommt: Wenn ich wieder unordentlich bin, stelle ich mir in jedes Zimmer einen Mülleimer. Im Internet fand ich viele kreative Strategien, wie Erwachsene mit ADHS ihren Alltag bewältigen konnte. Ich konnte endlich den Gedanken loslassen, dass ich einfach nur ein fauler Mensch bin. 

ADHS haben nicht nur freche, energetische Jungs

Natürlich kann ich nicht für alle Menschen mit ADHS sprechen. Ich möchte auch nicht, dass jemand das liest und denkt: “Oh, das habe ich auch!” Man sollte damit unbedingt zu Expert:innen. Dennoch gibt es davon in Österreich sehr wenige und es gibt noch viel Unwissen über die Störung im Erwachsenenalter - weil sich in der Forschung in den letzten zehn Jahren viel getan hat.

Ich selbst habe in meinem Psychologiestudium kaum darüber erfahren und die Angebote für Fortbildungen sind schlecht. Andere Psychiater:innen nehmen es nicht ernst, weil ADHS in den USA oft überdiagnostiziert wird. Dennoch gibt es viele Menschen in ihren Zwanzigern, die unter einem veralteten Bild von ADHS leiden. Dem Rollenbild von frechen, energetischen Jungs, die die Schule nicht schaffen, weil sie zu sehr rumzappeln. Deshalb rate ich vor allem Frauen und genderqueeren Menschen: Tauscht euch aus, besucht Selbsthilfegruppen und sucht nach Tipps, wo ihr zur Diagnose gehen könnt. Denn auch wir haben es verdient, dass unsere Probleme ernst genommen werden. 

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