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Demokratie

Angriffe auf Kurd:innen in Rojava: “Wir haben nicht nur Angst zu sterben”

Angriffe auf Kurd:innen in Rojava: “Wir haben nicht nur Angst zu sterben”
Eine Demonstration von riseup4rojava am Ring am 23.01.2026
Milizen der Übergangsregierung in Syrien haben die demokratisch verwalteten kurdischen Gebiete angegriffen. Wir haben mit Kurd:innen in Wien gesprochen, die um ihre Familien in Rojava fürchten.

Trotz eisiger Kälte sind Hunderte Demonstrant:innen mit der Flagge von Kurdistan am Wiener Ring unterwegs. Seit Tagen gehen sie nach ihrer Arbeit auf die Straße. Sie schreien “Jin, Jiyan, Azadî!”, das bedeutet: "Frauen, Leben, Freiheit!” oder “Bijî Berxwedana Rojava!”, also “Hoch lebe der Widerstand von Rojava!”. Einige Frauen haben ihre Haare als Zeichen der Solidarität mit kurdischen Frauen vor Ort zu einem Zopf gebunden. Ein Zeichen des Widerstands, seit ein Kämpfer der syrischen Regierung in einem Social-Media-Video mit einem abgeschnittenen Zopf einer kurdischen Kämpferin posiert hatte.

Einerseits sind Kurd:innen auf der Demonstration, die selbst Familie im syrischen Rojava haben - oder in einem der drei anderen Länder mit kurdischer Bevölkerungsgruppe, wie der Türkei, dem Irak oder dem Iran. Sie teilen zwar nicht das Land, aber das gemeinsame Leid. 

Andererseits gibt es viele Personen, die aus Solidarität mitmarschieren. Was besonders auffällt, ist die Dankbarkeit, die Kurd:innen anderen Demonstrierenden entgegenbringen. Ein junger Mann läuft herum und bedankt sich bei anderen für deren Unterstützung – auch bei uns, weil wir berichten. Ein anderer bedankt sich bei der Polizei und gegenüber Österreich: “Danke Österreich, dass ich hier meine Meinung sagen und demonstrieren darf.”

Sturz von Held:innen

2015 wurden Kurd:innen, insbesondere die Kämpferinnen der Frauenverteidigungseinheit (YPJ), noch als Held:innen gefeiert. Ihnen gelang es, die nordsyrische Stadt Kobane vom IS-Terror zu befreien. Seitdem ist Kobanê ein wichtiges Symbol der Befreiung von Sklaverei und Frauenunterdrückung für die kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, auch bekannt als Rojava. 

Aus dem damaligen Kampf sind 2015 auch die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) entstanden, um den Islamischen Staat (IS) zu bekämpfen. Ihr Ziel ist ein demokratisches, säkulares, föderal gegliedertes Syrien. 

Viele hofften auch, nach dem Sturz der Regierung des Diktator Bashar Al-Assad diesem Ziel näher zu sein. Doch seit Wochen greift die syrische Übergangsregierung gemeinsam mit der Türkei nun das demokratisch von Kurd:innen verwaltete Gebiet Rojava an. 

Ihr Ziel ist es, die kurdischen Gebiete unter die eigene Kontrolle zu bringen. Einige Regionen fielen bereits. Ebenso kamen IS-Kämpfer aus Gefängnissen frei. Jahrelang hatten die USA die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) unter dem Assad-Regime im Kampf gegen den IS unterstützt. 

Jetzt verbündete sich US-Präsident Trump mit dem neuen Staatschef der Übergangsregierung Ahmed al-Scharaa. Jener Mann, der damals als Abu Mohammed al-Jolani seine eigene Terrormiliz namens Al-Nusra-Front gründete und sich der Terrororganisation al-Kaida anschloss, um das Assad-Regime in Syrien zu stürzen. 

Sturz von Held:innen

2015 wurden Kurd:innen, insbesondere die Kämpferinnen der Frauenverteidigungseinheit (YPJ), noch als Held:innen gefeiert. Ihnen gelang es, die nordsyrische Stadt Kobane vom IS-Terror zu befreien. Seitdem ist Kobanê ein wichtiges Symbol der Befreiung von Sklaverei und Frauenunterdrückung für die kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, auch bekannt als Rojava. 

Aus dem damaligen Kampf sind 2015 auch die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) entstanden, um den Islamischen Staat (IS) zu bekämpfen. Ihr Ziel ist ein demokratisches, säkulares, föderal gegliedertes Syrien. 

Viele hofften auch, nach dem Sturz der Regierung des Diktator Bashar Al-Assad diesem Ziel näher zu sein. Doch seit Wochen greift die syrische Übergangsregierung gemeinsam mit der Türkei nun das demokratisch von Kurd:innen verwaltete Gebiet Rojava an. 

Ihr Ziel ist es, die kurdischen Gebiete unter die eigene Kontrolle zu bringen. Einige Regionen fielen bereits. Ebenso kamen IS-Kämpfer aus Gefängnissen frei. Jahrelang hatten die USA die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) unter dem Assad-Regime im Kampf gegen den IS unterstützt. 

Jetzt verbündete sich US-Präsident Trump mit dem neuen Staatschef der Übergangsregierung Ahmed al-Scharaa. Jener Mann, der damals als Abu Mohammed al-Jolani seine eigene Terrormiliz namens Al-Nusra-Front gründete und sich der Terrororganisation al-Kaida anschloss, um das Assad-Regime in Syrien zu stürzen. 

Die Festung Kobane

Avjeen flüchtete 2014 aus der syrischen Stadt Kobane in die Türkei. Damals hatte die Terrororganisation IS die mehrheitlich kurdische Stadt angegriffen. Für Avjeen und ihre Familie war es nicht mehr sicher, dort zu leben. Seit 2015 lebt sie in Österreich. Heute arbeitet sie bei der Caritas. 

Bis vor zwei Wochen hatte sie noch regelmäßigen Kontakt zu ihrer Familie in Kobane. Doch jetzt ist die Stadt komplett von der Außenwelt abgeschirmt. Es gibt kaum Strom, Diesel für Heizung, Wasserversorgung und Netz. 

Und auch andere lebenswichtige Güter werden knapp: “Insulinspritzen sind nicht mehr vorhanden, es gibt keine Nahrungsmittel für Babys mehr und bald schon werden auch die Bäckereien kein Brot mehr produzieren, weil es kein Mehl mehr gibt.” Avjeen schreibt uns einen Tag nach dem Interview, dass in Kobanê vier Kinder aufgrund der Kälte erfroren sind.

Die Bevölkerung in der Stadt ist um das Vielfache gestiegen. Zivilist:innen sind aus anderen Gebieten dorthin geflohen, da dort Kämpfe zwischen kurdischen Verteidigungstruppen und der Armee der Übergangsregierung stattfanden. 

Vor wenigen Tagen kam dann die Erleichterung: Ihre Familie konnte sie nach rund 10 Tagen banger Stille erreichen. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Die Stadt liegt in kurdischer Hand – doch das kann sich jederzeit ändern. Denn die syrischen Truppen belagern die Stadt. 

Kein Ausweg

Erst voriges Jahr haben Bekannte von Avjeen in Syrien ihre Universitätsabschlüsse gefeiert. Jetzt warten sie auf den Moment, bis sie zur Waffe greifen müssen, um ihre Heimat zu verteidigen, erzählt sie. “Flüchten können sie nicht mehr, da die nordische Grenze von Syrien dicht ist. Die Türkei lässt keine Zivilist:innen mehr ins Land”, sagt sie. 

Alles, was jetzt passiert, erinnert sie an den Großangriff der Terrororganisation IS 2014 auf Kobane, nachdem sie geflohen ist. Die größte Angst sei in dieser Lage dabei, nicht nur zu sterben. “Es kann sein, dass man seine Hand verliert oder versklavt wird. Frauen werden vergewaltigt und in anderen Städten verkauft”. Plötzlich sind alle Gefühle von damals wieder da.

Verfälschte Berichterstattung 

Auch die Berichterstattung über die syrischen demokratischen Kräfte hat sich wieder verändert. Mittlerweile bezeichnen Medien sie oft fälschlicherweise als kurdische Milizen, ärgert sich Avjeen: “Das sind keine Milizen, sondern Verteidigungskräfte, die entstanden, um ihr Volk vor der Terrororganisation IS zu retten.” Jede kurdische Familie hatte damals junge Frauen und Männer unter den Verteidigungskräften, die einfach nur ihre Familie beschützen wollten. 

Besonders in den arabischen Medien höre man, dass die SDF die islamistische Übergangsregierung Syriens bekämpfen würde. “Das sind alles Lügen, damit sie eine Rechtfertigung haben, Massaker auf kurdischen Gebieten anzurichten”, stellt Avjeen klar. 

Ebenso berichten Medien von einer Waffenruhe zwischen der SDF und der syrischen Übergangsregierung. Doch die SDF meldete, dass südöstlich der Stadt Kobanê fünf Zivilist:innen getötet wurden. 

Rojava als Zeichen für Demokratie

Auf der Demonstration kommen wir in ein Gespräch mit einem jungen Mann. “Viele trauen sich nicht öffentlich zu sprechen, weil sie Angst haben vor Konsequenzen, wenn sie in ihre Heimat wollen”, erzählt ein Demonstrant. Er fürchtet ebenso schwere Konsequenzen für seine Familie in Rojava, wenn wir ihn namentlich erwähnen. 

Er betont, dass es nicht nur wichtig sei für Rojava zu demonstrieren, sondern für alle unterdrückten Völker. Es gelte, demokratische Werte überall zu verteidigen. “Wenn in Österreich ein Unrecht passiert, stehen wir trotzdem auf und demonstrieren für Österreich, für ein Miteinander. Wir sind alle Menschen und ein Volk.”

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