"Animators Against War: Eine Animation von "Animatorsagainstwar", einem russischen Künster:innenkollektiv

Eine Animation von "Animators Against War", einem russischen Künster:innenkollektiv.

Youtube: Animatorsagainstwar.

/ 2. März 2022

Auch in Russland sind viele nicht mit dem Krieg gegen die Ukraine einverstanden. Dariia Lebedeva ist eine 27-jährige Russin, arbeitet in einem kleinen Grafikstudio in Moskau und Teil von "Animators Against War". Die Animatorin hat mit zahlreichen Künstler:innen das Kollektiv gegründet, das mit kreativen Youtube-Videos und Posts gegen den Krieg protestiert. Mit MOMENT hat sie über ihr Projekt, die Stimmung in Russland und das Leben als Künstlerin im Regime gesprochen.

Animators Against War: Kunst gegen Putins Krieg

MOMENT: Dariia, wie geht es dir gerade?

Dariia Lebedeva: Ich habe Angst, wie jede:r hier gerade. Aber die Arbeit, unser Projekt, das hilft zumindest ein bisschen. Wir sitzen nicht herum und machen gar nichts.

 

MOMENT: Kannst du uns mehr über dieses Projekt erzählen, was ist eure Botschaft an die Welt?

Dariia Lebedeva: Wir protestieren gegen Russlands Invasion der Ukraine. In unserem Manifest fordern wir friedvolle Methoden, um Konflikte zu lösen. Das, was unser Land da gerade macht, ist in keiner Weise zu rechtfertigen. Wir arbeiten mit Macher:innen aus ganz Russland zusammen, auch Sound-Designer:innen und Musiker:innen. Wir wollen den sofortigen Stopp der Kampfhandlungen. Unser Kollektiv ist ethnisch divers, wir sind nicht nur slawische Russ:innen. Ich gehöre zum Beispiel der indigenen Minderheit der Chuckchi an. Wir bitten die Künstler:innen, uns 5-Sekunden-Animationen zu schicken, die wir dann zu Videos zusammenschneiden. Drei Videos sind schon da, das vierte, fünfte und sechste sind gerade auf dem Weg. Daran kann man sehen, wie viele Leute schon mitmachen, und es werden immer mehr.

 

MOMENT: Ist das nicht gefährlich?

Dariia Lebedeva: Natürlich. Wenn du einen Witz in sozialen Medien machst, kannst du verfolgt werden. In Russland kommen täglich neue Gesetze, die es leichter machen, uns zu verhaften. Ich kenne ein kleines Studio, das Anti-Kriegs-Sticker hergestellt hat, die wurden vor ein paar Stunden alle verhaftet. Das ist eigentlich illegal, aber das kümmert in dieser Regierung niemanden mehr. Andere müssen Strafen zahlen. Aber wir werden deswegen nicht still sein. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was den Menschen in der Ukraine passiert.

 

MOMENT: Du scheinst sehr aufgeklärt über die Situation in der Ukraine zu sein. Wie geht es deinen Mitbürger:innen da? Glauben Sie an die Propaganda Putins?

Dariia Lebedeva: Die Gesellschaft ist komplett gespalten in Russland. Viele jungen Leute wissen, was wirklich passiert, aber gerade die älteren Generationen sind sehr empfänglich für Propaganda. Die jüngere Generation versucht gerade, der älteren die Augen zu öffnen. Viele Leute, die bisher nicht wussten, dass Putin ein Arschloch ist, ändern ihre Meinung. Weil sie selbst die Konsequenzen des Krieges erleben. Aber besonders junge Menschen gehen auf die Straße, vor allem junge Frauen und sogar Kinder. Ich habe mitbekommen, wie ein Kind verhaftet wurde, das war vielleicht 10 Jahre alt. Heute Abend gehen die Christen auf die Straße. Ich bin selbst keine Christin, aber vielleicht bringt das ja was. Nach dem Motto: Im Namen Gottes, stoppt diesen Krieg! Ich hoffe es.

MOMENT: Apropos Konsequenzen. Wie ist das Alltagsleben in Russland gerade? Spürt ihr die Sanktionen?

Dariia Lebedeva: Alle Unternehmen haben Probleme. Dollar und Euro werden von Stunde zu Stunde teurer. Die Sanktionen treffen uns natürlich alle. Die Menschen können nicht mehr ins Kino gehen und westliche Filme anschauen. Sie merken: “Oh mein Gott, gerade passiert etwas, dabei wollte ich doch Batman schauen.” Die Preise für alles schießen überall in die Höhe. Die Menschen sind natürlich wütend und frustriert.

 

MOMENT: Aber gegen wen richtet sich diese Wut? Glauben die Menschen überhaupt, dass Putin Schuld daran ist?

Dariia Lebedeva: Das globale Internet funktioniert hier sehr gut. Menschen, die Fremdsprachen können, sind bestens informiert. Wir haben auch noch ein paar wenige unabhängige Medien, wie die Novaya Gazeta. Aber das werden weniger. Journalist:innen verlassen das Land, weil sie um ihr Leben fürchten müssen.

 

MOMENT: Im Westen wächst währenddessen wegen Putins Invasion die Abneigung gegen russische Staatsbürger:innen.

Dariia Lebedeva: Das stimmt. Russ:innen aus meinem Freundeskreis, die zum Beispiel ein Auslandssemester machen, berichten uns, wie sie beleidigt oder aus Vorlesungen ausgeschlossen werden. Eine Freundin von mir wohnt in Österreich und wurde sogar von ihrer Nachbarin angegriffen. Das macht uns traurig.

 

MOMENT: Wie ist es eigentlich, eine politische Künstlerin in Russland zu sein? Habt ihr schon früher mit Verfolgung leben müssen?

Dariia Lebedeva: Das geht schon seit Jahren so, aber nicht in diesem Ausmaß. Wir sind auch vorsichtiger geworden, seitdem Nawalny (Anm. Alexei Nawalny ist ein wichtiger russischer Oppositioneller) im Gefängnis sitzt. Russland unterdrückt politische, ethnische und kulturelle Minderheiten aber schon seit Jahrhunderten, das ist kein neues Phänomen. Das ist nach dem Zerfall der Sowjetunion besser geworden, aber mittlerweile sind wir wieder in dieser Zeit angelangt. Es bricht uns das Herz, dass es wieder passiert.

 

MOMENT: Wie, glaubst du, wird sich die Situation in den nächsten Tagen und Monaten weiterentwickeln? Du kennst Putin besser als wir.

Dariia Lebedeva: Ich weiß es nicht. Wir werden wahrscheinlich weiter isoliert werden, bis es wieder so ist,  wie damals in den 90ern, als das Land in Trümmern lag. Und wir fürchten diesen Präsidenten. Er ist unberechenbar. Vor ein paar Wochen hätte noch niemand gedacht, dass jemals wieder über einen nuklearen Krieg gesprochen wird. Und da sind wir jetzt schon angelangt.

 

MOMENT: Wie kann man Aktivist:innen in Russland unterstützen?

Dariia Lebedeva: Ihr solltet wissen, dass auch Russland gegen diesen Krieg ist. Verfolgt unsere unabhängigen Medien. Teilt unsere Videos, es werden noch mehr kommen. Und unterstützt die Menschen in der Ukraine.

 

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