Daniela Brodesser und ihre neue Kolumne: Armutprobe
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Daniela Brodesser

/ 12. August 2020

Ich bin Mutter von vier Kindern, drei davon noch schulpflichtig. Verheiratet. Uns ging es lange Zeit relativ gut. Wir waren nie reich, aber hatten immer genug, um das Leben zu bewältigen. Die Miete war leicht bezahlt, es fehlte an nichts. Der Mann war selbständig, ich hauptsächlich zu Hause bei den Kindern, nebenbei habe ich ein wenig gejobbt.

Dann geriet mein Mann ins Burnout. Krankenstand als Selbständiger? Unmöglich. Er musste weiter arbeiten, begann mit einer Arbeit als freier Dienstnehmer. Also weiterhin: Kein Urlaub, kein Krankenstand, kein Mindestlohn. Damals waren wir beide der Meinung, besser eine miese Arbeit als gar keine. Damals wussten wir noch nicht, was dieser Job für uns bedeuten wird: Unregelmäßiges Einkommen, kein Anspruch auf Mindestsicherung. Ich habe drei lange Jahre versucht, einen Job zu finden, der sich mit den Kindern vereinbaren lässt. Am Land ein ziemlich schwieriges Unterfangen.

Einen Lohnzettel von der Armut entfernt

Fakt ist, dass sich viele Armutsbetroffene mit prekären Jobs, mit unsicheren oder geringfügigen Dienstverhältnissen über Wasser halten. Es ist eine ständige Gratwanderung. Fällt auch nur einer dieser Jobs weg, beginnt die Armutsspirale von Neuem. Und zwar schneller als man denkt. Je mehr Betroffenen vorgeworfen wird, sie würden in der "sozialen Hängematte liegen", desto einfacher ist es, sie in ausbeuterische Hungerlohnjobs zu drängen.

2019 ging es endlich aufwärts. Ich zog zwei geringfügige Jobs an Land. Klingt gut, aber geringfügig arbeiten heißt auch: Ich bin weder pensions- noch arbeitslosenversichert.

Wir waren -  wie viele andere Familien - gefangen in einer Spirale aus unsicheren Jobs: die Miete ist gerade bezahlt, passieren darf aber nichts. Jetzt habe ich zusätzlich eine feste Teilzeitstelle. Damit bin ich einen Lohnzettel von der Armut entfernt. Das ist nicht viel. Aber doch alles.

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Über mich:

Ich heiße Daniela Brodesser, bin 1975 in Linz geboren, habe vier wundervolle Kinder zwischen 11 und 23 und bin verheiratet. Zwei Krankheiten in der Familie haben unser Leben ab 2008 vollends auf den Kopf gestellt. Die Folge war ein Teufelskreis aus Armut, Beschämung, Selbstzweifel und Isolation. 2018 begann ich damit an die Öffentlichkeit zu gehen und über Armut und deren Folgen zu twittern.

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