Das Foto zeigt den Schatten eines Mannes auf einer Wand. In dem Artikel geht es um den Anschlag in Wien und Deradikalisierung im Gefängnis

Der Anschlag in Wien wirft die Frage auf: Welche Rolle hat das Gefängnis bei der Radikalisierung des Attentäters gespielt? Foto: Benjaima Kamel für Unsplash

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/ 5. November 2020

Der Mann, der am Montagabend in Wien einen Anschlag begangen hat, war im vergangenen Jahr im Gefängnis. In Haft ist die Gefahr einer (weiteren) Radikalisierung allgegenwärtig. Helfen sollen Angebote wie die Gefängnisseelsorge.

Džemal Šibljaković ist Imam und Leiter der islamischen Gefängnisseelsorge. Er ist für rund 550 InsassInnen in fünf Justizanstalten zuständig und hat tagtäglich mit radikalen InsassInnen zu tun. Sein Ziel? Aufklären, radikales Gedankengut entkräften und den Gefangenen langfristig eine Perspektive geben. Im Interview mit MOMENT erklärt er, was die Gefängnisseelsorge leistet und wie Deradikalisierung gelingen kann.

Der Imam und Seelsorger Džemal Šibljaković hält auf dem Foto einen Vortrag.

Džemal Šibljaković ist Leiter der islamischen Gefängnisseelsorge. Foto: privat

MOMENT: Wie hängt Radikalisierung mit dem Gefängnis zusammen?

Džemal Šibljaković: Da gibt es viele Verbindungen. Das Gefängnis ist ein Ort, an dem viele InsassInnen Ohnmacht erleben. Sie können wenige eigene Entscheidungen treffen und müssen sich unterordnen. Gleichzeitig bekommen sie sehr wohl mit, wenn es "draußen" rassistische Diskussionen gibt oder Attentate auf Moscheen.

Diese Ohnmacht ist ein gemeinsames Motiv bei Menschen, die sich extremistischen Gruppierungen anschließen. Diese vermitteln effektiv das Gegenteil von Ohnmacht, nämlich Selbstwirksamkeit. Ein Attentäter hat potenziell die Macht, die Gesellschaft zu spalten. Dazu kommen Medien, die Tätern ganze Titelseiten widmen, Videos vom Anschlag werden tausendfach geteilt. Ich hoffe, dass wir dem Täter in Wien diese Macht nicht geben. Das wird sich noch zeigen.


Welche Rolle spielt die islamische Gefängnisseelsorge?

Džemal Šibljaković: Auch wenn der Glaube vorher eine kleinere Rolle gespielt hat, ist Religion für viele InsassInnen spätestens in der Haft ein wichtiges Thema. Im Idealfall ist die Zeit im Gefängnis eine, die zum Nachdenken anregt: Wer bin ich, was bringt die Zukunft, was ist der Sinn meines Daseins? Dabei suchen InsassInnen Rat. Eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft gelingt, wenn die Probleme aus verschiedenen Perspektiven bearbeitet werden. Es braucht die Sozialarbeit, Psychologie, die Seelsorge - alles gemeinsam. Alleine können wir nichts anrichten. Extremismus ist dafür ein Paradebeispiel. Hier kommen soziale und religiöse Themen zusammen, die eine Rolle dabei spielen, ob jemand radikal wird.

Wir können diese Begleitung leider nicht in dem Ausmaß bieten, wie wir es gerne würden. Bis auf mich arbeiten in der islamischen Gefängnisseelsorge alle ehrenamtlich. Schon lange gab es den Wunsch nach Planstellen. Bisher sind diese den katholischen KollegInnen vorbehalten. Auch die evangelischen und jüdischen SeelsorgerInnen müssen ihre Arbeit im Ehrenamt ausüben oder sich anders finanzieren. Das finde ich schade.


Wie kann Deradikalisierung im schwierigen Umfeld einer Justizanstalt gelingen?

Džemal Šibljaković: Religiöse Aufklärung ist eine Methode, mit der wir viel Erfolg hatten. Viele InsassInnen, die mit radikalem Gedankengut in Haft kommen, haben in Wahrheit kaum Wissen über den Islam. Sie kennen kurze Auszüge, die zusammengewürfelt werden und eine Erzählung über die Welt ergeben, die Gewalttaten rechtfertigt. Wir setzen diese einzelnen Stellen in den richtigen Zusammenhang und vermitteln, worum es in der Religion tatsächlich geht. Die InsassInnen fühlen sich dann immer wieder veräppelt von ihren ehemaligen Anführern, die ihnen die ganze Wahrheit verschwiegen haben.


Gerade bei der religiösen Aufklärung ist es wohl hilfreich, wenn Sie als Imam diese Aufgabe übernehmen.

Džemal Šibljaković: Ja, in der Regel zählt nicht nur die Botschaft, sondern auch die Person, die sie überbringt. Ein religiöser Würdenträger oder eine Würdenträgerin ist meist glaubwürdiger als eine Person, die den Glauben nicht teilt. Es gibt natürlich auch Fälle, in denen Aufklärung nichts nützt. Wenn der Glaube nur als vorgeschobener Grund fungiert, um politische Ziele zu erreichen, etwa.


Immer wieder heißt es, junge Menschen ohne Perspektive sind anfälliger für Extremismus.

Džemal Šibljaković: Das ist sicher richtig. Wie man sich leicht vorstellen kann, halten sich die Zukunftsperspektiven nach einer Haftstrafe in Grenzen. Deswegen ist die Betreuung nach der Haft mindestens genauso wichtig, wenn nicht wichtiger. Wir versuchen die InsassInnen in Communitys zu bringen, die berufliche Perspektiven bieten können, aber auch stabile Freundschaften sind wichtig.


Deradikalisierung klappt nicht immer.

Džemal Šibljaković: Wir wissen: Der junge Mann, der in Wien den Anschlag verübt hat, war in Haft. Verschiedene Studien zeigen schon lange, dass Radikalisierung im Gefängnis ein großes Problem ist. Wir werden uns damit auseinandersetzen müssen, wie wir unsere Arbeit in den Gefängnissen und in der Deradikalisierung weiter machen können. Langfristig bedarf es jedenfalls einer Veränderung.

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