Foto zeigt die Medienprodukte auf einem Tisch arrangiert. Die Printausgabe von Addendum, auf einem Tablet ist das Online Medium geöffnet, außerdem liegt ein Buch des Mateschitzverlages auf. Eine Tasse Kaffee und eine angebissene Nussschnecke komplementieren das Ensemble.
Die Investigativ-Plattform Addendum war ein Prestige-Projekt des Red Bull Konzerns. Nun wurde es eingestellt. Warum es ein Problem ist, wenn qualitativer Journalismus von der Laune eines Mäzens abhängt. Credit: Addendum
/
/ 12. August 2020

Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Investigativ-Plattform “Addendum” eingestellt wird. Geldgeber war Red Bull-Chef Didi Mateschitz. 57 MitarbeiterInnen verloren ihren Job. Warum qualitativer Journalismus nicht von den Launen eines Mäzens abhängen darf und die Medienförderung dringend neu aufgestellt werden muss.

Es wurde mücksmäuschenstill, als sich vergangenen Dienstag Geschäftsführer Michael Fleischhacker an die Belegschaft von “Addendum” mit den Worten wandte, dass dies nun “der schlimmste Tag der letzten 25 Jahre” sei. Mit diesen Worten begann er seine Rede und erklärte den 57 MitarbeiterInnen der Investigativ-Plattform, dass sie bald keinen Job mehr haben.


Kurz vor Aus noch JournalistInnen eingestellt

Das Aus kam nach drei Jahren plötzlich. Gerade zuvor waren noch JournalistInnen von anderen Medien abgeworben worden. Ein Mitarbeiter hatte seinen zweiten Arbeitstag, als er erfuhr, dass diese Anstellung auch schon wieder ihr jähes Ende findet. Manche MitarbeiterInnen erfuhren überhaupt indirekt davon, schließlich waren viele aufgrund der Urlaubszeit nicht in der Redaktion.

Doch wenn Geldgeber und Red Bull-Chef Didi Mateschitz nicht mehr will, dann muss es offensichtlich schnell gehen. Da ist es wohl auch herzlich egal, dass ausgerechnet in Krisenzeiten 57 Menschen ihren Job verlieren - und das in einer Branche, in der gute Jobs schon davor rar waren. 

Als offiziellen Grund gibt Red Bull in einer knappen Pressekonferenz an, dass es “trotz erheblichen Mitteleinsatzes und einer Reihe erfolgreicher und relevanter Rechercheprojekte” nicht gelungen sei, “die Zielsetzungen der Stiftung in ausreichendem Maß zu erfüllen.”


Red Bull arbeitet bereits an neuem Medienprojekt

Was diese verfehlten Ziele waren, bleibt unbekannt. Ebenso, warum man sie nicht durch Veränderungen erreichen hätte können. Dass investigativer Journalismus aufwendig und teuer ist, sollte schon vor dem Start des Projekts klar gewesen sein. 

Es scheint, dass sich der Engergydrink-Hersteller nun wieder auf klassisches Corporate Publishing konzentrieren will. Gerüchten zu Folge soll bald in der Krieau ein neues Produkt für das Red Bull Medienhaus entstehen. 

 

Die Dose gibts, die Dose nimmts

Auf die Launen einzelner Superreicher ist kein Verlass, wenn es um nachhaltige Projekte geht. Über Mäzenen-Projekten schwebt immer die Gefahr, dass sie über Nacht eingestampft werden.

Bereits in der Vergangenheit hat Red Bull Chef Didi Mateschitz gezeigt, dass er sich nicht schwer tut, die von ihm ins Leben gerufenen Medien auch schnell wieder sterben zu lassen, wenn ihm etwas nicht passt. Als MitarbeiterInnen seines Senders “Servus TV” ihr Recht wahrnehmen wollten, einen Betriebsrat zu gründen, verkündete Mateschitz prompt die Schließung. Die Belegschaft ruderte zurück, der Chef wurde dadurch gnädig gestimmt und der unprofitable Betrieb wird bis heute doch weitergeführt.


Medienförderung muss neu aufgesetzt werden

Eine vielfältige, gute und auch von GönnerInnen unabhängige Medienlandschaft ist für das Bestehen einer Demokratie wichtig. “Hier muss Geld in die Hand genommen werden, wie für die Infrastruktur. Wenn ich jahrzehntelang keine Autobahn saniere, bekomme ich immer größere Schlaglöcher. So ist das auch mit der Medienlandschaft,” erklärt Medienwissenschafter Matthias Karmasin.

Die Medienförderung müsse dringend umgebaut werden, ist sich Karmasin sicher. Derzeit würde das Geld “nach dem Gießkannenprinzip” und einem veralteten System verteilt werden. Es profitieren vor allem Print-Medien. Innovative Online-Projekte würden hingegen leer ausgehen. 


Seit Jahren rufen immer wieder PolitikerInnen eine Neuaufsetzung der Medienförderung aus - aktuell auch die grüne Mediensprecherin. Doch warum passiert nichts? Einerseits, weil PolitikerInnen durch Parteiwerbeanzeigen indirekt Medien fördern und manche im Gegenzug eine wohl positive Berichterstattung erwarten. Wer da nicht mitspielt, muss im Gegenzug eine Medienschelte fürchten. 

Um diese Abhängigkeiten einerseits und Erpressbarkeit andererseits zu vermeiden, müssten vor allem ExpertInnen, am besten aus dem Ausland, die Medienförderung vergeben, betont Karmasin.

 

Starke und vielfältige Medienlandschaft für Demokratie wichtig

Er war an einer Studie beteiligt, die heuer erstmals konkret mittels Erhebung auf die kaputten Stellen im österreichischen Journalismus hinwies. Einerseits schrumpft der Journalismus, da immer mehr Titel eingestellt werden und Arbeitsplätze verloren gehen. Seit 2006 gibt es um rund ein Viertel weniger JournalistInnen in Österreich. Währenddessen steigt die Zahl der Kommunikations- und PR-Experten in Konzernen und Institutionen. Kurz: Die Anzahl derer, die den Mächtigen kritisch auf die Finger schauen, schrumpft beständig, während sich Konzerne stetig in ihren Medienauftritten professionalisieren.

Und deshalb ist der Verlust von 57 großteils journalistischen Arbeitsplätzen umso mehr zu bedauern. 

 

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner SPENDE. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Fünf wichtige Themen in nur drei knackigen Minuten. Hol dir deinen täglichen Morgenmoment per E‑Mail!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.