Ein Kind und eine Betreuerin malen gemeinsam ein Bild.
/ 21. Oktober 2021

Mit dem Wiener Ausbildungsgeld will die Stadt Arbeitsuchenden den Berufseinstieg erleichtern. 4.100 Menschen winken jetzt 400 Euro monatlich, wenn sie eine Ausbildung im Gesundheits- oder Pflegebereich starten. Wer bereits jetzt diese Ausbildungen macht, sieht allerdings keinen Cent davon.

Marija* ist gerade 48 Jahre alt geworden, 34 davon hat sie gearbeitet. Als Jugendliche wird sie verheiratet, die Schwiegermutter schickt sie direkt ins Gastgewerbe, um die teure Hochzeit abzubezahlen. Später macht sie eine Ausbildung als Bürokauffrau und schlägt sich mit etlichen Nebenjobs durchs Leben. Währenddessen zieht sie drei Kinder groß.

Eines dieser mittlerweile erwachsenen Kinder lebt jetzt mit seiner Tochter wieder bei Marija und ihrem Mann in einer 3-Zimmer-Wohnung. Weil Marija Kinder liebt, erfüllt sie sich 2020 den Lebenstraum, auch mit ihnen zu arbeiten. Sie schreibt sich für eine dreijährige Ausbildung zur Assistenzpädagogin an der Wiener bafep21, einer Ausbildungsstätte für Pädagog:innen, ein. Im Alter von 48 Jahren drückt sie jetzt wieder die Schulbank, 38 Stunden pro Woche. Vom AMS bekommt sie dafür 850 Euro im Monat.

Hilfe gibt es nur für Erstklässler:innen

Dass das recht wenig ist, dachte sich auch die rot-pinke Stadtregierung Wiens. Im Frühjahr stellten Arbeitsstadtrat Peter Hanke und Bürgermeister Michael Ludwig eine Initiative im Rahmen des Wiener ArbeitnehmerInnenfonds (WAFF) vor: Mit 400 Euro im Monat wollen sie Menschen wie Marija unter die Arme greifen, insgesamt 31,5 Millionen investiert die Stadt in das „Wiener Ausbildungsgeld“ für 4100 Stellen im Gesundheits- und Pflegebereich. Dazu zählen auch 270 Stellen in Marija Bereich, der Assistenzpädagogik. Sie selbst sieht aber keinen Cent davon. Der Grund: Sie ist schon seit einem Jahr in Ausbildung. Die Förderung beginnt aber erst bei einem Ausbildungsbeginn ab 6. September 2021.

"Dabei sind wir es, die sich letztes Jahr durch Homeschoolings und Lockdowns kämpfen mussten“, sagt Marija. Ihrer Schulkameradin Dilara* sieht es ähnlich: „Wir lernen das gleiche, haben dieselben Anforderungen und verdienen jetzt weniger Geld als die ersten Klassen. Das frustriert.“ Die 35-Jährige hat drei Kinder und bekommt 950 Euro vom AMS. Ohne die finanzielle Unterstützung ihres Mannes könnte sie die Ausbildung nicht machen.

Auszubildende jobben am Wochenende, die Verantwortlichen lässt das kalt

Beim WAFF sieht man keinen Grund zur Aufregung, weil Marija oder Dilara vergessen wurden. „Um diese Leistung zu erhalten, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, darunter gehört auch der zeitliche Beginn der Ausbildung“, teilt ein Pressesprecher mit. Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben. Der verantwortliche Stadtrat Hanke meldet sich auf die Anfrage von MOMENT nicht zurück.

Der WAFF meint, dass Marija und Dilara ja unter der Bedingung in die Ausbildung eingetreten sind, nur das AMS-Geld zu bekommen. Diese „Bedingung“ bedeutet für Marija allerdings, dass sie mittlerweile am Wochenende acht Stunden in einem Fitnesscenter arbeiten muss, damit sie samt Sohn und Enkelin über die Runden kommt. „Natürlich haben wir uns in dem Wissen angemeldet, nur 800-900 Euro zu bekommen, aber die 400 mehr würden unser Leben so erleichtern“, sagt Dilara.

Lehrpersonen raten zum Abbruch, bevor es zu spät ist

Leichter hätte es auch Marlene*. Sie sammelt in den zweiten und dritten Klassen am bafep21 deshalb jetzt die Unterschriften der wütenden Assistenzkindergärtner:innen in Ausbildung. Für die 21-Jährige und ihre kleine Tochter bleiben im Monat 350 Euro übrig. Ihr muss ebenfalls der Lebensgefährte aushelfen, anderen gehe es aber noch schlechter: „Ich kenne zwei in meiner Klasse, die sind alleinerziehend, denen hilft niemand.“ Die Doppelbelastung führe dazu, dass sie im Unterricht nicht mehr mitkommen. Die Ausbildung sei „alles andere als familienfreundlich“, so Marlene.

Die Überforderung führe ihr zufolge auch zu frühen Abbrüchen der Ausbildung. Aus drei Klassen mit insgesamt um die 90 Schüler:innen, die jährlich in die Ausbildung einsteigen, haben in den letzten Jahren nur zwischen 50 und 60 abgeschlossen. Dass die Dropout-Rate hoch ist, wundert niemanden, der von Marijas 7-Tage-Woche weiß. „Am Ende geben einige lieber diese Ausbildung als ihre Familie auf“, sagt Marlene.

Auf den Schüler:innen laste enormer Druck: Sie müssen das Geld vom AMS im Falle eines Abbruchs schließlich auch zurückzahlen. Lehrpersonen würden Wackelkandidat:innen daher schon zum vorzeitigen Abbruch raten, weil das Geld zumindest im ersten Jahr nicht zurückerstattet werden muss.

Schnelles Handeln könnte Dropout-Raten und Personalmangel entgegenwirken

Die prekäre Ausbildung zur Kindergartenassistenz reiht sich damit ins bereits zu den stiefkindlich behandelte Brennpunktthema der Elementarpädagogik. Erst vergangene Woche gingen tausende Kindergärtner:innen in Wien auf die Straße, weil es an Personal fehlt und die Bezahlung nicht ausreicht. Auch Marlene, Dilara und Marija wissen das, weil sie jede Woche fünf Praxisstunden in Kindergärten absolvieren müssen. „Die Betreuerinnen sind völlig überfordert, oft müssen wir einspringen, damit sie zumindest mal aufs Klo gehen können“, sagt Marlene.

Aktuell muss sich ein:e Pädagog:in in Wien um bis zu 25 Kinder kümmern. Die Assistenzpädagog:innen werden allein deshalb benötigt, um den Betreuerinnen den Rücken freizuhalten. Es erscheint ratsam, jene zu unterstützen, die sich bereits in Ausbildung befinden, um weitere Abbrüche zu vermeiden. Der Nachschub wird aber weiterhin ausbleiben, wenn Menschen wie Marija weiterhin 50-Stunden-Wochen schieben, nur um sich die Ausbildung leisten zu können. „Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet, ich möchte doch einfach mal zur Ruhe kommen“, sagt sie.

*Um die Betroffenen zu schützen, wurden alle Namen geändert, sie liegen der Redaktion vor.

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