Bad Bunny versus ICE: Es geht nicht nur um Musik, sondern um Zugehörigkeit und Widerstand
@moment_magazin Bad Bunny steht beim Super Bowl auf der wohl größten Bühne der Welt - und singt auf Spanisch. Während ICE-Beamt:innen Menschen aus dem Alltag reißt und auf jeden Akzent hört, setzt er inmitten der USA ein Gegenbild: von Würde, Vielfalt und Zugehörigkeit.
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Bad Bunny hat in einer Woche gleich zweimal Geschichte geschrieben: Bei den Grammys gewann „Debí Tirar Más Fotos“ als erstes rein spanischsprachiges Album den Preis für das Album des Jahres. Und er nutzte seine Bühne für eine Botschaft: „ICE out“ – gefolgt von einer Klarstellung über Menschlichkeit und Zugehörigkeit: „Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Aliens. Wir sind Menschen, und wir sind Amerikaner.“
Das ist keine Floskel. Es ist ein Gegenbild zu einem System, das Personen entmenschlicht, damit Gewalt, Haft und Abschiebung leichter zu rechtfertigen sind. Denn zeitgleich, im selben Land, wächst die Maschinerie, die Bad Bunny benennt: ICE – Immigration and Customs Enforcement.
Bad Bunny bricht Rekorde, während die US-Regierung ICE-Einsätze hochfährt
Das ist die Behörde, die Menschen festnimmt, einsperrt, abschiebt, und deren Macht sich laut Analysen in den letzten Monaten massiv ausgeweitet hat: mehr Beamt:innen, mehr Haftplätze, mehr Einrichtungen, mehr Razzien im Alltag, mehr Menschen ohne Vorstrafen in Haft, weniger Möglichkeiten auf Entlassung.
Für Migrant:innen bedeutet das einen Alltag mit Angst vor dem falschen Wort, dem falschen Ort, einer falschen Kontrolle. Ein Akzent kann reichen, um zur Zielscheibe zu werden. In der Öffentlichkeit Spanisch zu sprechen, wird zum Risiko. Sichtbarkeit wird zur Angriffsfläche. Bad Bunny macht Sichtbarkeit zum Zentrum.
"ICE out" auf der lautesten Bühne der Welt
Bad Bunny ist ein Künstler, der Kolonialismus, Rassismus, Gentrifizierung, Blackouts, Vertreibung verhandelt und damit nicht nur ein spanischsprachiges Publikum erreicht, sondern Migrant:innen, PoC und Allies weltweit. Auch, weil sie in seinen Bildern etwas wiederfinden, das Mainstream-Kultur sonst zu oft wegschiebt: Schmerz, Wut, Heimatliebe, Verlust.
Dabei bleibt es nicht bei Symbolik: 2019 unterbrach er seine Europa-Tour, um nach Puerto Rico zurückzukehren und sich den Massenprotesten gegen Gouverneur Ricardo Rosselló anzuschließen.Für seinen aktuellen Tourzyklus hat er keine Termine in den USA angesetzt. In einem Interview begründete er das mit einer konkreten Sorge: ICE könnte bei seinen Shows auftauchen und Besucher:innen ins Visier nehmen. Er wolle dieses Risiko nicht mittragen.
Dass Bad Bunny das überhaupt einkalkulieren muss, sagt viel über die politische Lage. In den vergangenen Monaten gab es wiederholt Berichte darüber, wie sich ICE-Präsenz und Razzien in Alltagsräume verschieben. Dorthin, wo migrantische Communities sichtbar sind: Swap Meets, Treffpunkte von Day Laborers, Nachbarschaften, kulturelle Feiern. Organisator:innen sagen offen, dass sie Veranstaltungen absagen oder Sicherheitskonzepte hochfahren, weil die Angst vor Kontrollen und Festnahmen hoch und real ist.
Wenn Bad Bunny also sagt, er will keine Konzerte in den USA spielen, weil Konzerte für seine Fans zum Risiko werden könnten, ist das keine PR-Geste. Es ist eine Zustandsbeschreibung: Öffentlichkeit ist für migrantische Communities in den USA gerade brandgefährlich.
Gerade deshalb ist es ein wichtiges Zeichen, dass Bad Bunny auf der größten Live-Bühne der Welt steht, der Super Bowl LX Halftime Show. Eine Bühne, die jedes Jahr ein Massenpublikum erreicht und die gerade deshalb politisch ist.
Halftime Show: Politische Botschaften, die Bad Bunny ins Wohnzimmer gebracht hat
Er eröffnete in Zuckerrohrfeldern und tauchte damit in den ersten Sekunden der Show in die koloniale Geschichte der Karibik ein. Zucker war jahrhundertelang Motor kolonialer Ausbeutung: Land, Arbeit, Ressourcen. TIME liest den Zuckerrohr-Auftakt ausdrücklich als Verweis auf Puerto Ricos kolonialisierte Vergangenheit, auf ein System, in dem die Insel historisch als Produktionsfläche gedacht wurde, ohne Unabhängigkeit und Souveränität.
Dann der Cut nach Brooklyn: Auf der Bühne taucht das Lokal "Toñita" auf und María Antonia Cay, Betreiberin des Caribbean Social Club in Williamsburg seit den 1970ern. "Toñita" ist einer der letzten puertoricanischen Social-Clubs in einer Nachbarschaft, die von Gentrifizierung fast komplett umgeschrieben wurde. Bad Bunny macht klar: Vertreibung passiert nicht nur auf Inseln. Sie passiert auch in New York. Dort, wo puerto-ricanisches Leben immer schon „amerikanisch“ ist, aber trotzdem verdrängt wird.
Bei dem Song „El Apagón“ sehen die Zuseher:innen Strommasten, Funken, explodierende Leitungen. Bad Bunny thematisiert Puerto Ricos Blackouts als Dauerzustand, als Infrastrukturversagen, als Resultat politischer Entscheidungen, Privatisierung, Korruption und kolonialer Abhängigkeit.
Bad Bunny zeigt außerdem nicht irgendeine Puerto-Rico Flagge, sondern jene Variante mit hellblauen Elementen. Sie steht seit Jahrzehnten für den Widerstand und wurde 1948 deswegen sogar kriminalisiert.
Mitten im Spektakel reicht Bad Bunny seinen eben gewonnenen Grammy an ein Kind. Mehrere Analysen lesen das als Zeitkapsel-Moment: Er reiche es seinem jüngeren Ich und sage damit:"Das hier gehört nicht 'mir'. Es gehört einer Generation, die noch kommt."
Im Finale bedient er sich am Spruch „God bless America“ und zählt im Anschluss alle Länder der zwei Kontinente Süd- und Nordamerikas auf. Eine Kritik an der oft kritisierten Gleichsetzung von den USA und dem gesamten Kontinent Amerikas, die im Sprachgebrauch vor allem von MAGA-Befürworter:innen bewusst so gewählt wird. Er zählt alle Länder auf diesen zwei Kontinenten auf und endet mit: "Seguimos Aquí“, was so viel heißt wie: "Wir sind noch hier". Damit verdeutlich er nochmal seine Message: Puerto Ricco ist Teil Amerikas und seine Leute werden nicht verschwinden. Auch wenn man sie versucht mit Gewalt zu verdrängen








