Weißer, reicher Mann

Es sind immer noch vor allem Männer, die während der Krise in politischen Talkshows zu Wort kommen.

/ 11. Dezember 2020

Seit 3. November gibt es in Österreich nun den zweiten Lockdown. Wie schon beim ersten Lockdown haben wir uns angesehen, welche Menschen in den Medien zur Krise zu Wort kommen. Dazu haben wir erneut die Gäste der wichtigsten politischen Talkshows des Landes analysiert.

 

Wer ist in der Krise mit Meinungen und Wissen medial präsent? Um das zu analysieren, haben wir uns wieder die Gästelisten der wichtigsten Polit-Talkshows angesehen. Hier findest du die Auswertung vom ersten Lockdown.

Die Erkenntnisse aus dem Frühjahr: Vor allem Männer kamen damals zu Wort, nicht einmal jeder dritte Gast war eine Frau. Bei den ExpertInnen war es sogar nur jeder Vierte. Und die Regierung dominierte die Berichterstattung, fast zwei Drittel der politischen Gäste kamen von der ÖVP oder den Grünen. Haben die Medien auf die Kritik reagiert?

Seit der Ankündigung des zweiten Lockdowns Anfang November (1.11.-8.12.) sind in den untersuchten Sendungen 165 unterschiedliche Gäste aufgetreten, 214 Auftritte haben wir insgesamt registriert. Ein Detail, das zu erwähnen ist: Wer tatsächlich von den Sendungsverantwortlichen eingeladen wurde, sind nicht immer die, die tatsächlich erscheinen. Das kann allerdings nicht berücksichtigt werden, weil diese Informationen schlicht und einfach nicht öffentlich zugänglich sind. Die Sendungen, die wir an Hand der tatsächlichen Gästelisten analysiert haben, sind: Im Zentrum, Pressestunde, Report, Runder Tisch, Talk 1/Talk 1 spezial, Zeit im Bild 2/Zeit im Bild 2 spezial, Zeit im Bild Nacht, Ö1 Journal zu Gast (alle ORF); Talk im Hangar-7 (ServusTV) sowie Pro & Contra (Puls 4). 

 

 

Im Unterschied zum Frühjahr wurde der zweite Lockdown nicht nur von der Corona-Krise dominiert. Der Terror-Anschlag in Wien und die Präsidentschaftswahlen in den USA waren Anfang November ebenfalls sehr präsent. Dennoch stand Corona bei dem Großteil der Sendungen im Mittelpunkt. 

 

Wie beim ersten Lockdown galt aber auch diesmal: Es sind vor allem ExpertInnen und PolitikerInnen, die zu Wort kamen. Im Unterschied zu unserer ersten Analyse ist der Anteil der PolitikerInnen jedoch leicht zurückgegangen und jener der Betroffenen leicht gestiegen - auf niedrigem Niveau.

Die Zuordnung der Gäste zu ihren Bereichen fällt auch diesmal eindeutig aus: Fast zwei Drittel waren zu medizinischen Themen eingeladen. In den Bereichen Kultur und Bildung zeigt sich ein trauriges Bild: Hier kam kaum jemand direkt zu Wort. 
 

Es wurden den Gästen nur Bereiche zugeordnet, wenn diese klar zuzuordnen waren. PolitikerInnen und JournalistInnen wurden dabei nicht berücksichtigt.

Einer der größten Kritikpunkte bei unserer Auswertung für den ersten Lockdown war, dass wesentlich mehr Männer als Frauen in den Medien auftraten. Haben die Verantwortlichen darauf reagiert? Die Auswertung zeigt: Der Frauenanteil ist höher als zuvor - aber nur minimal. Er ist von etwa 30% auf 34% gestiegen. In der Zeit vor der Krise lag dieser Wert bei knapp 40%.
 

Diese Verteilung von zwei Drittel Männer zu einem Drittel Frauen ist sowohl bei ExpertInnen, als auch bei PolitikerInnen zu sehen. Zumindest der Anteil an Expertinnen ist damit im Vergleich zum ersten Lockdown gestiegen, damals war nur jeder Vierte eine Frau.

Eine Veränderung zum Frühjahr zeigt sich bei der Präsenz der politischen Parteien. Die ÖVP hat bei den erschienenen Gästen ihre Dominanz von 34% auf fast 40% ausgebaut. Doch die Grünen sind deutlich zurückgefallen - stellten sie im Frühjahr noch jeden vierten politischen Gast, kam jetzt nur mehr knapp jeder Achte von den Grünen. 
 

Der Verlust der Grünen in dieser Statistik hat wohl vor allem damit zu tun, dass Gesundheitsminister Rudolf Anschober wesentlich seltener zu Gast in den Sendungen war. Das zeigt sich auch in der folgenden Statistik:
 

Besonders auffällig ist das Fehlen der Regierungsspitze. Im ersten Lockdown stand Rudolf Anschober bei den Auftritten noch klar an der Spitze der politischen Gäste, gefolgt von Sebastian Kurz auf Platz zwei. Das ist wohl eine Auswirkung der Regierungskommunikation: Man veranstaltet eher eine Pressekonferenz, als in solche Sendungen zu gehen.

Das Fazit ist eindeutig: An der medialen Präsenz hat sich im Vergleich zum ersten Lockdown kaum etwas geändert. Wenn es verstärkte Anstrengungen gab, die Vielfalt unter den Gästen zu steigern, waren sie nicht von Erfolg gekrönt. 

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