Sebastian Kurz

Sebastian Kurz (Foto: (C) Christopher Glanzl)

/ Natascha Strobl
/ 22. September

Sebastian Kurz setzt seine öffentlichen Auftritte und Wortmeldungen aus den immer gleichen Bausteinen zusammen. Die Autorin und Politikwissenschafterin Natascha Strobl erklärt und kommentiert die häuftigsten sprachlichen Stilmittel, die ihr bei seinen öffentlichen Auftritten auffallen.

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#1 “Alle gegen Kurz”

Die anderen Parteien, die Twitter-Blase, die Medien, insbesondere der Falter. Alle sind gegen Kurz. Er führt zwar in allen Umfragen, stellt sich aber so als Außenseiter dar. Er deutet verdeckt an, dass diese Gegnerschaft ungerecht, hasserfüllt und neidisch ist. Damit werden den politischen GegnerInnen niedere und emotionale Motive unterstellt. Ein Kreuzerl bei der ÖVP soll damit als ein mutiges Bekenntnis verkauft werden. 

#2 "Es war eine gute Regierung"

Kurz trennt zwischen Regierungsarbeit und FPÖ. So als gäbe es zwei Parteien namens FPÖ. Eine habe sehr gut mit der ÖVP zusammengearbeitet, die andere rechtsextreme Berührungspunkte. Dass die Regierung nicht ganz so unumstritten war und auch gar nicht immer reibungslos funktionierte, lässt er dabei auch unter den Tisch fallen.

#3 Die FPÖ hat rechtsextreme "Einzelfälle" und das ist grauslich

Identitären-Kontakte, Skinheads, Rattengedicht und vieles mehr. Kurz wirft der FPÖ diese Dinge als "Einzelfälle" vor. So als seien sie eigentlich von der FPÖ losgelöst und diese Ideologie nur am Narrensaum der Partei vertreten. Aber die FPÖ ist eine Partei, die genauso denkt und handelt. Je nach politischer Großwetterlage gibt sich einmal zahmer und einmal aggressiver. Das ändert aber nichts am Kern dieser Partei, deren Ansicht es ist, dass Menschen(gruppen) unterschiedlich viel wert sind.  Kurz will sich von den auffälligsten Auswüchsen zwar distanzieren, gleichzeitig aber nicht den Koalitionspartner verlieren, mit dem er am besten seine Politik umsetzen kann. Er bewertet diese Fälle moralisch ("grauslich", "widerlich"), nicht politisch.

#4 Ibiza war der Höhepunkt

In die "Einzelfälle" der FPÖ reiht sich Ibiza in der Sprache von Kurz gerne als "Höhepunkt" ein. Rechtsextremismus und Korruption werden dadurch auf eine Stufe gestellt, obwohl sie unterschiedlich sind und unterschiedliche Konsequenzen haben. Für Kurz ist der wichtigste Betroffene dieser Vorfälle aber er selbst. Er ist der Geschädigte. Rechtsextremismus und Ibiza gemeinsam ergeben nur Sinn als Belege seines Leidens. 

#5 "Ich bin in einem kleinen Dorf in Niederöstereich aufgewachsen"

Sebastian Kurz ist in Wien geboren, in Wien zur Schule gegangen, hat in Wien begonnen sich politisch zu engagieren, war Obmann der JVP Wien, war Gemeinderat- und Landtagsabgeordneter in Wien und hat bei Integrationsthemen immer wieder betont, wie sehr er diese aus seiner eigenen Realität in (ihr habt es erraten) Wien kennt. 

Jetzt zeichnet er plötzlich das Bild seiner beschaulichen Jugend auf dem Land in einem 100-EinwohnerInnen-Dorf von sich.

Der Bezug auf das kleine Dorf soll Erdigkeit vermitteln.

Die Stadt hingegen ist Feindbild.

#6 Land vs Stadt

So kann Kurz das alte Spiel von Land gegen Stadt spielen. Die Stadt ist voller Obergescheiter und überdrehter NGOs, die das "echte Leben" nicht kennen. Das Land ist Bodenständigkeit und Zusammenhalt. Das echte und wahre Österreich in all seiner Beschaulichkeit findet zwischen Feuerwehrfesten, Gottesdienst und Rinder-Auktion statt. 

Dieses spaltende Sprachbild ist sehr alt und wurde in der Zwischenkriegszeit sowohl von konservativer als auch völkischer Seite bemüht. Das Land als erhaltender, reiner Ort gegen die schmutzige Stadt. Der Grund dafür ist,  dass die Stadt der Ort der Arbeiterschaft war und ist und sehr oft Schauplatz und Ausgangspunkt von Bewegungen, die für den gesellschaftlichen Fortschritt kämpfen. Die Abneigung der Konservativen und Rechten sitzt tief und wird von Kurz wieder hervorgeholt.

#7 "Hausverstand"

Kurz betont immer, Politik "mit Hausverstand" machen zu wollen. Dieser Begriff ist bewusst schwammig, aber er ist auch niederschwellig. Jeder stellt sich irgendetwas darunter vor und glaubt, es sei dasselbe, wie bei allen anderen.

So kann man zum Beispiel sagen, dass wir natürlich eine bessere Klimapolitik brauchen - aber eben bitte "mit Hausverstand" (nicht so wie diese übertriebenen KlimahysterikerInnen). Das klingt so, als würde maßvoll etwas gemacht werden, aber meist bleibt alles so wie es ist.

#8 Rot-Blau - die böse Sozialdemokratie

FPÖ-Chef Hofer schließt eine Koalition mit der SPÖ aus. SPÖ-Chefin Rendi-Wagner schließt eine Koalition mit der FPÖ aus. Es gibt Parteitagsbeschlüsse der SPÖ, die eine Koalition mit der FPÖ auf Bundesebene verbieten. Kurz jedoch warnt vor Rot-Blau. Das wirft er aber vor allem der SPÖ vor, für die es ein Tabubruch sei und die das nur tue, um Kurz vom Regieren abzuhalten. Der FPÖ wirft er es nicht im selben Ausmaß vor - und wenn, wird es ganz konkret der Person Herbert Kickl umgehängt.

Das Erfolgsrezept der Erzählungen von Kurz ist also recht einfach: Es ist die Opferrolle, die Erlöserfigur und die Abwehr politischer Verantwortung. Der Inhalt und das Versprechen ist Kurz selbst. Er verkauft sich als die gute Vergangenheit und als die die gute Zukunft. Wenn er nur nicht böswillig und unlauter gestürzt wird. 

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