Herzfrequenz

/ Tina Goebel
/ 12. Februar

Eine Mutter wartet beim Kinderarzt schon über eine Stunde auf ein Rezept. Ihr Kind fiebert, sie hat es zu Hause gelassen. Eigentlich wurde ihr am Telefon zugesagt, dass das Rezept abholbereit ist. Doch es ist viel los im Wartezimmer. Die Mutter zeigt Verständnis. Als sie aber mitbekommt, dass immer wieder Eltern an der langen Warteschlange vorbei gelotst werden, wird sie wütend: “Für Notfälle hätte ich ja Verständnis gehabt, aber das waren privat versicherte Eltern, die mit ihren Kindern zum Impfen kamen und sofort in ein schönes Extra-Zimmer gebracht wurden! Mein Kind lag mit Fieber nun schon über eine Stunde zu Hause, weil ich ewig auf ein Rezept warten musste, während ein gesundes Kind im Schulalter für eine Spritze sofort an die Reihe kam!”

Viele solcher Fallgeschichten wurden in letzter Zeit an MOMENT herangetragen. Sie zeugen davon, dass auch in unserem öffentlichen Gesundheitssystem mittlerweile jene bevorzugt werden, die privat zahlen.

Gleiche Versorgung für alle?

Laut Gesetz muss die medizinische Versorgung für alle ÖsterreicherInnen gleich sein. Eine Zusatzversicherung soll nur die freie Arztwahl und die sogenannte Hotelkomponente betreffen. Sprich: Ein Sonderklassepatient darf in einem Einzelzimmer liegen, aber nicht früher operiert werden. Doch eine aktuelle Studie belegt: Wer zahlt, kommt schneller dran.

Auch Umfragen ergeben, dass immer mehr Österreicher überzeugt sind, sich mit einer Zusatzversicherung eine bessere medizinische Versorgung zu erkaufen. Oder zumindest verlassen sich immer weniger auf das öffentliche Gesundheitssystem. Bereits 37,3% der Bevölkerung haben eine Zusatzversicherung, Tendenz steigend.

Österreichs Gesundheitssystem driftet offenbar immer mehr in Richtung Zweiklassenmedizin. Doch was sind die Gründe dafür? Unser gesamtes System selbst sei krank, meint die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz. Sie fasst zusammen: “Wir haben eine Unter-, Über- und Fehlversorgung, alles zur selben Zeit!” Tatsächlich gibt es gleich mehrere Problemfelder. Einfach mehr Geld in die öffentliche Versorgung zu pumpen, wird alleine nicht ausreichen. Unser Gesundheitssystem braucht dringend eine umfassende Reform.

#1 Prävention

Österreichs Gesundheitssystem ist ein Reparatursystem: Es wird meist erst aktiv, wenn der Mensch bereits krank ist und sorgt zu wenig dafür, dass er so lange wie möglich gesund bleibt. Die Lebenserwartung ist in Österreich zwar besser als im EU Durchschnitt und liegt bei Männern bei knapp 80 Jahren und bei Frauen bei 84 Jahren. Allerdings ist die Anzahl an gesunden Lebensjahren wesentlich geringer als zum Beispiel in den Skandinavischen Ländern. In Österreich ist im Schnitt jeder 20 Jahre lang krank, in den Skandinavischen Ländern sind es lediglich 10 Jahre. 

Die Ursachen dafür liegen vor allem im ungesunden Lebensstil. Was Rauchen und Alkoholkonsum betrifft, ist Österreich unter den Spitzenreitern in der EU. Laut Experten ist bei 14 Prozent der Bevölkerung der Alkoholkonsum als problematisch zu bewerten. Hier braucht es gezielte Präventionsprogramme. Und dafür wird in Österreich zu wenig Geld ausgegeben, nämlich nur rund zwei Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben. Es müsste die Hälfte bis ein Drittel mehr sein, um an die Ausgaben anderer EU-Länder heranzukommen, meint Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres: “Eine intensivere Prävention gegen Übergewicht und Adipositas würde nicht nur viel Leid ersparen, sondern auch die Folgekosten für ernährungsassoziierte Krankheiten und Risikofaktoren – wie Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin, Diabetes, Schlaganfälle und Herzinfarkte – reduzieren. 

Ausgaben für Prävention sparen am Ende eben Geld. Viel Geld sogar. “Wird ein Euro für Informationskampagnen gegen Übergewicht und Adipositas ausgegeben, so kommen sechs Euro wieder zurück,” erklärt der Ernährungsmediziner Kurt Widhalm. Auch schaffen es andere Länder viel besser, der allgemeine Bevölkerung wichtiges medizinisches Grundwissen einzuschärfen, erklärt der Wiener Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer: “In Großbritannien hängt etwa auf sämtlichen Herrenklos die Information über Symptome eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls und was im Falle getan werden muss.” Gerade hier geht es um Minuten. Wer schnellstmöglich behandelt wird, überlebt nicht nur mit höherer Wahrscheinlichkeit - es entstehen auch weniger Folgeschäden und Pflegefälle.

#2 Pflege und Gesundheit nicht trennen

Die Bevölkerung wird immer älter. Aber laut Experten fehlen bis zum Jahr 2030 45.000 Pflegekräfte. Und trotz zahlreicher Bemühungen wird es schwer werden, diese Kräfte zu bekommen. Denn die Arbeitsbedingungen sind psychisch und psychisch extrem belastend, der Job ist schlecht bezahlt und derzeit scheint es so, als würde nicht einmal der Forderung der österreichischen Pflegekräfte auf eine 35-Stunden-Woche nachgekommen werden

Doch nur wenn es genügend Pflegekräfte gibt und diese ausgeruht und konzentriert arbeiten können, ist eine qualitative Pflege garantiert. Österreich muss mehr Geld für Pflege ausgeben: Derzeit sind das nur gut eineinhalb Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). In Skandinavien sind die Werte doppelt so hoch. Eine gute Pflege spart am Ende des Tages wiederum Geld, erklärt Pichlbauer: “Ein klassischer Fall von schlechter Pflege ist Dehydrierung. Es wird einfach übersehen, den Patienten mit ausreichend Flüssigkeit zu versorgen. Das hat negativen Einfluss auf die Gesundheit des Patienten, er muss öfters ins Spital - und das schafft nicht nur unnötiges Leiden, sondern kostet erst recht wieder mehr Geld, weil einer oder mehr Spitalaufenthalte im Jahr sind schnell teurer als die Pflege.”

#3 Bessere Arbeitsbedingungen für (Jung)ärztInnen

Obwohl die Dichte an ÄrztInnen in Österreich hoch ist, wollen immer weniger einen Kassenvertrag. Warum, kannst du im Detail hier nachlesen. Damit Kassenstellen wieder lukrativ werden, müssen die Krankenkassen-Tarife aber nicht nur entsprechend angepasst werden - auch die Arbeitsbedingungen für ÄrztInnen müssen sich im öffentlichen System verbessern. 

Österreich steuert angesichts der kommenden Pensionswelle auf einen katastrophaleren Mangel an KassenärztInnen hin. Eine große Herausforderung wird es vor allem, die JungmedizinerInnen im Land zu behalten. Für diese Generation ist Freizeit ein wichtiger Aspekt. “Die Generation Y will eben nicht mehr so viel arbeiten oder ist bereit, für einen Job als Landarzt überall hinzuziehen. Ich habe ja Verständnis für sie,” meint Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Eine Arbeitszeitverkürzung wäre daher dringend nötig - vor allem müssen MedizinerInnen ausgeruht und konzentriert sein.

Beispiele aus Schweden, wo in manchen Krankenhäusern ÄrztInnen und PflegerInnen nur noch sechs Stunden pro Tag arbeiten machen es vor: Obwohl so erstmal die Kosten steigen, da mehr Personal gebraucht wird, überwiegen am Ende des Tages die positiven Vorteile. Die PatientInnen sind besser betreut, das Personal ausgeruhter, motivierter und weniger krank (mehr dazu hier).

Einen wichtigen Aspekt, der die Ausbildung betrifft, will die Ärztekammer übrigens ändern - sie wollen nämlich den Beruf der AllgemeinmedizinerInnen wieder attraktiv machen. “Es soll einen Facharzt für Allgemeinmedizin geben. Viele Jungmediziner lassen sich nämlich lieber weiterbilden zu einem Facharzt, weil sie dann viel mehr verdienen. Wir müssen den Allgemeinmediziner unbedingt aufwerten,” so Szekeres.

#4 Bessere Steuerung und mehr Transparenz

Gerade die AllgemeinmedizinerInnen sind der Knackpunkt für ein gutes, funktionierendes Gesundheitssystem, ist die Gesundheitsökonomin Andrea Schmidt überzeugt: “Wir brauchen gute Allgemeinmediziner. Und vor allem bessere Primärversorgungszentren. Dort sollen die Menschen aufgefangen und dann in die idealen Versorgungseinrichtungen weitergeleitet werden, sollte das erforderlich sein.” 

Österreichs Gesundheitssystem ist extrem fragmentiert und die Kommunikation der einzelnen Bereiche funktioniert nicht gut. So landen viele Menschen etwa in einer Krankenhausambulanz, obwohl sie dort nicht hingehören. Das ist nicht nur teuer, sondern blockiert auch die Spitals-Ressourcen für wirkliche Notfälle. 

Wer außerhalb der Öffnungszeiten seines Hausarztes krank wird, kann etwa den Ärztefunkdienst 1450 rufen - und bekommt falls nötig einen Hausbesuch. Davon wissen aber zu wenig Leute - eine gezielte Steuerung und Information der Patienten ist daher äußerst wichtig.

#5 Bessere Versorgung von chronisch Kranken

Gerade am Beispiel von Diabetes zeigt sich, dass in Österreich die Versorgung von chronisch Kranken extrem zu wünschen übrig lässt. Denn gerade hier wäre Vernetzung gefragt. Ein Symptom von Diabetes ist etwa eine Verschlechterung der Sehschärfe. Werden die PatientInnen sofort zu einer Augenärztin überwiesen, so kann sie diese zwar deshalb behandeln - die Fachärztin sieht aber mitunter nicht das Gesamtbild der Krankheit und erkennt somit auch schwer das Grundproblem. 

Darum braucht es kompetente und gute AllgemeinmedizinerInnen, die sich für ihre PatientInnen Zeit nehmen und in ganzheitlich betreuen. “Wird Diabetes zu spät erkannt, so können sich eine Reihe von Folgekrankheiten einstellen, die zu Amputationen oder gar dem Tod führen, oder schweren Erkrankungen der Nieren und damit Dialyse nach sich ziehen können. Das ist wirklich teuer für das System - und schafft unendliches, unnötiges Leid,” so Patientenanwältin Sigrid Pilz.

#6 Mehr Kompetenzen für Krankenschwestern und Pfleger

ÄrztInnen müssen KrankenpflegerInnn mehr Verantwortlichkeiten übertragen. Lange aber hat sich die Ärztekammer etwa dagegen quer gelegt, dass diese etwa auch Blut abnehmen dürfen. In anderen Ländern ist das eine Selbstverständlichkeit. Natürlich muss ein Arzt die Diagnose der Patientin erstellen und im Notfall behandeln. Doch in einer überalternden Bevölkerung gibt es immer mehr chronisch kranke Menschen - und die können durchaus von nicht-ärztlichem Gesundheitspersonal versorgt werden. Davon ist der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien überzeugt: “Ich glaube, dass die Ärzte vor allem durch die Digitalisierung profitieren und sich etwa durch Tele-Medizin viel Zeit ersparen werden. Doch in der Pflege sind Menschen schwer ersetzlich, hier fehlt es vor allem an Personal.” 

Er findet, dass es in der Pflege attraktivere Karrierewege geben muss. So sollen erfahrene PflegerInnen, die sich selbst mit zunehmendem Alter schwer tun, ständig Bettlägerige umzulagern, eben der Versorgung von chronisch kranken PatientInnen widmen, oder etwa Wunden versorgen. Dafür brauche es keine ÄrztInnen. Zusätzlich braucht es im Gesundheitssystem mehr Personal aus dem Sozialbereich, oder etwa “GemeinschaftspflegerInnen”, die sich auch um soziale und psychische Gesundheit kümmern (ein Projekt das in England unter dem Titel “Community Nurses” sehr erfolgreich verlaufen ist, siehe hier). 

Denn Einsamkeit im Alter spielt eine immer größere Rolle, wie eine Ärztin gegenüber MOMENT erklärt: “Es gibt tatsächlich ältere Menschen, die uns in der Ordination anrufen, um quasi nur die Uhrzeit zu erfahren. Sie kommen oft nur, weil sie niemandem zum Reden über ihre Probleme haben. Doch dafür haben wir Ärzte einfach keine Zeit.” Wer soziale Aspekte im Gesundheitssystem vernachlässigt, zahlt am Ende ebenfalls drauf.

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner Spende. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.