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/ 23. Dezember

Immer wieder steht in den Schlagzeilen, dass die Mehrsprachigkeit von Kindern ein großes Problem für unsere Gesellschaft darstellt. SchülerInnen können schlecht Deutsch und bekommen einen Mittelschulabschluss ohne sinnerfassend lesen zu können, die Kinder von heute sprechen nur mehr “Ausländerdeutsch”, also mit vereinfachten Strukturen und fehlender Grammatik, und manche können sich überhaupt in keiner Sprache angemessen ausdrücken.

So gerne ich diese (Vor-)Urteile zumindest aus meinem eigenen Erfahrungsschatz nach ein paar Jahren an einer NMS in Wien gerne entkräften würde - leider treffen sie auf viele SchülerInnen zu. Auch die Standardüberprüfungen des BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des österreichischen Schulwesens) im Jahr 2015 zeigen deutlich, dass mehr als die Hälfte (!) der SchülerInnen mit Migrationshintergrund die Bildungsstandards für Leseverständnis in der 4. Schulstufe nicht oder nur teilweise erreichten.

Beim Lesen tun sich viele schwer

Dass auch ein Drittel der SchülerInnen ohne Migrationshintergrund die Mindeststandards nicht vollständig erreichten, zeigt die allgemeine Tragweite dieses Problems auf, soll jedoch in diesem Text nicht im Fokus stehen. Fakt ist, dass die Anzahl derer, die die Standards nicht ausreichend erreichten, bei SchülerInnen mit Migrationshintergrund um fast 30% höher ist als bei solchen ohne Migrationshintergrund.

Nun könnte man meinen, dieses Ergebnis sei logisch. Wer zuhause nicht Deutsch lernt, der wird eben in der Schule nicht so gut Deutsch lesen können. Zwei wichtige Punkte dürfen wir allerdings nicht außer Acht lassen: Erstens, dass laut BIFIE zumindest 26,6% der SchülerInnen mit Migrationshintergrund entweder ausschließlich Deutsch als Muttersprache haben, oder zweisprachig mit Deutsch erzogen wurden. Zweitens, dass ein großer Teil der SchülerInnen mit Migrationshintergrund selbst sehr wohl in Österreich geboren und aufgewachsen ist. Das bedeutet, diese Kinder haben in Österreich den Kindergarten besucht (zumindest in Wien ein verpflichtendes Kindergartenjahr) und vier Jahre Volksschule hinter sich gebracht. Wie kommt es also, dass die Kluft im Leseverständnis nach der 4. Schulstufe zwischen diesen beiden Gruppen so groß ist?

Die Gründe hierfür sind wohl genauso vielfältig wie die Theorien, die versuchen die Statistiken zu erklären: fehlende Kenntnisse der Muttersprache (schon ab dem Kleinkindalter, aber auch fehlende Förderung in Kindergarten und Schule), wenig soziale Durchmischung und dementsprechend kaum Möglichkeiten, Deutsch inklusiv zu erlernen, fehlende Deutschförderung (ab dem Kleinkindalter). Ich möchte in diesem Artikel nicht versuchen, Ursachenforschung zu betreiben, dafür sind SprachwissenschaftlerInnen zuständig - wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema gibt es in Fülle. Vielmehr möchte ich einen Vorschlag dazu machen, wie wir mit dieser Sprachenvielfalt konstruktiv umgehen könnten, anstatt sie als Problem zu sehen.

Lösungen, die Probleme verursachen

Wie wird nun an den Schulen mit dem Thema Mehrsprachigkeit umgegangen? Mein Eindruck ist, dass die meisten LehrerInnen versuchen ihr Bestes zu tun, um SchülerInnen mit Wertschätzung zu begegnen und sie so gut wie möglich zu fördern. An den Türen steht in vielen verschiedenen Sprachen “Willkommen”, die Herkunftsländer der SchülerInnen und/oder der Eltern werden thematisiert und vielleicht sogar Lieder in anderen Sprachen als Deutsch oder Englisch gesungen. All das sind schöne Methoden, um allen SchülerInnen das Gefühl zu geben, dass sie einen Platz in Österreich haben.

Leider wird das Thema Mehrsprachigkeit, auch im öffentlichen Diskurs, oft sehr negativ gesehen. Eltern, die selbst kaum Deutsch sprechen, werden dazu aufgefordert, mit ihren Kindern nur noch Deutsch zu sprechen, anstatt ihnen ihre Muttersprache auf möglichst hohem Niveau näherzubringen. Würden Sie mit Ihrem Kind nur mehr Russisch oder Portugiesisch sprechen, sollten Sie gezwungen sein, nach Russland oder Portugal auszuwandern?

Sprache ist Heimat

Egal ob eine Migration in ein anderes Land eine freie Entscheidung oder eine Flucht war, eine Sprache bedeutet immer auch ein Stück Heimat, und das geben die wenigsten gerne auf. Mal abgesehen davon, dass sich die meisten Menschen nur in ihren Erstsprachen wirklich gut ausdrücken können. In den Pausen werden SchülerInnen jedoch mancherorts ermahnt miteinander nur Deutsch zu sprechen; sogar Geschwister mit derselben Erstsprache. An manchen Schulen wird das Sprechen anderer Sprachen als Deutsch (abgesehen vom Fremdsprachenunterricht) generell verpönt. Damit bekommen SchülerInnen vermittelt, dass ihre eigene Sprache weniger wert ist als Deutsch, und das Deutsch-Lernen wird mit einem Zwang und einem Druck verbunden, statt als hilfreich und notwendig empfunden zu werden.

Der Wert einer Sprache

Jede Sprache öffnet Türen. Türen zu einer Kultur, zu bestimmten Denkweisen, Ritualen, Weltanschauungen, Literatur und womöglich auch zu Jobs. Jede neue Sprache ist somit eine Bereicherung für das Individuum. Dennoch haben Sprachen sehr unterschiedliches Ansehen. Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch werden in Österreich an vielen Schulen angeboten und zweisprachige Kinder werden meist bewundert für ihr außergewöhnliches Können.

Hindernisse

Allein in Wien gibt es laut Europabüro der Bildungsdirektion durch das Programm “Vienna Bilingual Schooling” acht Volksschulen und neun Schulen der Sekundarstufe 1 (davon vier Neue Mittelschulen), die zweisprachige Klassen für deutsch- und englischsprachige SchülerInnen anbieten. In jeder dieser Klassen ist “das Verhältnis von dominant englisch- bzw. dominant deutschsprachigen Kindern möglichst ausgewogen”. Nur durch diese Durchmischung kann zweisprachiges Lernen erfolgreich stattfinden. Die englischsprachigen SchülerInnen lernen mit Hilfe ihrer MitschülerInnen besser Deutsch und umgekehrt. Beide Sprachen erhalten denselben Stellenwert und dieselbe Wertschätzung. Die SchülerInnen profitieren voneinander, lernen voneinander und haben am Ende ihrer Schullaufbahn im Idealfall beide Sprachen perfektioniert.

In Österreich gibt es allerdings wenige Kinder, die Englisch als Erstsprache haben. SchülerInnen wachsen mehrsprachig mit Türkisch, Serbisch, Kroatisch, Albanisch oder Arabisch auf. Meist wird diese Mehrsprachigkeit allerdings nicht als Vorteil gesehen, sondern als Hindernis. Diese Sprachen besitzen in Österreich wenig Ansehen, Wenige Menschen sehen einen Nutzen darin, diese zu erlernen.

Ein Traum?

Wenn wir Sprachen als Ressourcen sehen wollen, dann müssen wir ihnen den nötigen Raum schaffen. Wenn wir mehrsprachigen Kindern mit Wertschätzung begegnen wollen, dann müssen wir auch ihre Sprachen wertschätzen. Was spricht also dagegen, zweisprachige Schulen für Deutsch-Türkisch oder Deutsch-Arabisch zu gründen? Auch hier könnten die SchülerInnen voneinander und miteinander lernen, und alle SchülerInnen hätten etwas dazu beizutragen. Solche Schulen könnten dabei helfen, Mehrsprachigkeit in Österreich als eine Chance zu sehen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Deutsch nicht genauso wichtig ist wie bisher - immerhin erfolgt der alltägliche Sprachgebrauch zumindest zu einem Großteil in Deutsch. Aber es wäre eine Möglichkeit, einer Sprache auf Augenhöhe zu begegnen. Auch für deutschsprachige Kinder haben zweisprachige Schulen einen Vorteil, da sie eine Fremdsprache von SprecherInnen ebendieser Sprache lernen statt nur im Unterricht. Weiters würden solche Schulen dazu führen, sich mit den Ansichten, Meinungen und kulturellen Zusammenhängen der MitschülerInnen stärker auseinanderzusetzen, was zum Abbau von Vorurteilen und zu einer größeren Toleranz führen könnte. SchülerInnen mit Migrationshintergrund würden weniger Ausgrenzung erleben und könnten sich besser integrieren.

Ich plädiere hier nicht für eine flächendeckenden Schulreform, an der alle teilnehmen müssen. Aber einen Schulversuch mit entsprechender Evaluierung halte ich für eine wichtige Chance. Mir ist auch bewusst, dass sich momentan wahrscheinliche wenige Eltern finden würden, die ihre Kinder in solch eine Schule schicken würden. Womöglich wäre es auch schwierig, gut ausgebildete Lehrkräfte zu finden, die diese Zweisprachigkeit (vor-)leben können und wollen. Aber das Träumen lasse ich mir nicht nehmen.

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Über Schulgschichtn: Schulgschichtn ist ein Projekt von drei jungen NMS-LehrerInnen, Verena, Simone und Felix. Sie sagen: "Der gesellschaftliche und politische Diskurs über die Neue Mittelschule (NMS) ist uns zu einseitig, zu negativ, zu destruktiv. Deswegen sammeln wir auf unserem Blog schulgschichtn.com konstruktive Schulgeschichten! Wir bieten einen realistischen Einblick in sogenannte 'Brennpunktschulen' und schaffen eine Plattform, auf der echte ExpertInnen zum Thema Schule zu Wort kommen.' Auf dem Blog finden Erfolgs- und Alltagsgeschichten genauso Platz wie das Aufzeigen von Problemen und systemischen Veränderungsvorschlägen. Die besten Geschichten erscheinen nun monatlich auch auf Moment.at.

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