Was ich wirklich denke
Alexandra fordert mehr Entscheidungskompetenz für Pflegekräfte: "Momentan können wir nicht als Gruppe wahrgenommen werden, die ihre eigenen Entscheidungen trifft."
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/ 25. März 2020

Renate Rudolf (75) lebt zusammen mit ihrem Ehemann Karl, bei dem 2014 Alzheimer diagnostiziert wurde. Wie herausfordernd die Corona-Krise für sie ist, wie geduldig sie ihrem Mann immer und immer wieder erklären muss, was gerade passiert und wie sie dabei nicht die Nerven verliert, erzählt sie uns hier.

 

Karl wird heuer 77 und vergisst von einer Sekunde auf die andere, was ich gerade gesagt habe. Das ist nun umso mühsamer, da wir ja beide in einem Alter sind, in dem wir zur Risikogruppe gehören. Dass wir deshalb aufpassen müssen, vergisst er eben auch ständig.

Wir wohnen in der Nähe der Alten Donau und gehen manchmal Spazieren, da halten wir viel Abstand zu anderen. In unserem Wohnhaus benutzen wir nicht den Lift, sondern benutzen die Stiege. Wir sollen ja nicht die Türschnalle oder den Knopf anfassen, der den Lift ruft. Wenn ich das Karl erkläre und mich kurz von ihm wegdrehe, um etwa die Post aus dem Briefkasten zu holen, steht er schon beim Lift und hat ihn gerufen. Er hat es einfach vergessen.

 

Mit viel Geduld immer und immer wieder die Corona-Krise erklären

Da verliere ich dann manchmal die Geduld und sage dann etwas ungehalten zu ihm: “Warum hast du das jetzt gemacht? Ich habe dir ja gesagt wir sollen den Lift nicht benutzen, wir gehen zu Fuß!” Er sieht mich dann immer sehr betroffen an. Dann sage ich mir, dass er ja nichts dafür kann, dass er es ständig vergisst. Wenn ich aggressiv bin, dann ist er es auch, weil er ja nicht versteht, was er gerade falsch gemacht hat. Deshalb ist es sehr wichtig, dass ich mich selbst schnell beruhige.

 

Corona-Krise in den Nachrichten - er fragt ständig nach

Wenn wir gemeinsam Fernsehen und die Nachrichten anschauen, dann fragt mich Karl ständig, warum die Schulen denn geschlossen sind. Oder die Geschäfte. Dann muss ich ihm immer und immer wieder erklären, dass wir gerade eine Pandemie erleben und warum das Coronavirus gefährlich für uns ist. Sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert einfach nicht mehr. Ich weiß gar nicht, wie oft ich es ihm schon erklärt habe. Und noch erklären muss.

 

Ein neuer Tagesablauf für uns

Unsere Tochter kauft nun für uns ein und stellt uns alles vor die Tür. Übrigens sind auch alle im Haus sehr nett, wir haben im Postkasten eine Nachricht von Nachbarn gefunden, die uns auch anbieten, für uns einkaufen zu gehen. Wir sind also gut versorgt. Unser Tagesablauf hat sich nur völlig verändert. Vor der Corona-Krise haben wir regelmäßig kleine Ausflüge gemacht, sind zum Beispiel nach Schönbrunn gefahren, haben in einem Gasthaus gegessen und so verging die Zeit schnell. Nun kochen wir zu Hause gemeinsam. Da kann Karl mir noch etwas helfen. 

Normalerweise geht er auch in ein Tageszentrum, dort wird Bewegung gemacht oder gesungen. Das ist aber momentan geschlossen. Es geht ihm zum Glück nicht ab. Ich glaub, er hat es einfach vergessen. Insofern hat die Krankheit auch gute Seiten. Andere haben vielleicht mehr Probleme damit, wenn sich die tägliche Routine so abrupt verändert.

 

Sich selbst fragen - wie würde es mir in dieser Situation gehen

Da geht es mir vielleicht noch besser als anderen. Die Alzheimer-Erkrankung bei Karl verläuft langsam und er kann noch vieles selbst machen, zum Beispiel sich anziehen. Ich beschwere mich also nicht. Wir haben unseren Ruhestand genossen, sind viel mit dem Wohnmobil herumgefahren - bis ich bemerkt habe, dass Karl beim Fahren verwirrt ist und etwa links gefahren ist, wenn ich rechts gesagt habe. 

Ich verstehe viele, die hinwerfen, sich nicht mehr zu helfen wissen und den Partner ins Pflegeheim stecken. Ich habe mich aber gut mit seiner Krankheit abgefunden. Was mir in schwierigen Situationen hilft, ist mich selbst zu fragen: Wie würde ich an seiner Stelle reagieren, wenn ich diese Krankheit hätte?

 

Die Caritas bietet in der aktuellen Situation kostenlose, telefonische Videokonferenzen für Menschen mit demenzkranken Angehörigen, da für sie die Situation besonders belastend ist. Wer Interesse an Beratung, Tipps und austausch hat, wendet sich bitte an christina.mittendorfer@caritas-wien.at. Die Beratungen finden alle paar Tage zu unterschiedlichen Uhrzeiten statt. Auch die Seite der MAS Alzheimerhilfe bietet Beratung und Information, die Demenzbegleitung Felix ebenfalls ein kostenlose Corona-Demenz-Hotline unter 0699 166 20320

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