Journalistin und Digitalisierungs-Expertin Michaela Ernst
Journalistin Michaela Ernst hat über Industrie 40 und Digitalisierung geforscht und eine gute Nachricht: Die Maschinen werden uns so schnell nicht ersetzen. Credit: Udo Titz
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/ 20. Mai 2020

Journalistin Michaela Ernst hat sich im Zuge einer Forschungsarbeit mit der Veränderung der Arbeitswelt durch Industrie 4.0-Anwendungen beschäftigt. Bei ihren Interviews mit FabrikarbeiterInnen wurde sie überrascht. Warum Digitalisierung kein Schreckgespenst sein muss, die Corona-Krise in diesem Bereich viel vorantreiben wird - und ausgerechnet Frauen in der Arbeitswelt der Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden.

 

MOMENT: Wer sich mit Digitalisierung und Automatisierung beschäftigt, hört immer wieder von horrenden Zahlen an Jobs, die verloren gehen werden. Werden wir bald alle von Robotern oder Computerprogrammen ersetzt?

Michaela Ernst: Die einen haben Angst, dass der Mensch keine Arbeit haben wird, die anderen finden toll, dass der Mensch keine Arbeit, wie wir sie heute kennen, haben wird, um sich künftig nur noch seinen Interessen und Hobbys zu widmen. Beides ist absurd und entspricht natürlich nicht der Realität. In den Firmen, in die ich im Zuge meiner Masterarbeit Einblick erhalten habe, wurden im Zuge der Digitalisierung sogar mehr Jobs geschaffen, manchmal sogar doppelt so viele, da sich neue Arbeitsfelder aufgetan haben. Das war nur einer von mehreren Aspekten, die mich während meiner Recherche überrascht haben. Auch ich dachte am Beginn meiner Arbeit, dass die Digitalisierung den Menschen zu willenlosen Rädchen degradiert und irgendwann in menschenleeren Fabrikhallen Roboter die ganze Arbeit machen. Aber so stimmt das einfach nicht.

 

MOMENT: Sondern?

Ernst: Ich habe im Winter 2015 mit einer Studie über die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Beschäftigten und insgesamt 159 Interviews mit Fabrikarbeitern in drei Unternehmen geführt. Eine Fabrik war im zweiten Jahr der Umstellungsphase, hier wurden gerade Kameras installiert, weil Industrie 4.0-Prozesse meist mit zunehmender Überwachung einhergehen. Das zweite Unternehmen war im sechsten Jahr seiner 4.0-Industrialisierung und das Dritte war im Automotive-Bereich, wo bereits vor Jahrzehnten mit der Industrie 4.0-Automatisierung begonnen wurde. In all diesen Unternehmen ist es zu keinem Personalabbau aufgrund dieser Maßnahmen gekommen.

 

MOMENT: Überwachung ist gerade auch ein aktuelles Thema, Stichwort Corona-App. Müssen wir uns wirklich daran gewöhnen, dass wir zukünftig permanent überwacht werden?

Ernst: Noch einmal kurz zu meiner Studie: Im ersten Unternehmen haben sich die Beschäftigten sehr wohl auf unangenehme Art überwacht gefühlt. In den anderen beiden, in denen moderne Technologien schon länger am Laufen waren, war das kein Thema mehr. In den Fabriken ist die Kameraüberwachung übrigens primär für die Maschinen und Anlagen gedacht und notwendig. Damit man weiß: Läuft alles – oder passieren Fehler, muss womöglich etwas umgestellt werden?

Ich glaube, dass sich im Bezug auf die Corona-App ein ähnliches Verhalten abzeichnen würde: Nach anfänglicher Ablehnung gewöhnt man sich daran. Wo es aber um staatliche Kontrolle geht, mahne ich Vorsicht ein. Auch wenn manche davon überzeugt sind, dass so eine Maßnahme sinnvoll wäre, so bedeutet sie einen Türöffner zum Überwachungsstaat. Deshalb brauchen wir in diesen Bereichen eine differenzierte, kritische Diskussion. Das passiert meiner Meinung nach zu wenig.

Auch eine weitere Studie in diesem Zusammenhang hat mich überrascht: Menschen zu überwachen, kann ziemlich nach hinten losgehen: So stehen Unternehmen, die eine gute Pausenkultur pflegen und über Aufenthaltsräume verfügen, wirtschaftlich besser da als jene, die jede Klopause überwachen wollen. Menschen sind nachweislich produktiver, wenn ihnen Freiräume gelassen werden und auch ein Kaffeetratsch zwischendurch möglich ist. Das finde ich doch interessant und erfreulich.

 

MOMENT: Werden nicht viele auf der Strecke bleiben? Es wird ja nicht jeder Fabrikarbeiter die Umschulung zum Ingenieur schaffen, der die Roboter bedienen kann?

Ernst: Natürlich sucht die Industrie weltweit händeringend nach Facharbeitern, vor allem aus dem IT-Bereich. Doch die österreichischen Betriebe, die ich besucht habe, waren alle sehr darauf bedacht, ihre Mitarbeiter auf die digitale Reise mitzunehmen. Ein weiterer Aspekt, der mich sehr überrascht hat: Über 55 % der befragten Fabrikarbeiter haben mir erklärt, dass sie sich nicht stärker weiterbilden mussten als früher. Dabei bedeutet der Umstieg von einer analogen zu einer digitalen Produktion bereits eine enorme Veränderung! Warum empfinden das die Betroffenen nicht so? Das hat einen ganz speziellen Grund: Die Computersteuerungen sind oft so gestaltet, dass sie den Spieltrieb des Menschen ansprechen. Man spricht hier auch von Gamification. Wenn die Anwendung einfach ist, wird das Erlernen der Bedienung nicht so sehr als Hürde empfunden.

 

MOMENT: Wird die Corona-Krise in vielen Bereichen die Digitalisierung vorantreiben, oder fehlt das Geld jetzt dafür?

Ernst: Beides. In Fabriken bedeutet eine Digitalisierung immer eine enorme Investition und deshalb ziehen sich die Industrie 4.0-Umstellungen meist über Jahre hindurch. Deshalb könnte es hier durch Corona tatsächlich zu Stopps beziehungsweise Verzögerungen kommen. In anderen Berufen waren plötzlich viele Menschen im Homeoffice und mussten sich zwangsläufig mit Video-Meetings und ähnlichem Auseinandersetzen. Firmen werden daher möglicherweise feststellen, dass teure Großraumbüros vielleicht gar nicht zwingend nötig sind und mehr Arbeit von zu Hause erledigt werden kann. Das spart Kosten und Wegzeit und damit auch Sprit und ist gut für die Umwelt. Es kann also auch positive Auswirkungen haben. Aber ich glaube, dass sich jeder in irgendeiner Form mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen wird müssen.

 

MOMENT: Vor allem in der Corona-Krise erfuhren plötzlich Jobs wie AltenpflegerInnen, Krankenschwestern und -pfleger oder KindergärtnerInnen eine enorme Aufwertung. Wird sich das irgendwann auch auf deren Gehaltszetteln niederschlagen?

Ernst: Absolut. Mein Sohn arbeitet in einem Altersheim und hat mit dementen Menschen zu tun. Er hat beobachtet, dass sich bei vielen in der Corona-Krise der Gesundheitszustand verschlechtert hat. Sie haben sehr darunter gelitten, keine Besuche mehr empfangen zu können. Hier wird deutlich, wie wichtig menschlicher Kontakt ist und dass Pflegeroboter – zumindest in unserem Kulturkreis – eher fehl am Platz wären. Diese wichtigen Jobs müssen aufgewertet und entsprechend belohnt werden und nicht nur das: Auch Unternehmen müssen begreifen, dass zwischenmenschliche Kompetenz wichtig und unersetzlich ist.

 

MOMENT: Es studieren immer noch weniger Frauen MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Wie können die Unternehmen hier Anreize schaffen?

Ernst: MINT ist eine Abkürzung, die vor allem in Europa gerne im Zusammenhang mit dieser Debatte genannt wird. Bei einer Tour durchs Silicon Valley habe ich diesen Begriff interessanterweise nicht gehört. Hier hört man oft das Wort “Mindset”. Es geht also mehr um eine innere Einstellung zur Arbeit, zum Thema Veränderung, zur Gesellschaft. Und da meine ich, dass Frauen mit ihren über Jahrhunderte antrainierten Eigenschaften echt gute Karten in der Hand hätten. Sie zeigen meiste eine höhere Kompetenz im zwischenmenschlichen Bereich, arbeiten gut in Teams zusammen und kommen besser mit flachen Hierarchien zurecht. Diese Eigenschaften werden immer wichtiger. Daher achten Firmen bereits verstärkt auf Diversity, dies umfasst unter anderem, dass der Anteil an Frauen und Männern ausgeglichen ist. Bei Umfrage der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Berlin unter 12.000 Unternehmen in 70 Ländern gaben 75 Prozent an, dass ein hoher Frauenanteil zu einer besseren Geschäfts-Performance von 5 bis 20 Prozent geführt hat.

 

MOMENT: Die Maschinen werden also weiterhin uns dienen und nicht umgekehrt?

Ernst: Die Digitalisierung darf kein Wettbewerb der Menschen gegen die Maschinen sein, sondern bloß ein weiteres Arbeitsinstrument in der Arbeitswelt. Sie kann an unserer Stelle schwere physische Arbeit erledigen oder uns enorm viel Zeit ersparen. Gleichzeitig gewinnt das an Bedeutung, was moderne Technologien nicht können, uns aber ausmacht: Das Mensch-Sein. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass Werte wie Solidarität und Zusammenhalt zukünftig in der Arbeitswelt noch wichtiger sein werden - teilweise sehen wir das jetzt schon.

 

In “Error 404 - wie man im digitalen Dschungel die Nerven behält” (Ecowin) gibt Michaela Ernst auch „Einsteigern" einen guten Überblick über wichtige digitale Errungenschaften und aktuelle Entwicklungen und baut die Angst vor der Übermacht der Maschinen ab, indem sie menschlichen Werte ins Zentrum rückt.

 

Buchcover: Error 404 - Wie man im digitalen Dschungel die Nerven behält

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