Was ich wirklich denke
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/ 26. Mai 2020

Thomas*, 43, arbeitet seit einem Jahr für Leihfirmen. Er schätzt die Ungebundenheit der Arbeit, hat allerdings auch mit Unsicherheiten zu kämpfen. Die Aufträge bekommt er kurzfristig und wenn einer ausfällt, gibt es kein Geld, erzählt er für die Serie "Was ich wirklich denke".


Meine Fähigkeiten liegen eigentlich in anderen Bereichen, aber seit einem Jahr mache ich nun Leiharbeit. Ich arbeite vor allem als Hilfskoch, die Arbeit gefällt mir und ich überlege, die Kochlehre zu machen. Das ist dann mein Plan C im Leben. Um genug Geld zum Leben zu verdienen, brauche ich mindestens 100 Arbeitsstunden im Monat. Damit ich das schaffe, bin ich gleich bei drei Leiharbeitsfirmen.

Grundsätzlich kommen mir meine Arbeitgeber korrekt vor. Trotzdem ist meine Arbeit mit viel Unsicherheit verbunden. In der Corona-Krise sind fast alle Aufträge weggefallen. Anfangs habe ich viele Jobs gemacht, damit ich jetzt in Zeitausgleich gehen kann und mein Einkommen nicht wegbricht. Mir war aber auch klar, dass ich das Gesundheitsrisiko in Kauf nehme und während der Krise Aufträge annehme, wenn es welche gibt. Da unterscheidet mich aber nichts von der Kassiererin oder dem Regalbetreuer, die auch weiter arbeiten gehen.

Spontane Absagen

Das funktioniert so: Über eine App oder die Website buche ich Aufträge. Ich muss schnell sein. Wenn ich mich nicht darum kümmere, gibt es keine Aufträge und ich gehe leer aus. Manchmal sagt der Auftraggeber dann am Vorabend ab oder ein Dienst fällt kürzer aus. Dann verliere ich diese Stunden wieder. Umgekehrt ist es so, dass ich teilweise eintragen muss, an welchen Tagen ich verfügbar bin. Wenn ich dann eingeteilt werde, muss ich auch erscheinen, sonst muss ich im schlimmsten Fall 150 Euro Strafe zahlen.

Ich bin bei den Agenturen jeweils nur fallweise beschäftigt. Das bedeutet auch, dass ich nur krankenversichert bin, wenn ich die Geringfügigkeitsgrenze überschreite. Ich weiß nicht, ob mir ein bezahlter Krankenstand zusteht. Daher verstehe ich auch, wie der Corona-Cluster bei der Post entstehen konnte. Ich persönlich stelle meine Gesundheit gerade während der Pandemie an erste Stelle. Aber wenn Menschen das Geld dringend brauchen und nicht wissen, ob und wie sie in Krankenstand gehen können, dann kann ich nachvollziehen, dass sie trotz leichter Symptome in die Arbeit gehen.

Richtigen Urlaub habe ich nie

Ich bin ein wenig zwiegespalten. Einerseits mag ich es, flexibel und nicht vollkommen an einen Arbeitgeber gebunden zu sein. Andererseits kann ich schwer planen, weil ich nie weiß, wie viele Stunden ich zusammenbekomme. Das Urlaubsgeld ist dann im Lohn für den jeweiligen Einsatz mit einberechnet. Richtigen bezahlten Urlaub habe ich damit nie. In den Betrieben habe ich manchmal auch schlechte Erfahrungen mit KollegInnen gehabt, weil ich als Leiharbeiter in der Hierarchie eher unten bin. Da habe ich schon gemerkt, dass ich nicht wertgeschätzt werde und die Verhandlungsposition ist natürlich auch schlecht, wenn klar ist, dass ich nicht lange dort arbeite.

Weil die Aufträge in der Krise weggefallen sind, habe ich mich auch nach fixen Jobs umgesehen. Am Anfang der Krise hat es geheißen: Jetzt gibt es Jobs im Lebensmittelhandel! Ich habe mich auf ein paar Stellen beworben, aber nichts bekommen. Auch als Erntehelfer habe ich mich beworben, aber nie eine Rückmeldung erhalten.

Vor der Leiharbeit war ich selbstständig, ein Ein-Personen-Unternehmen im Bereich Beratung. Das hat sieben Jahre lang gut funktioniert, dann ist mir mein Klientel weggefallen. Nach einer kurzen Zeit in der Mindestsicherung habe ich dann die Leiharbeit gefunden. Da habe ich auch gemerkt, wie wenig geschützt Ein-Personen-Unternehmen und Selbstständige sind. Es gibt keine Pflichtversicherung gegen Arbeitslosigkeit, nur eine freiwillige. Aber wer wenig verdient, spart an der Versicherung. Ich bin deswegen für eine Arbeitslosenversicherung, auch für Selbstständige.

 

Mehr zum Thema Leiharbeit findest du hier.


*Name geändert

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