Bauarbeiter vor blauem Himmel
In der Baubranche ist Leiharbeit verbreitet, aber auch die Post greift darauf zurück. Foto: sol für Unsplash
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/ 20. Mai 2020

Eine neue Häufung von Corona-Fällen in Wien hat die Aufmerksamkeit auf eine Gruppe gelenkt, die sonst wenig gesehen wird: LeiharbeiterInnen. Wir haben uns die Situation von LeiharbeiterInnen in Österreich näher angesehen.

 

Am vergangenen Wochenende wurde bekannt, dass ein großer Teil der Neuinfektionen in Wien mit Postverteilzentren im Zusammenhang stehen. Leiharbeitskräfte, die in dem Fall für die Post tätig waren, übertrugen das Virus während der Arbeit. Wie es dazu kam? Laut Post türmten sich die Pakete, daher müssten sie auf LeiharbeiterInnen zurückgreifen. Der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker sprach davon, dass Leiharbeit in dem Zusammenhang ein gröberes Problem sei, die ArbeiterInnen würden aus Angst um ihren Job nicht in Krankenstand gehen.

„Viele LeiharbeiterInnen kennen ihre Arbeitsrechte kaum und stehen finanziell unter Druck“, sagt Thomas Grammelhofer von der Gewerkschaft Pro-Ge, die für LeiharbeiterInnen zuständig ist. Zwar seien sie im Gesetz in den wichtigsten Punkten der Stammbelegschaft gleichgestellt. In der Wirklichkeit sei das aber nicht immer der Fall. Besonders schwierig wird es für die ArbeiterInnen, wenn ihnen die Deutschkenntnisse fehlen.

LeiharbeiterInnen haben durchaus Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankenstand. Allerdings berichtete in der Vergangenheit jede zehnte Arbeitskraft, dass ihr während des Krankenstands eine einvernehmliche Auflösung des Arbeitsverhältnisses “angeboten” wurde (PDF, S. 140). Dazu kommt, dass Stehzeiten in rund einem Drittel der Fälle gar nicht oder nicht korrekt bezahlt wurden.

Wenn der Einsatz zu Ende ist, wollen sich einige Leihfirmen den Lohn sparen. "ArbeitnehmerInnen werden teils unter Druck gesetzt, eine Einvernehmliche zu unterschreiben mit dem Versprechen, dass sie wieder angerufen werden, sobald ein neuer Auftrag reinkommt", sagt Grammelhofer. So entgehe den ArbeiterInnen rund ein Monatslohn - und dem Staat die Steuer.

Leiharbeit ist oft nicht freiwillig, wie eine Studie für die Gewerkschaft Pro-Ge zeigt (PDF, S. 14). Zwei Drittel der Leiharbeitskräfte würden ein normales Arbeitsverhältnis bevorzugen. Die meisten von ihnen sind laut Vertrag ArbeiterInnen, die überwältigende Mehrheit ist männlich. "Die meisten von ihnen arbeiten in der Industrie und im Gewerbe, nämlich rund 80 Prozent", sagt Grammelhofer. Im Vergleich zu regulär beschäftigten ArbeiterInnen zeigt sich, dass bei hohen Einkommen die Schere aufgeht.

Für die Post kommen LeiharbeiterInnen dennoch sogar teurer als regulär Beschäftigte, sagt Post-Generaldirektor Georg Pölzl. Wieso greifen sie dann darauf zurück? Post-Sprecher Markus Leitgeb sagt auf Nachfrage von MOMENT, dass seit der Corona-Krise mehr als 600.000 Pakete täglich zu bearbeiten seien. "Solche Zahlen kennen wir sonst nur von Weihnachten. Auf die Corona-Krise konnten wir uns nicht vorbereiten." Dazu kämen noch vermehrte Krankenstände beim Stammpersonal, sodass LeiharbeiterInnen bei den großen Postverteilungszentren Hagenbrunn und Inzersdorf aktuell fast die Hälfte der Arbeitenden ausmache. "Ansonsten macht Leiharbeit etwa 10-15 Prozent des Logistikpersonals aus", sagt Leitgeb, "Wir arbeiten aber seit Anfang des Jahres daran, Stammpersonal aufzubauen."

Leiharbeit ist nur ein kleiner Teil der prekären Beschäftigungsformen, die langsam die reguläre Vollzeitstelle ersetzen. Die Zahl steigt allerdings schnell - von 2005 auf 2018 sogar um ganze 70 Prozent. "Arbeitgeber verlangen nach immer mehr Flexibilität", sagt Grammelhofer. "Deswegen ist Leiharbeit in manchen Branchen sehr beliebt."

"Ob während der Corona-Krise oder danach, das wichtigste ist, dass die ArbeitnehmerInnen gut über ihre Rechte informiert sind", sagt Grammelhofer. Er vermutet, dass die Leihfirmen ihren Arbeitskräften im Falle der Post gesagt haben könnten, im Krankenstand gebe es kein Geld. "Wer sich nicht auskennt, glaubt dem Arbeitgeber, auch wenn der ganz andere Interessen hat."

Informationen für LeiharbeiterInnen und Interessierte gibt es von der Gewerkschaft hier.

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