Katharina Nocun
Die Netzaktivistin und Ökonomin Katharina Nocun warnt vor Verschwörungstheorien und radikalen Gruppen - beides erlebt aber aufgrund der Corona-Krise einen Boom. Credit: Gordon Welters
/
/ 6. Juli 2020

Die deutsche Netz- und Bürgerrechtsaktivistin Katharina Nocun über den Boom von Verschwörungstheorien seit der Corona-Krise, wie mitunter rechtsextreme Gruppen diesen nutzen, wo derzeit brandgefährliche Bewegungen entstehen - und warum dahinter auch ein unscheinbarer Hippie stecken kann.

 

MOMENT: Kurz vor dem Ende der Arbeit an ihrem neuen Buch über Verschwörungstheorien ist die Corona-Krise über uns hereingebrochen. Mussten Sie alles aufgrund der Vielzahl an Verschwörungsgeschichten, die dann plötzlich kursiert sind, nochmals umarbeiten?

Katharina Nocun: Meine Co-Autorin und ich haben ein zusätzliches Kapitel über Corona geschrieben, doch im Grunde hatten wir es hierbei mit vielen Akteuren zu tun, die wir schon aus unseren vorherigen Recherchen kannten. Bestehende Gruppen wie etwa Anhänger einer Impfverschwörung haben beispielsweise einfach die aktuelle Pandemie in ihre Verschwörungserzählungen integriert. Darüber hinaus hat sich vieles bestätigt, was wir davor schon wussten. Krisenzeiten sind ein perfekter Nährboden für Verschwörungserzählungen, da die Menschen einen Kontrollverlust erleben. Stress und Unsicherheit führen dazu, dass sie dann eher an Verschwörungserzählungen glauben – beispielsweise daran, dass COVID-19 durch 5G-Strahlung ausgelöst werde und dies Teil eines größeren Plans sei. Grundsätzlich gilt: Je größer ein Ereignis ist, desto eher gehen Menschen davon aus, dass dahinter eine große Ursache stehen muss.

 

MOMENT: Gab es gar nichts, was Sie überrascht hat?

Katharina Nocun: Doch. Mir war zum Beispiel nicht klar, dass es in Deutschland eine derart aktive Gruppierung von QAnon-Anhängern gibt. Diese Verschwörungserzählung hat ihren Ursprung in den USA. Hinter dem Pseudonym Q steckt laut dieser Gruppierung angeblich ein Insider aus der US-Regierung, der kryptische Botschaften in ein Internetforum postet. Die Anhänger müssen diese dann erst entschlüsseln und sind sich oft selbst nicht einig, was das alles zu bedeuten hat – aber offenbar übt dieses Rätselraten einen besonderen Reiz auf Menschen aus. Innerhalb dieser Erzählung ist Donald Trump eine Art Heiland und Politiker der Demokraten sind Teil einer bösen Verschwörung.

 

MOMENT: Der deutsche Sänger Xavier Naidoo ist ja auch ein QAnon-Anhänger. Er ist ja in jüngster Zeit mit völlig wirren Videobotschaften aufgefallen, unter anderem spricht er darin von einem aktuellen Krieg zwischen Robotern und Klonen, der in einem unterirdischen Tunnelnetz unter Europa stattfindet, das gar bis nach New York reichen soll. Wer glaubt denn ernsthaft solchen Unsinn?

Katharina Nocun: Es ist nicht zu unterschätzen, wie viele Menschen an Verschwörungserzählungen glauben. Laut einer Studie weisen in Deutschland 38 Prozent der Bevölkerung eine Verschwörungsmentalität auf. Das bedeutet, sie haben eine stärkere Neigung Verschwörungserzählungen zu glauben. Davon natürlich nicht alle in einem extremen Ausmaß. Aber die Telegram-Gruppen von QAnon zählen in Deutschland einige tausend Mitglieder. Wie viele davon wirklich radikal überzeugt oder gar gewaltbereit sind, ist schwer zu sagen. Aber als meine Co-Autorin in einer Doku über QAnon gesprochen hat, hat sich die Gruppe sofort organisiert, sie wurde bedroht und in einer Vielzahl an Postings beschimpft. Ich habe unterschätzt, dass sie zu so einer Mobilisierung fähig sind. Das bereitet mir Sorgen.

 

MOMENT: Tut der Staat zu wenig gegen die Eindämmung dieser Gruppen?

Katharina Nocun: Ich denke nicht, dass die Polizei und Sicherheitsdienste diese Gruppe derzeit ausreichend auf dem Schirm haben. Es erinnert mich alles ein bisschen an die Reichsbürger – auch sie wurden anfangs nur belächelt. Wer nimmt schon Menschen ernst, die erklären, es gäbe die Bundesrepublik Deutschland gar nicht und der Staat wäre insgeheim eine GmbH? Doch dann haben sich einige Anhänger derart radikalisiert, dass es zu Vorfällen mit Todesopfern kam. Ein Reichsbürger hat etwa einen Polizisten erschossen, als Beamten seine Waffen beschlagnahmen wollte. Erst nach mehreren Gewaltdelikten wurde endlich das Augenmerk auf diese Gruppe gelegt. Wer sich einmal so derart radikalisiert hat, hat eine sehr hohe Gewaltbereitschaft. Und ich befürchte, dass bald auch Anhänger der QAnon-Gruppe sich in eine ähnliche Richtung radikalisieren.

Es gibt eben auch eine braune Esoterik, das ist vielen Menschen nicht bekannt.

MOMENT: Laut Studien glauben eher Menschen Verschwörungserzählungen, die politisch dem rechten Spektrum zugeordnet werden können. Doch seit Corona scheinen auch immer mehr Menschen aus dem linken Lager an eine Impfverschwörung zu glauben, oder daran, dass Bill Gates das Virus erfunden hat. Täusche ich mich da in meiner Beobachtung?

Katharina Nocun: Grundsätzlich zieht sich der Hang, an Verschwörungserzählungen zu glauben, durch die gesamte Bevölkerung. Auch ein Uni-Abschluss macht nicht immun davor. Doch Erzählungen wie die einer angeblichen großen Verschwörung hinter den Terroranschlägen von 9/11 sind auch in linken Kreisen lange Zeit sehr populär gewesen. Eine verkürzte Kapitalismuskritik und ein ausgeprägter Antiamerikanismus können bei einigen Menschen in einer Überzeugung münden, dass hinter den Anschlägen die US-Regierung selbst stecken muss.

Aber ich würde den Glauben an eine angebliche Impfverschwörung nicht politisch links verorten. Nur, weil jemand wie ein Hippie aussieht und gerne Yoga macht, heißt das nicht unbedingt, dass derjenige politisch links eingestellt ist. Tatsächlich ist die Gesinnung in der Esoterik-Szene sehr anschlussfähig an den Rechtspopulismus. Dort wird zum Beispiel ein sehr konservatives Frauenbild transportiert, das Denkmuster ist sehr schwarz-weiß gehalten. Häufig werden etablierte Medien und Wissenschaft zu Feinden der angeblichen „Wahrheit“ deklarieret. Es gibt eben auch eine braune Esoterik, das ist vielen Menschen nicht bekannt. Rechtsextremisten sind auch in diesem Milieu sehr präsent.

 

MOMENT: Wo verläuft denn die Grenze zwischen gesunder Skepsis gegenüber Regierungen und Konzernen und Verschwörung?

Katharina Nocun: Das ist schwer zu beantworten. Wahre Verschwörungen gibt es ja hin und wieder wirklich, das wissen wir nicht erst seit dem der Whistleblower Edward Snowden, der über die umfassenden Überwachungs- und Spionagepraktiken der amerikanischen Sicherheitsdienste ausgepackt hat. Politische Geschehnisse und Akteure zu hinterfragen, ist für eine Demokratie wichtig.

Bedenklich wird es, wenn fragwürdige Hypothesen verteidigt werden, auch wenn es für deren Wahrheitsgehalt keine Belege und Beweise gibt. Wenn derjenige zunehmend resistent gegen widerlaufende Argumente wird und nur noch das sieht was seine Meinung bestätigt. Irgendwann gibt es eine absolute Immunität gegen Kritik, dann wird jedes Argument mit “Lügenpresse” abgeschmettert, keiner Studie wird mehr Glauben geschenkt, weil sie ja bestimmt von den gekauften oder in die Verschwörung involvierten Wissenschaftlern fabriziert wurde – so wird dann argumentiert. Da findet ein Rückzug in ein in sich geschlossenes Weltbild statt. Es geht nicht mehr um Wissen, sondern um Glauben. Es geht um eine Ideologie.

Bei antisemitischen oder rassistischen Verschwörungserzählungen gilt es eine klare rote Linie zu ziehen: So etwas geht gar nicht!

MOMENT: Hat es Sinn, mit solchen Menschen noch zu diskutieren?

Katharina Nocun: Gegenrede ist wichtig, vor allem wenn es um Diskussionen im öffentlichen Raum geht. Denn es geht nicht nur um uns und unser Gegenüber, sondern auch um die stillen Zuhörer, bzw. Mitleser. Bei antisemitischen oder rassistischen Verschwörungserzählungen gilt es eine klare rote Linie zu ziehen: So etwas geht gar nicht! Denn solche Narrative schüren Hass und Gewalt.

Bei Menschen, die komplett abgedriftet sind, hilft es mitunter Fragen zu stellen. Warum glaubst du dieser Information? Woher hast du sie? Ist derjenige, der sie vertritt wirklich ein Experte? Oft hilft es die aktuelle Situation der Person zu verstehen. Nicht selten geht es diesen Menschen nicht gut. Wie kann es auch jemandem gut gehen, der davon überzeugt ist, dass sich die Welt gegen ihn verschworen hat? Eigenes Versagen oder Misstände in Bezug auf das eigene Leben können so auch leicht auf einen großen Verschwörer geschoben werden. Es wertet ja auch das eigene Selbstwertgefühl auf, sich zu einer Gruppe der ausgewählten Erleuchteten zählen zu können, die eben eine angebliche Wahrheit kennen. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Männer einen leicht stärkeren Hang dazu haben, Verschwörungserzählungen zu glauben. Und wer einmal an eine Verschwörungserzählung glaubt, gerät schnell in einen Sog und tendiert dazu, sich zu radikalisieren. Am Ende steht dann oft ein in sich geschlossenes Weltbild einer umfassenden Verschwörung, die alle Lebensbereiche umfasst. Und das gilt es zu verhindern. Daher ist vor allem frühes Eingreifen wichtig, wenn man so etwas im eigenen Umfeld beobachtet.

Verschwörungsmythen mögen auf den ersten Blick witzig und harmlos erscheinen. Doch das sind sie eben ganz und gar nicht.

MOMENT: Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Katharina Nocun: Neben der bereits erwähnten stärkeren Beobachtung von rechtsextremen Gruppen braucht es auch mehr Beratungsstellen, die umfassend aufgestellt und mit Wissenschaftlern vernetzt sind. Bestehende Angebote sollten ausgebaut und besser finanziert werden. Darüber hinaus wäre es wichtig, dass bereits junge Menschen in der Schule für das Thema sensibilisiert werden. Verschwörungsmythen mögen auf den ersten Blick witzig und harmlos erscheinen. Doch das sind sie eben ganz und gar nicht.



Mehr zum Thema: 

Nats Analyse: Bastle dir deine eigene Corona-Verschwörungstheorie

 

Fake Facts - wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen

FAKE FACTS

Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen

Katharina NocunPia Lamberty

Quadriga Verlag, 19,90 €

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner Spende. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.