Was ich wirklich denke
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/ 11. Februar

Ursula* (46) arbeitet seit fünf Jahren als Reinigungskraft - neben ihrem regulären Job. Für die Serie “Was ich wirklich denke” erzählt sie, warum das Putzen sie nicht stört, die Umstände, unter denen sie arbeitet, aber sehr wohl.

*Name geändert

Seit fünf Jahren arbeite ich ohne Anmeldung nebenbei als Haushaltshilfe. Regulär arbeite ich Teilzeit bei einem großen Konzern. Dort bin ich gerade in Karenz. Mein Baby ist erst ein paar Monate alt.

Ich bekomme 11 bis 12 Euro die Stunde und verdiene so rund 200 Euro pro Monat dazu zum Kinderbetreuungsgeld. Ich habe meinen KundInnen schon öfter vorgeschlagen, dass sie mich mit Dienstleistungsschecks bezahlen. Damit wäre alles legal und ich unfallversichert. Gerade hat einer gesagt, er wird sich informieren und mir dann erst wieder vorgeschlagen, dass wir das erstmal schwarz machen.

Ich denke, viele haben Angst, dass ihnen jemand darauf kommt und sie Steuern zahlen müssen. Manche KundInnen arbeiten nämlich selbst schwarz. Es gibt zwar Informationen, aber die sind auf eine Art geschrieben, dass kein normaler Mensch das versteht. Das wäre eine einfache Verbesserung: Leicht verständliche Informationen und unverbindliche Beratung beispielsweise zu Dienstleistungsschecks.

Essig oder Atemmaske

Die KundInnen finde ich online, das funktioniert ziemlich gut. Putzen ist anstrengend. Körperlich, aber auch wenn KundInnen nicht sagen, was sie genau wollen. Oder wenn sie erwarten, dass ich eine schmutzige und unaufgeräumte Wohnung in fünf Stunden in Ordnung bringen kann. Das ist zu wenig Zeit. Aber die meisten sind freundlich.

Am liebsten ist es mir, wenn ich ganz genaue Anweisungen bekomme, auf welchen Teil ich mich besonders konzentrieren soll und welches Mittel ich verwenden soll. Ich kann alles mit Essig putzen, das dauert dann länger. Bei starken Mitteln muss ich aufpassen. Eine Freundin von mir hat zu viel giftigen Dampf beim Putzen eingeatmet und ist deswegen im Krankenhaus gelandet. Ich trage eine Atemmaske.

Putzkraft mit Master-Abschluss

Vor 19 Jahren bin ich als Au-Pair-Mädchen nach Österreich gekommen. Ich habe bei einer Familie gewohnt, dort den Haushalt gemacht und mich um die Kinder gekümmert. Dann habe ich meinen ersten Mann kennengelernt und unsere Tochter bekommen. Schnell hat sich gezeigt, dass wir unterschiedliche Ideen von der Rollenverteilung hatten. Ich habe kein Problem damit zu putzen, aber zu Hause möchte ich nicht alles alleine machen. Eigentlich wollte ich nach der Scheidung zurück nach Südamerika, aber meine Tochter wollte weiter ihren Vater sehen können, also sind wir hier geblieben.

Ich habe einen Master in Tourismus gemacht, weil ich dachte, ich könnte so einen besseren Job bekommen. Das hat aber nicht geklappt. Immerhin kann ich nicht ohne Weiteres gekündigt werden, weil ich seit einem Schlaganfall einen Behinderungsgrad von 50 Prozent habe.

Der schlimmste Fehler

Die Arbeit als Reinigungskraft an sich stört mich nicht. Es sind die Umstände, die es mir schwer machen, für mich und meine Familie ein Leben aufzubauen. Mein Ehemann hat einen unsicheren, schlechten Job nach dem anderen. Während ich das zweite Mal schwanger war, ist mir der schlimmste Fehler passiert, den ich in Österreich hätte machen können. Ich habe die Vignette auf die falsche Seite geklebt. Irgendwann sind Strafzettel wie Werbeprospekte ins Postfach geflattert. Insgesamt muss ich nun 3.500 Euro bezahlen und das innerhalb von einem Jahr.

Wenn ich nicht bezahlen kann, muss ich ins Gefängnis. Ersatzfreiheitsstrafe heißt das und ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas in einem zivilisierten Land wie Österreich gibt. Deswegen muss ich auch jetzt während meiner Karenz putzen gehen, obwohl mein Baby mich braucht. Wenn ich nach Hause komme, mache ich wieder Arbeit im Haushalt - nur diesmal gratis.

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