Bild zeigt verzweifelte Frau sitzend auf Sessel.

In Energiearmut zu leben bedeutet für Betroffene oft auch starke psychische Belastungen. // Foto: Liza Summer/Pexels

/ 23. März 2022

Die Energiepreise explodieren: Strom und Heizen werden immer teurer. Es trifft vor allem die, die eh schon wenig haben. Noch mehr Haushalte rutschen in Energiearmut. Gerlinde (Name geändert) ist 57 Jahre alt und davon betroffen. Sie berichtet, was es heißt, damit zu leben. “Die unbezahlten Rechnungen wirken wie ein Verstärker auf die seelischen Belastungen”, sagt sie in unserer Reihe "Was ich wirklich denke".


Wie die Energierechnung gestiegen ist, ist ein Wahnsinn. 100 Euro waren das für Strom und Gas, als ich vor nicht so langer Zeit den Anbieter gewechselt habe. Jetzt bin ich wieder zurück zu Wien Energie und sie wollen 145 Euro monatlich. Für meine 47 Quadratmeter kleine Wohnung zahl ich schon 630 Euro. Ich lebe von 810 Euro im Monat. Man kann sich ja ausrechnen, was mir dann bleibt.

Ich bin Yoga- und Pilates-Trainerin. Ich hackl eh wie ein Vieh, im Schweiße meines Angesichts. Die letzten zwei Jahre waren ein Horror. Sportstudios hatten wegen Corona geschlossen. Vor Weihnachten ist in den Fitnessstudios das größte Geschäft. Da wurden sie wieder geschlossen. Da waren wieder zwei Stunden die Woche weg. Die bedeuten für mich viel Geld.

Zwei Monate kalt duschen, weil Therme kaputt war

Eine Nachzahlung bei den Betriebskosten konnte ich mir vor einiger Zeit so nicht leisten. Mit dem Vermieter ist es schwierig. Der will nichts ins Haus investieren, aber die Betriebskostenabrechnungen sind trotzdem hoch. Zwei Monate musste ich vor zwei Jahren kalt duschen, weil die alte Therme kaputt ging. Dann ist er gekommen und hat gesagt „Sie haben eh Glück, dass es heiß ist“. Aber es war Oktober. Da hab ich mich hinlegen müssen, weil ich mich so aufgeregt hab.

Es kommt dann immer noch irgendwas dazu. Während der Pandemie starb mein Vater. Ich bin nie krank, aber zur Beerdigung konnte ich dann wegen einer Magen-Darm-Sache nicht. Du wirst in so einer Situation auch psychisch krank. Die unbezahlten Rechnungen wirken wie ein Verstärker auf die seelischen Belastungen. Ich habe schon einen Nervenzusammenbruch hinter mir. Als eine Nachzahlung von den Wiener Netzen kam, bin ich im Wohnzimmer gesessen und hab gezittert und geheult.

Das war der Punkt, da hab ich den Psychosozialen Dienst angerufen. Die haben mich telefonisch beruhigt, mich mit Volkshilfe und Caritas verbunden. Die Caritas hat mir dann etwas Geld gegeben. Auch die Volkshilfe und das Rote Kreuz haben mir immer wieder auch finanziell geholfen. Man ist von deren Hilfe abhängig, statt dass der Staat dir hilft. Da wirst du noch getriezt vom AMS. Das will ja gar nicht, dass ich was dazu verdiene. Denn dann kriegen sie mich ja aus der Notstandshilfe nicht raus. Und immer wird man durchleuchtet, du musst auch für die Wohnbeihilfe ständig alles hinschicken.

Energiekostenausgleich? Tropfen auf den heißen Stein

Es ist alles Luxus geworden. Zu wohnen. Sich gesund zu ernähren. Das brauch ich als Trainerin aber. Ich esse aber eh wenig, da würde ein anderer verhungern. Der jetzt beschlossene Energiekostenausgleich oder der Teuerungsausgleich: Das ist alles ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich mir die monatliche Teilzahlung von Wien Energie ansehe. Es braucht monatliche Energiezuschüsse und eine höhere Notstandshilfe.

Der Tunnel ist schwarz und lang. Noch immer. Ich hör mir die Nachrichten oft absichtlich nicht mehr an. Die sind Psychoterror, die ganzen schlechten Nachrichten. Du erfährst eh trotzdem alles. Das Handy bombardiert dich damit. Nur die positiven Sachen kriegst du gar nicht mit. Mit den Medien wie hier rede ich auch für andere Betroffene. Damit die sich auch trauen.

Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Wegen der neuen Teilzahlung hab ich mit der Ombudsstelle bei der Wien Energie diskutiert. Das war ein Hin und Her. An einem Punkt hab ich dann drei verschiedene Rechnungen gekriegt, da sollst dich auskennen. Aber jetzt hab ich eine neue Vorschreibung gekriegt. Sie wollen jetzt nicht mehr 145 Euro pro Monat. Jetzt sind es 139 Euro. Immerhin etwas. Kämpfen lohnt sich.

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner SPENDE. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Fünf wichtige Themen in nur drei knackigen Minuten. Hol dir deinen täglichen Morgenmoment per E‑Mail!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.