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Von der Enshittification zum #DiDay: Was tun gegen die Macht von gegen "Big Tech"?

Die großen Plattformen gefährden mit ihrem politischen Einfluss und ihren Algorithmen unsere Demokratie, Verantwortung müssen sie dafür nicht übernehmen. Wie wir von der Enshittification zum Digital Independence Day kommen, erklärt Leonhard Dobusch.

Zuerst sind sie nett zu Dir und allen anderen, die Plattformen: Du findest dort spannende, lustige und inspirierende Leute, folgst ihnen und bekommst deren Beiträge verlässlich in Deine Timeline geliefert. Das führt dazu, dass immer mehr Leute ihre Inhalte dort teilen und noch mehr Leute sie dort abonnieren. Doch mit der Zeit, wenn erst genug Menschen auf der Plattform sind, ändert sich die Plattform: dann zeigt der Algorithmus immer weniger die Kanäle an, denen du folgst - aber  immer mehr bezahlte Werbung. Nicht selten ist das auch Hetze, Desinformation, KI-Unsinn oder einfach nur belangloser Müll. 


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Auch für die “guten” Kanäle bedeutet das: damit sie die Leute erreichen, die Interesse an ihnen haben, müssen sie plötzlich zahlen. Dadurch lernen sie, dass es nie wirklich ‘ihre’ Abonnent:innen waren. Die Beziehung zu ihnen hängt immer allein von der Plattform ab. 

Umgekehrt steigt auch der Frust bei den User:innen. Ihre Timelines sind vollgestopft mit Mist. Aber sie können nicht so einfach woanders hin gehen, denn all ihre Freund:innen, Bekannten und liebsten Kanäle sind ja auf dieser großen Plattform. Und wenn sie es irgenwann doch tun, wartet dort die genau gleiche Entwicklung auf sie. Als Facebook für viele zu uninteressant geworden ist, sind sie auf Instagram, Snapchat oder Twitter gewechselt. Aber da passierte dann genau dasselbe. 

Enshittification ist kein Versehen

Das ist kein Zufall. Diese Entwicklung hat sogar einen Namen: “Enshittification”. So nennt der kanadische Autor und Netzpolitik-Aktivist Cory Doctorow sie. Er beschreibt das als einen fast zwingenden Ablauf, den kommerzielle Online-Plattformen in ihrem Lebenszyklus durchmachen. Weil es den schnellsten Weg zum größtmöglichen Profit bringt. 

Spätestes mit Elon Musks Kauf und Umbau von Twitter zu einer rechtsextremen Propagandaplattform ist aber klar, dass Enshittification nicht das einzige Problem unserer Abhängigkeit von Big-Tech-Plattformen ist. Mehr noch, seit Donald Trump wieder US-Präsident ist, ist es eine Waffe. Wer ihn, seine Verbündeten oder seine Milliardärsvasallen kritisiert, muss damit rechnen, von seinen eigenen Accounts bei diesen Konzernen ausgesperrt zu werden. Das ist mutmaßlich dem Chefankläger am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag passiert. Von einem Tag auf den anderen hatte er keinen Zugriff auf E-Mails und Dokumente mehr, die in der Cloud bei Microsoft gespeichert wurden.

"Big Tech muss weg"

“Big Tech muss weg!” lautet deshalb auch die Parole des deutschen Medienwissenschaftlers Martin Andree, der sich immer mehr Leute in Politik und Medien anschließen. Seine zentrale Forderung: Plattformen sollen für die von ihnen gehosteten Inhalte haften, wie Fernsehsender oder Zeitungen. 

Derzeit ist es nämlich so, dass Plattformen erst dann für rechtswidrige Inhalte haften, wenn sie davon wissen. Dann erst müssen sie reagieren. Nur wenn sie das nicht tun, haften sie. 

Manche Plattform-Kritiker:innen fordern jetzt, YouTube oder TikTok ganz genauso zu behandeln wie klassische Medien. Jeder Beitrag dort soll behandelt werden, wie der Leserbrief in einer Zeitung. Die Zeitung ist dafür verantwortlich, weil sie ihn veröffentlicht.

Soziale Medien sind keine Leserbriefe

Das Problem damit: YouTube ist nun einmal keine Leserbriefseite. 

Auf YouTube, Insta oder TikTok darf jede und jeder erstmal veröffentlichen, ohne dass es erst durch eine redaktionelle Kontrolle geht. Das ist genau der Unterschied zwischen klassischen Massenmedien und neuen Medien. Und das ist erstmal eine Errungenschaft.

Entmachtete Gatekeeper

Während in traditionellen Medien einzelne, überwiegend weiße, männliche, hochbezahlte Chefredakteure als Gatekeeper bestimmen, was überhaupt zum Thema gemacht werden kann, sind Online-Plattformen als solche erstmal offen für Dinge, die in herkömmlichen Medien keinen Platz finden – und das reicht eben von Hasskommentaren und Fake News bis hin zu Katzenvideos, fantastischen Inhalten aller Art und wichtigen Perspektiven marginalisierter Gruppen.

In klassischer Medienlogik stand gleich zu Beginn der redaktionelle Filter, auf den dann, durch teure, massenmediale Verbreitung, Öffentlichkeit entstand. Ein Filter von oben. Neue Medien hingegen zeichnen sich dadurch aus, dass zuerst einmal jede und jeder alles veröffentlichen kann. Öffentlichtkeit entsteht durch das Folgen, Teilen, Zitieren, Kommentieren und Liken anderer. Ein Filter von unten.

Vorsicht vor dem Überwachungsinternet

Uploads im Internet wie Leser:innenbriefe zu behandeln würde zu einer allgemeinen Überwachungspflicht für den digitalen Raum führen. Es wäre keine Veröffentlichung ohne Zustimmung der Plattformen mehr möglich. 

Mehr noch, ausgerechnet nicht-kommerzielle Alternativen zu Big-Tech wären nicht mehr möglich. Dabei sind das gerade die, von denen wir mehr bräuchten. Aber von der Wikipedia bis hin zu Mastodon müsste künftig jeder Beitrag vor der Veröffentlichung überprüft werden. Das ist nicht nur bedenklich. Diesen Aufwand zu leisten, ist unmöglich.

Big Tech ist nicht das Internet

Gleichzeitig haben Andree und andere aber natürlich einen Punkt: die kommerziellen Big-Tech-Plattformen sind weit weg von diesem demokratischen Idealbild. Sie sind heute längst Gatekeeper: Creators auf Insta, YouTube und TikTok können ein Lied davon singen. Sie sind den intransparenten und oft willkürlichen Algorithmen dieser Plattformen ausgeliefert. Kaum jemand, der nicht schon viel Arbeit und Herzblut in ein Video gesteckt hat, nur um dann zu erleben, wie die Plattformen mit kryptischen, nicht nachvollziehbaren Begründungen oder überhaupt ohne jeden Hinweis mittels Shadow-Bans dessen Reichweite einschränken. 

Im Zentrum der Enshittification von Plattformen stehen eben die Algorithmen. Das sind zwar keine menschlichen Kontrolleure, aber sie sind trotzdem menschengemacht. Und sie entscheiden trotzdem über die Sichtbarkeit von Beiträgen - und damit über Einfluss und Profite. Nur sind sie niemandem Rechenschaft schuldig. Und für die Betroffenen gibt es kaum Ausweichmöglichkeit. 

Wieso es schwer ist, den Plattformen zu entfliehen

Es gibt keine Pflicht zur Interoperabilität für die Plattformen - dass ihre Funktionen auch von anderen genutzt werden können. Und eben weil Plattformen nur in ihrem eigenen, abgeschottenen Bereich funktionieren müssen, kann man sie nur verlassen, wenn man auch seine Fans zurücklässt. Und die können nur gehen, wenn sie sich von ihren Freund:innen abkoppeln.Der Aufwand, dass das alle gleichzeitig tun, ist fast unschaffbar groß. 

Was also tun? Letztlich gibt es zwei Antworten auf die zunehmend bedrohliche Macht von Big-Tech-Plattformen. Und das gute: die beiden Antworten ergänzen und verstärken sich.

Algorithmen regulieren

Auf der einen Seite müssen Plattformen dort reguliert werden, wo sie den größten Hebel haben: bei ihren Algorithmen. Solange Plattformen Inhalte nur bereitstellen oder chronologisch ausspielen, agieren sie nicht als Gatekeeper. So funktioniert das etwa bei vielen Podcast-Plattformen. Dann sind sie tatsächlich nur eine Infrastruktur. 

Wenn sie allerdings damit Geld verdienen, einzelne Inhalte algorithmisch zu pushen und andere unsichtbar zu machen, dann müssen sie auch für rechtswidrige Inhalte haften und für die Unterdrückung von Inhalten Verantwortung übernehmen. 

Das würde auch erlauben, stärker zwischen Plattformen, Creatorn und Konsument:innen zu unterscheiden. Derzeit ist es so, dass Plattformen nichts zu befürchten haben, wenn sie rechtswidrige Inhalte mit ihren Algorithmen pushen. Aber User müssen sogar mit kostspieligen Klagen rechnen, wenn sie zum Beispiel Zeitungsberichte auf Social Media teilen, mit denen rechtlich etwas nicht stimmt. Ex-FPÖ-Vizekanzler Strache machte zum Beispiel Geld damit, User:innen zu verklagen, die Zeitungsberichte über vermeintliche Eheprobleme von ihm geteilt hatten.  

Das Problem ist: selbst wenn es gelingen sollte, Algorithmenhaftung auf europäischer Ebene rechtlich zu verankern, dann wird das noch lange dauern - von Problemen bei der Rechtsdurchsetzung ganz zu schweigen. 


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Ausweichrouten schaffen

Darauf können und müssen wir alle nicht warten. Wir sollten Ausweichrouten zu Big Tech stärken. Wir sollten Alternativen nutzen, die schon von ihrem Grundansatz her nicht käuflich sind. Das wären zum Beispiel die Online-Angebote öffentlich-rechtlicher Medien wie ORF.ON, die auch Elon Musk nicht übernehmen könnte. Oder soziale Netzwerke wie Mastodon oder Pixelfed, die dezentral und interoperabel sind. Das bedeutet: Passt einem auf diesen Plattformen nicht mehr, was ein Anbieter macht, kann man einfach auf einen anderen wechseln - und Freund:innen und Fans bleiben erhalten. Das klingt wie eine kleine Sache, aber ist eine mächtige Brandmauer gegen die Enshittification.

Wir müssen dabei auf niemanden warten. Aber öffentlich finanzierte Institutionen wie Behörden, Universitäten und eben der ORF sollten da ganz vorne dabei sein: statt ausschließlich auf kommerzielle Netzwerke zu setzen, sollten sie ihre Angebote immer auch auf offenen Plattformen bereit stellen müssen. Warum sind Erklärvideos des ORF zwar auf YouTube, nicht aber in der Wikipedia zu finden? ZDF und ARD sind da längst weiter! 

DiDay: Ein Digital Independence Day jeden Monat

Aber auch jede und jeder einzelne von uns, kann mithelfen dabei. Ein breites Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen hat in Deutschland deshalb den “Digital Independence Day” gestartet. Die Idee: Jeden ersten Sonntag im Monat eine Big-Tech-Plattform zu Gunsten einer freien Open-Source-Alternative zu verlassen. Also zum Beispiel den Browser von Google Chrome auf Firefox umzustellen, von X-Twitter zu Bluesky oder Mastodon zu wechseln, oder von Gmail zu einem unabhängigen E-Mail-Anbieter. 

Oder mit den Worten von Di-Day-Mitinitiator Marc-Uwe-Kling:

 


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