Daniela Brodesser und ihre neue Kolumne: Armutprobe. Das Cover zeigt Brodessers skizziertes Porträt.
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Daniela Brodesser

/ 19. Februar 2021

Vor sieben Jahren habe ich einen großen Fehler gemacht. Ich bin mit meinem Mann und unseren vier Kindern raus aus der zu kleinen, viel zu teuren Wohnung in der Stadt aufs Land gezogen. Weniger Miete, mehr Platz und Garten - das hat sich gut angehört. Oder zumindest besser als die enge Wohnung in der Stadt, die wir uns ohnehin auf die Dauer nicht leisten konnten. Die Angst vor der monatlichen Miete, vor einer Delogierung, wollte ich hinter mir lassen. Es war die logische Entscheidung.

Für die leistbare Miete haben wir unsere Kinder aus ihrem Umfeld gerissen. Neuer Kindergarten, neue Schule, weg von ihren FreundInnen. Kinder leben sich doch eh schnell ein, dachten mein Mann und ich.

Wir wollten einfach nur weg

Doch unsere Kinder blieben AußenseiterInnen. Und auch mein Mann und ich sind nie in der Dorfgemeinschaft angekommen. Drei Jahre haben wir es ausgehalten. Dann wurde es zu viel. Wir wollten einfach nur weg.

Am besten wieder Richtung Stadt, wo ich mittlerweile einen Job gefunden hatte. Aber die Wohnungssuche hat sich mit unserem Mini-Budget schwierig gestaltet. Überall haben wir gesucht, sind sogar zu einer Beratungsstelle. Dort wurde mir empfohlen, ich solle doch mit meiner Familie in eine Notunterkunft.

Meine Kinder wieder aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen, das bringe ich nicht übers Herz

Als wir dann endlich eine Wohnung gefunden haben, waren wir mit den Nerven längst am Ende. Der Haken: Eigentlich ist sie viel zu teuer für uns. Und die Kinder, die mussten wieder Schule wechseln -  diesmal haben sie keine FreundInnen verloren.

Zwei Jahre wohnen wir schon in der eigentlich zu teuren Wohnung. Das Geld ist immer noch knapp. Wir sollten uns eine billigere Wohnung suchen, raten mir Menschen in meinem Umfeld. Diese billigeren Wohnungen gibt es im Umkreis aber nicht. Wir müssten wieder weit weg ziehen. Die Kinder tun sich immer noch schwer damit, Kontakte zu knüpfen. Langsam wird es besser. Sie noch einmal aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen, das bringe ich nicht übers Herz.

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