Thomas Galli war Gefängnisdirektor. Auf dem Foto trägt er einen schwarzen Anzug und sieht in die Kamera.

Thomas Galli war Gefängnisdirektor - jetzt ist er Gefängniskritiker. Foto: Ronald Hansch

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/ 19. Oktober 2020

Die Wirkung von Gefängnisstrafen ist kaum belegt, sagt der ehemalige Gefängnisdirektor Thomas Galli und schlägt menschenwürdige und wirksame Alternativen vor. Im Interview mit MOMENT spricht er über Menschen, die wegen Schwarzfahrens im Gefängnis sitzen und erklärt, wieso PolitikerInnen am liebsten Strafen erhöhen - auch wenn das nichts bringt.
 

Hier kannst du unsere Rezension zu Gallis Buch "Weggesperrt" lesen.

MOMENT: Sie sagen, das Gefängnis macht Menschen nur gefährlicher. Wie kommen Sie darauf?

Thomas Galli: Der Staat straft, damit die Gefangenen nach der Haft keine Straftaten mehr begehen. Das ist neben Resozialisierung und dem Schutz der Allgemeinheit eines der Hauptziele von Gefängnissen. Der aktuelle Stand der Forschung zeigt: Das funktioniert nicht. Es ist sogar umgekehrt. Wer im Gefängnis war, begeht eher wieder eine Straftat.

Dazu ist zu sagen, dass es stark auf die Tat ankommt. Bei Mord gibt es beispielsweise eine sehr geringe Rückfallwahrscheinlichkeit - die wird wohl auch durch eine Haft nicht erhöht. Anders ist das bei "kleineren" Straftaten wie Drogenhandel und Einbruchsdiebstahl.


MOMENT: In Ihrem Buch "Weggesperrt" schreiben Sie, dass es kaum belastbare Zahlen und Fakten zur Wirkung von Haftstrafen gibt. Will man es vielleicht gar nicht so genau wissen?

Thomas Galli: Wenn die handelnden Personen von der positiven Wirkung der Gefängnisse überzeugt wären, dann gäbe es wohl auch diese Zahlen. Die meisten Studien in dem Bereich werden von Instituten außerhalb der Justiz durchgeführt. Für mich ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass Gefängnisse unterm Strich nicht die gewünschten Ergebnisse bringen - und die Beteiligten in der Justiz das auch wissen oder zumindest vermuten.

Thomas Galli: "Man muss Straftäter nicht verstehen wollen"


MOMENT: Manche werden Ihnen vorwerfen, Sie wollen, dass Terroristen und Vergewaltiger frei herumlaufen. Was antworten Sie darauf?

Thomas Galli: Das ist das größte Missverständnis, dem ich in meiner Arbeit begegne. Mir geht es nicht um ein Wohlfühlprogramm für Straftäter. Man muss Straftäter nicht verstehen wollen. Der Staat darf und soll strafen. Die Art, wie gestraft wird, stelle ich aber infrage. Ich bin überzeugt davon, dass wir menschenwürdige Alternativen schaffen können, die weniger kosten und bessere Ergebnisse erzielen.


MOMENT: Was für Alternativen könnten das sein?

Thomas Galli: Ich bin für gemeinnützige Arbeit als Hauptstrafe. Ein Beispiel: Ein ehemaliger Mandant von mir hat sich betrunken an einem illegalen Autorennen beteiligt. Er hat einen Unfall gebaut und dabei einen Menschen getötet. Eine ganz schlimme Geschichte. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich verinnerlicht hat, was er getan hat. Jetzt sitzt er im Knast und ich frage mich: Wem dient das? Einen toten Menschen kann man nicht gutmachen. Das ist klar. Ich denke trotzdem, dass in diesem Fall gemeinnützige Arbeit etwa in einem Unfallkrankenhaus mehr dazu beigetragen hätte, dass er nie wieder betrunken fährt. Mit Anfang 20 ist er in Haft gekommen, mit Ende 20 kommt er frei. Perspektiven wird er dann mit der Vorstrafe kaum mehr haben.


MOMENT: Gemeinnützige Arbeit statt Gefängnis - gibt es das in Deutschland schon?

Thomas Galli: Nur bei Ersatzfreiheitsstrafen und auch dort wird sie kaum genutzt. Die Menschen werden selten informiert oder individuell motiviert.

"Menschen müssen ins Gefängnis, weil sie kein Geld haben"


MOMENT: Als Sie das Buch geschrieben haben, waren rund 1.000 Menschen in Deutschland in Haft, weil sie schwarzgefahren sind. Wie kann das passieren?

Thomas Galli: Wenn Menschen eine Geldstrafe nicht zahlen, etwa für Schwarzfahren oder Falschparken, wird eine Ersatzfreiheitsstrafe verhängt. Die Leute müssen also praktisch ins Gefängnis, weil sie kein Geld haben. Fast ein Drittel davon ist obdachlos. Drei Viertel sind arbeitslos. Wenn man ohnehin schon am Rande der Gesellschaft lebt, kommt man schneller in Haft als man denkt.


MOMENT: In Österreich gibt es seit zehn Jahren den elektronisch überwachten Hausarrest, die Fußfessel.

Thomas Galli: Da ist Österreich ein Vorbild. In Deutschland gab zwar Modellprojekte, die wurden allerdings eingestampft. Eines der größten Probleme am Gefängnis ist, dass die Gefangenen ihr soziales Umfeld verlieren, oft die Wohnung und sicher ihren Job, falls sie einen hatten. All diese schädlichen Nebenwirkungen einer Gefängnisstrafe können durch die Fußfessel vermieden werden. Das ist besonders wichtig für Eltern. Von einer Haftstrafe ist ja immer die ganze Familie betroffen. Wichtig ist  beim elektronisch überwachten Hausarrest die begleitende Behandlung und Betreuung, etwa bei Drogensucht.


MOMENT: Viele Menschen sind zwar in Österreich in Haft, leben aber gar nicht hier. Sie haben hier kein soziales Netz, das sie auffangen könnte.

Thomas Galli: Ja, das ist ein Problem. Möglich wäre, die Freiheitsstrafe in kleineren Wohngruppen zu verbringen. Immer in Verbindung mit sozialarbeiterischer Betreuung.

"Diskussionen über höhere Strafen lenken ab"


MOMENT: Der Ruf nach höheren Strafen ist immer groß, wenn etwas Schlimmes passiert. Vor bald zwei Jahren waren Frauenmorde in Österreich ein großes Thema. Die Regierung hat mit höheren Strafen reagiert, obwohl ExpertInnen gesagt haben: Das bringt nichts. Die katastrophalen Zustände bei der Verwahrung von psychisch kranken StraftäterInnen sind wiederum seit Jahren bekannt. Getan hat sich nichts.

Thomas Galli: Wenn eine Politikerin vor der Wahl ankündigt, Haftbedingungen verbessern zu wollen, wird sie vielleicht nicht gewählt. Wenn ein Täter gemeinnützige Arbeit macht, statt ins Gefängnis zu gehen und dann eine Gewalttat begeht, muss die Justizministerin wohl den Hut nehmen. Tiefgreifende Änderungen werden erst möglich, wenn sich die öffentliche Meinung dreht. Erst dann kann sich die Politik bewegen. Deswegen ist es mir wichtig, diese Überzeugungsarbeit zu leisten.

Eine höhere Strafe verhindert bei Gewalt in der Familie keine einzige Straftat. Der Mann, der seine Ehefrau schlägt, denkt nicht darüber nach, ob ihm jetzt fünf Jahre oder doch sieben drohen. Die Diskussion über den Strafrahmen lenkt höchstens von den Maßnahmen ab, die tatsächlich helfen würden.

Lebenslange Haft für die Gefährlichsten


MOMENT: Sie nehmen in Ihrem Buch eine Gruppe von höchst gefährlichen TäterInnen aus, vor denen der Staat die Allgemeinheit schützen muss. Für diese Gruppe fordern sie eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ist das nicht ein Widerspruch?

Thomas Galli: Was sollen wir mit Menschen machen, die aus sadistischer Motivation Kinder ermorden und ihre Taten nicht bereuen? Das ist eine schwierige Frage. Aktuell stecken wir Millionen in die Therapie von ein paar wenigen Menschen, die weder Leidensdruck noch Gerechtigkeitsgefühl haben. Das bringt nichts. Ich denke, wir dürfen als Gesellschaft entscheiden, dass wir uns der Gefahr nicht aussetzen wollen, die von diesen Menschen ausgeht.

Manche sagen, eine lebenslange Strafe ist nicht menschenwürdig. Ich meine, das aktuelle System ist alles andere als menschenwürdig. Wir sperren diese Menschen jahrzehntelang in einen kleinen Haftraum und entlassen sie im hohen Alter. Wenn überhaupt. Freiheitsentzug kann auch anders aussehen. Etwa auf einem Hof, auf dem sich die Gruppe frei bewegen, arbeiten und leben kann.


Thomas Galli studierte Rechtswissenschaften, Kriminologie und Psychologie. Ab 2001 war er im deutschen Strafvollzug tätig, 2013 wurde er Leiter der JVA Zeithain, 2015 für mehr als sechs Monate zusätzlich Leiter der JVA Torgau. Daneben publizierte er über Fragen der Kriminologie und des Strafvollzugs. Seit Oktober 2016 ist er als Rechtsanwalt tätig. Er veröffentlichte mehrere Sachbücher zum Thema Gefängnis; im Mai 2020 erschien "Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen" in der Edition Körber.

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