Was ich wirklich denke

/ Lisa Wölfl
/ 12. November

Ruth, die eigentlich anders heißt, war jahrelang wohnungslos. Zwischendurch schlief die heute 67-Jährige sogar in einem Warthäuschen am Bahnhof - dabei war ihr Leben noch vor sechs Jahren ganz normal. Für die Serie "Was ich wirklich denke" erzählt sie, wieso sie ihren Kindern nichts gesagt hat und wie sie es aus der Obdachlosigkeit in die eigenen vier Wände geschafft hat.

Vor sechs Jahren hatte ich ein ganz normales Leben. Ich bin mit meinem Mann nach Niederösterreich gezogen, ich war in Pension, er hat gut verdient. Meine Kinder und Enkel habe ich oft in Wien besucht. Eines Tages hat mein Mann mir gesagt, dass er morgen einer Gerichtsladung nachkommen müsse. Er habe aber nichts gemacht und ihm würde bestimmt nichts passieren. Als er vom Gericht zurückkam, hat er nur gemeint, dass er jetzt nicht darüber diskutieren wolle. Eine Woche später saß er im Gefängnis. Wegen eines Sexualdelikts hat er drei Jahre bekommen.

Da war ich also. Plötzlich ohne Partner, mit meiner mickrigen Pension und einem hohen Kredit, den er für das Haus in Niederösterreich aufgenommen hatte. Ich konnte die Raten nicht bezahlen, sie waren höher als meine Pension. Das Haus wurde zwangsversteigert. Mir war die ganze Sache so unangenehm, dass ich meinen Kindern nichts davon gesagt habe. Ein Jahr lang habe ich am Bahnhof in der Ortschaft geschlafen, im Wartehäuschen.

Beste Oma

Auf der Brünner Straße habe ich mir ein Lager genommen, zwei Quadratmeter für ein bisschen Kleidung und meine Dokumente. Vier Kaffeehäferl habe ich auch mitgenommen, die habe ich von meinen Enkelkindern bekommen. Auf einem steht „Beste Oma“.

Ich habe natürlich versucht, eine Wohnung zu finden. Das war unmöglich. Für eine Gemeindewohnungen kam ich nicht infrage, ich war ja erst vor ein paar Monaten nach Niederösterreich gezogen. Dadurch hatte ich aber auch keinen Anspruch mehr auf eine Sozialwohnung in Wien. Auf dem privaten Markt hatte ich keine Chance. Aber für eine Monatskarte reichte das Geld. Ich habe meine Kinder oft in Wien besucht, war im Hallenbad duschen. Bis mein Sohn von einem Bekannten erfahren hat, dass das Haus zwangsversteigert wurde. Er hat sich Vorwürfe gemacht, aber wie hätte er es denn merken sollen?

„Sie haben nichts, ich habe auch nichts“

Irgendwann hätte ich meiner Familie bestimmt gesagt, dass ich wohnungslos bin. Aber in der Situation habe ich es nicht geschafft. Das war kein falscher Stolz oder so. Es ist schwer zu beschreiben. Ich kannte keine Einrichtungen, nur die Gruft aus der Zeitung. Da bin ich dann auch hingefahren, habe aber sofort wieder umgedreht. Da waren Dutzende Männer auf einem Haufen und ich hab mich unwohl gefühlt. Das war der Moment, in dem mir richtig bewusst geworden ist, wo ich jetzt bin. Da habe ich gespürt, mir geht es genauso wie denen. Sie haben nichts, ich habe auch nichts.

Nachdem meine Kinder von meiner Situation erfahren haben, konnte ich manchmal bei ihnen übernachten. Weil ihre Wohnungen klein sind und sie selbst Kinder haben, war das aber nicht öfter als einmal pro Woche möglich.

Sechs Quadratmeter

Vier Jahre lang ging das so. Dann habe ich einen Platz in einer Übergangswohnung bekommen, die hat 208 Euro im Monat gekostet. Einer der Betreuer hat mir am Anfang gesagt: Sie gehören gar nicht hierher. Die meisten dort hatten Probleme mit Alkohol und Drogen. Davon habe ich immer die Finger gelassen. Aber obdachlos ist obdachlos.

Mein Zimmer war sechs Quadratmeter groß. Tisch, ein Bett, ein Kasten und ein Stuhl waren drinnen. Im Aufenthaltsraum bin ich nie gesessen, weil dort mit Suchtmitteln gehandelt wurde. Trotzdem habe ich eine Freundin gefunden. Wir sind oft in der Küche gesessen. Wer zuletzt nach Hause kam, hat einen Kaffee mitgebracht.

Weihnachtswunder

Wirklich wohl habe ich mich in der Einrichtung nie gefühlt. Einmal habe ich für ein paar Minuten meine Zahnbürste im Bad vergessen – dann war sie weg. Statt einer echten Wand war nur eine Pressspanplatte zwischen den Zimmern. Ich hatte keine Privatsphäre. Es gab nur zwei Bäder für 18 Menschen und in dem einen nicht einmal einen Duschvorhang. Deswegen bin ich immer nach 22 Uhr duschen gegangen, um diese Zeit ist nie jemand ins Bad gekommen ist.

Zum Glück wurde mir dann schnell geholfen. Nach einem dreiviertel Jahr kam der Anruf, dass ich eine Wohnung bekommen würde, über das Housing-First-Programm von neunerhaus. Das war in der Weihnachtszeit. Ich erinnere mich noch, als ich die Wohnung angeschaut und mir gedacht habe: Die werde ich niemals kriegen. Da sind mir die Tränen gekommen, aber ich habe den Gedanken weggeschoben. Im Februar haben sie wieder angerufen – wegen des Mietvertrags. Ich hab es gar nicht glauben können.

"Man darf nicht aufgeben"

Bald wohne ich ein Jahr hier. Die Miete kostet 362 Euro, dazu kommen Strom, Monatskarte und die Waschkarte. Es ist knapp mit meiner Pension von 700 Euro, aber ich tu, was ich kann. Ich verdiene mir ein bisschen was dazu, indem ich Führungen durch Wien zum Thema Obdachlosigkeit mache.

Hier habe ich ein großes Zimmer mit Küche, ein Bad, ein Klo und einen Vorraum. Seit Kurzem habe ich sogar einen Hund. Emma ist erst ein paar Monate alt. Meine Familie besucht mich oft.

Insgesamt war ich fünf Jahre lang wohnungslos. Wenn ich eine Sache ändern könnte, dann das System für die Vergabe von Gemeindewohnungen. Obwohl ich mein Leben lang in Wien gewohnt und gearbeitet habe, hatte ich keinen Anspruch auf eine Gemeindewohnung, nur weil ich eine Zeit lang in Niederösterreich gemeldet war. Und dort gibt es viel weniger Sozialwohnungen. Da ich dort nicht lange genug gelebt habe, hatte ich keinen Anspruch.

Es klingt wie ein Klischee, aber es kann wirklich jeden treffen. Ich habe immer gewusst, dass mich meine Enkelkinder lieben und sie mich wahnsinnig vermisst hätten, wenn ich aufgegeben hätte. Deswegen habe ich gekämpft. Man wird oft zurückgeworfen, aber man darf nicht aufgeben.

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