Zu sehen sind Menschen mit Koffern und Sackerln, im Hintergrund sieht man blaue Zelte. Das Foto wurde beim Grenzübergang in Siret, Rumänien, aufgenommen.

In Siret, Rumänien, kommen flüchtende Menschen aus der Ukraine nach Rumänien.

Foto: Herbert Paulischin

/ 9. März 2022

Innerhalb von nur zwölf Tagen sind mehr als zwei Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Die meisten davon befinden sich in Polen, aber auch in Rumänien sind mittlerweile rund 85.000 Flüchtende angekommen. Sie passieren die Grenze entweder über den Norden Rumäniens oder kommen über Moldawien.

Herbert Paulischin ist vor Ort und koordiniert mit der NGO ASproAS (Berufsverband der Sozialarbeiter:innen in Rumänien) die Hilfe an den Grenzen mit. Wir haben ihm 5 Fragen zu seiner Arbeit und der Situation an der Grenze gestellt.

#1 Wie ist die aktuelle Situation an der Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine?

Manche Grenzübergänge sind sehr gut organisiert. Dort gibt es keine Panik, die Leute sind ruhig. Andere haben gerade erst geöffnet. Die meisten Menschen kommen über Fähren, Busse oder Züge nach Rumänien. Nur wenige fahren mit ihren privaten Autos über die Grenze. Aktuell ist es sehr frisch. In Bukarest hat es geschneit und in den Grenzregionen liegt bis zu 15 Zentimeter Schnee.

Gerade im Grenzbereich gibt es in Rumänien viele ukrainische Minderheiten und umgekehrt. Viele Flüchtende haben in Rumänien Verwandte oder Freunde. Dort kommen sie unter und brauchen eher wenig Hilfe von uns.

Manche kommen auch über Moldawien, viele mit privaten PKWs nach Rumänien und reisen dann in andere Länder weiter. Am Grenzübergang Siret und der nahen Stadt Rădăuți gibt es gleich mehrere Auffanglager, die auch nach Zielgruppe gegliedert sind. Eine Sporthalle ist zum Beispiel für Studierende aus Drittstaaten eingerichtet, viele von ihnen kommen aus Indien. Diese Menschen brauchen andere Hilfe, die wollen nach Hause.

#2 Was erwartet die Menschen, die die Grenze überqueren? Wie kann ich mir diese Auffanglager vorstellen?

Direkt an der Grenze werden die Ankommenden von den Grenzbeamten abgefertigt und dann zum ersten Zelt begleitet, wo die Aufnahmen stattfinden. Die Registrierung ist wichtig, weil es zum Beispiel die Befürchtung gab, alleinreisende Mädchen oder junge Frauen könnten sonst verschwinden.

Bei der Aufnahme sind auch schon die ersten Sozialarbeiter und Dolmetscher vor Ort. Wir klären dort zum Beispiel ab, ob die Reisedokumente vorhanden sind, organisieren und übersetzen die Papiere und beraten zur Weiterreise.

Nach der Aufnahme kommen sie in einen Teil des Lagers, wo sie sich ausruhen können. Ein bisschen schlafen, etwas essen oder duschen. Dort gibt es auch medizinische Versorgung. Wichtig sind auch Powerbanks, mit denen die Menschen ihre Handys aufladen können, um Kontakt mit ihren Angehörigen aufnehmen zu können.

#3 Wie sieht eure Arbeit an der Grenze aus und was ist euer Ziel?

Wir fahren zu den Grenzübergängen und erarbeiten die Abläufe mit den Helfern vor Ort: Was passiert, wenn die Menschen über die Grenze kommen? Welche Angebote gibt es?

Wir sorgen zum Beispiel dafür, dass an den Grenzübergängen mindestens zwei Sozialarbeiter und genügend Dolmetscher vorhanden sind. Die arbeiten ehrenamtlich. Weil wir damit schon weit sind, koordinieren wir mittlerweile auch Hilfslieferungen. Wir haben den Überblick davon, was an welchen Stellen benötigt wird: Powerbanks, Schlafsäcke und haltbare Lebensmittel.

Bei all diesen Aufgaben arbeiten wir mit den rumänischen Behörden und anderen NGOs zusammen. Für die kommenden zehn Wochen können wir die sozialarbeiterische Hilfe garantieren. Die Koordination der Hilfslieferungen können wir, wenn nötig, sechs Monate lang aufrechterhalten.

#4 Was macht es für einen Unterschied, ob die Helfenden vor Ort ausgebildete Sozialarbeiter:innen oder einfach nur motivierte Leute sind?

Wenn ich in ein Flugzeug steige, wünsche ich mir, dass ein Pilot fliegt, der eine entsprechende Ausbildung hat. Bei der Sozialen Arbeit ist es ähnlich. Gerade bei der Arbeit in Notsituationen, die eine Flucht darstellt, sind Gesprächstechniken, aber auch die ethischen Prinzipien hinter der Sozialen Arbeit wichtig. Man lernt, richtig zu reagieren.

Wir sind aber auch für die anderen Helfer vor Ort da und stellen ein Netzwerk zur Verfügung. Sie können sich an uns wenden, wenn sie emotionale Unterstützung brauchen oder einfach nicht mehr weiterwissen.

Sonst gibt es aber auch ganz praktische Probleme, wenn Einzelpersonen die Sache selbst in die Hand nehmen wollen. Ich verstehe jeden, der Menschen mit dem Auto in Sicherheit bringen will. Ich rate trotzdem davon ab. Wenn ich jemanden von der Straße auflese, weiß ich nicht: Hat der alle Dokumente? Was passiert bei der Einreise? Wie lange darf er in Österreich bleiben? Wo muss er sich melden? Ein Beispiel: Ein Ukrainer kann mit EU-konformen Pass drei Monate als Tourist in Österreich bleiben. Am 91. Tag ist er plötzlich illegal dort.

All das klären wir beim Grenzübergang ab. Hier ist es sinnvoller, mit den Behörden und NGOs zusammenzuarbeiten und mitzuhelfen, anstatt auf eigener Faust zur Grenze zu fahren.

#5 Wie können wir in Österreich helfen?

Aus der Fluchtbewegung 2015 haben wir gelernt, wie zentral die Rolle der Zivilgesellschaft ist. Sie stellt die meisten Ressourcen. Ob die Hilfe am Bahnhof oder beim Organisieren von Unterkünften.

Ich vertraue darauf, dass die österreichische Zivilgesellschaft einen langen Atem hat. Wir haben schon sehr umfangreiche Hilfe hier erhalten. Was wir weiterhin brauchen, ist finanzielle Unterstützung. Damit können wir vor Ort genau das besorgen, was dringend benötigt wird, sind flexibler und sparen lange Transportwege.

Wichtig ist, dass diese Unterstützung aus der Bevölkerung auch noch anhält, wenn der Krieg nicht mehr die Schlagzeilen dominiert.

Herbert Paulischin (ganz rechts) in einem Lager bei Siret

Foto: Herbert Paulischin

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Herbert Paulischin ist Sozialarbeiter. Er war Vizepräsident des IFSW, dem internationalen Dachverband für Soziale Arbeit. Paulischin arbeitete an internationalen Projekten in Rumänien, Kroatien und Aserbaidschan mit.

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