#NatsAnalyse
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Natascha Strobl

/ 25. September 2020

In einer Pressekonferenz am Mittwoch wurde Trump danach gefragt, ob er bei einer Wahlniederlage friedlich sein Amt übergeben würde. Darauf wollte er sich nicht festlegen. Vielmehr deutete er an, dass es zu Wahlbetrug kommen könnte. Das Video geisterte durch alle Zeitungen und sozialen Netzwerke.

Warum macht er das? Eine Weigerung, das Amt bei einer Niederlage zu verlassen, kommt doch einem Staatsstreich nahe. Für Trump geht es aber nicht um das, was real passiert oder passieren wird. Vielmehr setzt er auf eine Strategie der Überwältigung. Die funktioniert so: Er sagt etwas absolut Unvorstellbares. Alle Medien und politischen KommentatorInnen flippen aus (zurecht) und der Diskurs darüber ergeht sich in Phrasen wie „sprachlos“, „Entsetzen“, „unglaublich“. So war die erste Reaktion des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden. „I don’t know what to say“ ("Ich weiß nicht, was ich sagen soll"). Genau das ist die erwünschte Reaktion. 

Starker Mann

Denn mit dieser Strategie geht Trump in die Offensive und gibt sich eine starke, aktive Rolle. Er ist derjenige, der die anderen in die Sprachlosigkeit und Untätigkeit treiben kann, während er handelt, entscheidet, weiterdenkt. Alle Anderen müssen auf ihn reagieren. Das führt dazu, dass er immer weiter die legitimierten Sprachgrenzen überschreitet. Dazu muss er diese Ansagen gar nicht einlösen - die Andeutung allein schafft die gewünschte Realität. Es wird so zur selbsterfüllenden Prophezeiung - eine kalkulierte Provokation.

Dass sich dieses ziemlich fade und durchsichtige Muster nicht abnutzt, liegt vor allem an den Reaktionen seiner GegnerInnen, die im sprachlosen Entsetzen erstarren. Als seien sie immer wieder überrascht, dass Trump so ist, wie er ist. Manchmal kommen noch treuherzige Appelle an Rechtsstaatlichkeit und Vernunft hinzu, aber in diesen Kategorien funktioniert die Rolle Trumps nicht. Seine Sprache (und damit seine Politik) funktioniert in Logiken der Aufmerksamkeits-Konzentration und der Provokation.

Damit verbunden ist, dass er sich zu keinem Zeitpunkt verantwortlich für die Aufrechterhaltung demokratischer Standards fühlt, weder sprachlich noch im politischen Agieren. Sein Handwerk ist der Bruch mit allen Usancen, Traditionen und informellen Regelungen des Systems. Das ist genau das, wofür er gewählt wurde.

Appelle, er möge sich nun endlich wie ein Staatsmann verhalten, verhallen deswegen im Nichts. Er ist kein Staatsmann im zentristischen Sinne und er wird es auch nie sein. Er inszeniert sich als "starker Mann" an der Spitze, der dem Establishment mächtig Angst einjagt und das bei jeder seiner Äußerungen immer bedröppelt schaut und entsetzt ist. Es ist eine Strategie der Überwältigung, die jedes einzelne Mal einen diskursiven Raum eröffnet, der zuvor nicht da war. 

Raus aus der Sprachlosigkeit

Dem kann nur entgegengewirkt werden, wenn man nicht jedes Mal die gewünschte passive, sprachlose Rolle einnimmt, sondern eine offensive. Das bedeutet einen Umgang finden, der Demokratie nicht als beliebig verhandelbar ansieht und gleichzeitig nicht immer überrascht ist, dass AutokratInnen tun, was AutokratInnen eben tun: autokratisch sein.

Demokratie wird nicht im Entsetzen und Sprachlosigkeit verteidigt, sondern offensiv und kompromisslos. Gerade dann, wenn das Gegenüber der mächtigste Mann der Welt ist. 

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