Ein Essenslieferant von hinten auf dem Fahrrad
Ein Essenslieferant in Italien. Auch in Österreich ist die Gig Economy längst Teil des Arbeitsmarkts. Foto: Kai Pilger für Unsplash
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/ 5. Februar 2020

Mehr als eine Million Menschen in Österreich haben keinen unbefristeten Vollzeitjob. Sie sind selbstständig, arbeiten frei oder werden “ausgeliehen”. Plattformen wie Uber, Mjam oder Airbnb haben in den letzten Jahren eine ganz neue Sparte an atypischer Beschäftigung hervorgebracht: “Crowdarbeit”, das Arbeiten in der sogenannten “Gig-Economy”.

Die Schlagworte klingen jung und hip. Gemeint sind aber im Prinzip kurze und kurzfristige Arbeitsverhältnisse, die über Internetplattformen abgewickelt werden. Die CrowdarbeiterInnen gelten als selbstständig, haben aber kein Gewerbe und oft keinen Kontakt zu ihren AuftraggeberInnen. Um Arbeit zu bekommen, müssen sie die Geschäftsbedingungen der Plattformen akzeptieren. Raum für Verhandlungen gibt es keine.

Das ist der große Unterschied zu “normalen” FreiberuflerInnen: Diese bekommen direkt Aufträge und können die Konditionen und den Preis verhandeln. Oft gibt es dabei auch eine längere Vorlaufzeit.

Wenig Geld, keine Kontrolle

Eine Studie aus dem Jahr 2015 zeigt, dass es auch bei der Bezahlung einen großen Unterschied gibt. Freiberufliche Solo-Selbstständige verdienen pro Stunde im Schnitt mehr als doppelt so viel wie neue Selbstständige, zu denen auch CrowdarbeiterInnen zählen.

Ihre Selbstständigkeit hat wenig mit dem Bild zu tun, das viele haben: Entspannte Arbeitszeiten, Selbstbestimmung und viel Kohle. Die Zahlen zeigen: Selbstständige sind trotz Arbeit eher von Armut betroffen. Die Schere ist in den letzten Jahren auseinander gegangen.

Knapp die Hälfte der CrowdarbeiterInnen haben insgesamt, also auch mit anderen Einkommensquellen, 18.000 Euro pro Jahr zur Verfügung.

Viele CrowdarbeiterInnen bekommen die Aufträge online, die Arbeit ist aber offline. EssenslieferantInnen, FahrerInnen oder Haushaltshilfen gehören dazu. Plattformen wie Airbnb und Uber haben nur eine Handvoll Beschäftigte in Österreich. Gegenüber stehen ihnen eine unbestimmte Anzahl von CrowdarbeiterInnen und eine Masse an KonsumentInnen, welche die Dienste in Anspruch nehmen. Bei einer Umfrage gaben 23 Prozent an, dass sie schon mal über eine Plattform eine Dienstleistung angeboten oder etwas verkauft haben.

Es gibt einen Teil, der die gesamte Arbeit online erledigt: Die Clickworker. Über Plattformen wie Mechanical Turk oder Clickwork bekommen sie (meist) kleine Aufträge, für die sie ein paar Euro erhalten. Sie kommen nie in Kontakt mit den AuftraggeberInnen.

Crowdarbeit ist für die meisten nur eine Nebenbeschäftigung. Bei rund 60 Prozent macht diese Art von Arbeit weniger als die Hälfte des Einkommens aus.

Nur ein sehr kleiner Teil der Gruppe bestreitet das gesamte Einkommen über Crowdarbeit. In anderen Ländern ist diese Entwicklung weiter. In der Schweiz, Italien und den Niederlanden gab schon jeder zehnte Befragte an, dass sein oder ihr gesamtes Einkommen aus der Tätigkeit als CrowdarbeiterInnen stammt.

Veronika Bohrn Mena ist Gewerkschafterin und betreut den österreichischen Ableger von Faircrowdwork.de - eine Plattform zur Information und Vernetzung von CrowdarbeiterInnen. “Es fehlt die Regulierung und weil die Menschen nicht gleichzeitig an einem Arbeitsplatz sind, ist die Vernetzung extrem schwierig”, sagt sie.

“Das ist das Gegenteil von Freiheit”

Grundsätzlich gebe es zwei Gruppen: Die Hochgebildeten, die programmieren oder Grafikdesign machen und die formal Niedriggebildeten, die zum Beispiel Essen ausliefern oder als Reinigungskraft arbeiten. “In Österreich geht es vor allem um Letztere”, sagt Bohrn Mena.

Mit der Frankfurter Erklärung erarbeiteten Gewerkschaften und andere Institutionen aus den Niederlanden, Deutschland, den USA, Schweden und Wien Vorschläge zur Verbesserung der Situation von CrowdarbeiterInnen. Unter den Forderungen sind Transparenz, soziale Absicherung und ein Mindestlohn, der zumindest dem entspricht, den Angestellte am Standort bekommen.

“Man könnte glauben, diese Selbstständigkeit geht mit Freiheit einher”, sagt Bohrn Mena. “Das stimmt nicht. Uber-Fahrer werden zum Beispiel getrackt, ihre Pausen werden vermessen und jeder Fahrgast gibt eine Bewertung ab. Das ist das Gegenteil von Freiheit.”

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