Das Logo von Drehmoment, dahinter herbstliche Blätter
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/ 21. Dezember 2020

Nur ein paar Meter von einem Friedhof entfernt stehen knallgelbe Outdoor-Sportgeräte neben der Straße. Es gibt unter anderem Scheiben, die man drehen kann, eine Beinpresse, ein stationäres Fahrrad. Früher fand ich die Geräte ein bisschen lächerlich. Wer will denn schon auf offener Straße Sport machen? Laufen geht ja noch, da ist man schnell aus dem Blick der anderen Menschen verschwunden.

Im Herbst-Lockdown bemerke ich aber, dass die Geräte oft besetzt sind. Kleine Kinder strampeln sich am Crosstrainer ab, muskulöse Männer ziehen ihren Körper an einem Hebel hoch. Ich gehe fast jeden Tag hier vorbei. Die Straße neben dem Friedhof ist der grünste Ort in meiner Umgebung und manchmal, wenn niemand da ist, probiere ich mich durch.

MOMENT-Redakteurin Katharina Egg und ich beim Workout

Eine Schulfreundin, die in der Türkei geboren ist, hat immer gesagt, in Istanbul findet das Leben auf der Straße statt. Wien kommt ihr leer vor. In diesem Herbst ist das anders. Ich sehe das Leben auf der Straße. SeniorInnen, die am kleinen Platz vorm Altersheim sitzen und plaudern, spazierende Familien, Burschen, die den Radweg entlang laufen.

Ich bekomme vielleicht zum allerersten Mal in meinem Leben mit, wie sich die Blätter verfärben, wie sie abfallen und die Bäume kahl zurücklassen, das Laub sich sammelt und wieder verschwindet. Während ich gehe, rufe ich Freundinnen an, die am anderen Ende Wiens wohnen. Oder meine Oma, die immer schon alleine lebt. Mit ihr habe ich in den letzten Monaten öfter telefoniert als jemals zuvor. Dabei bin ich traditionell das eine Familienmitglied, dass sich kaum selbst rührt, manchmal abhebt und oft vergisst zurückzurufen.

Viele gute Dinge

Das Jahr war hart, ist es immer noch und alle Hürden werden wir nicht im Jahr 2020 zurücklassen können. Ich habe zugesehen, wie Bekannte ihren Job verlieren, wie Freundinnen sich im Sozialbereich und in der Pflege völlig verausgaben und wie aus Unabhängigkeit Einsamkeit geworden ist bei jenen, die alleine leben.

Wir werden uns allen Schwierigkeiten stellen und, wie ich hoffe, weiter zusammenhalten. Dabei möchte ich den Blick auch auf den guten Dingen behalten, die trotz Pandemie, Wirtschaftskrise, Armut und Leid passieren. Eine Freundin ist mit ihrem mehr als wunderbaren Freund zusammengezogen. Eine andere hat nach monatelangem Suchen einen Job gefunden, den sie liebt. Eine hat ihren ersten Roman veröffentlicht. Und manchmal reicht es auch, zuzusehen, wie im Nebel des Herbsts ein paar Kinder auf den knallgelben Sportgeräten neben dem Friedhof herumturnen und laut lachen.

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