Daniela Brodesser und ihre neue Kolumne: Armutprobe. Das Cover zeigt Brodessers skizziertes Porträt.
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Daniela Brodesser

/ 7. Oktober 2020

Ganze drei Monate lang haben wir Mindestsicherung bekommen, weil mein Mann erkrankte und das Krankengeld von nicht einmal 300 Euro niemals zum Leben gereicht hätte. Drei Monate Mindestsicherung, das ist keine Erholung, kein Aufatmen, das ist knappes Überleben. Ich war trotzdem unheimlich froh darüber und habe im Bekanntenkreis davon erzählt. "Ich würde auch gerne so viel Geld fürs Nichtstun bekommen wie du", war die Antwort.

Ich frage mich, wo dieses Schlaraffenland liegt, in dem Menschen angeblich leben, die Mindestsicherung beziehen. Dort, wo sie fürs Nichtstun so viel Geld bekommen, dass sich Arbeiten nicht mehr auszahlt. Die Realität sieht natürlich anders aus, aber der Neid auf diejenigen, die ohnehin nichts mehr haben, hält sich hartnäckig. Nichts an der Mindestsicherung macht besonders viel Spaß. Wir haben sie nur bekommen, weil wir kaum Einkommen und kein Vermögen haben. Was daran ist beneidenswert?

Geld ist kein Kuchen, der immer gleich groß bleibt und aufgeteilt werden muss. Wenn ein Mensch die 900 Euro Mindestsicherung vom Staat bekommt, wird die Miete eines anderen dadurch nicht höher. Wer nicht für einen Lohn arbeiten möchte, der unter der Armutsgrenze liegt, ist nicht dafür verantwortlich, dass die Stromrechnung für jemand anderen unbezahlbar ist. Wer seinen Frust an Menschen wie uns abarbeitet, wird damit auch in Zukunft nicht verhindern, dass Konzernchefs einander trotz Massenentlassungen fette Boni zuschieben.

Wir haben drei Monate lang Mindestsicherung bezogen und das war wichtig. Ohne sie hätten wir diese Monate nicht überlebt. Beneidenswert? Ich denke nicht.

 

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