Gender-Verbot: Niemand findet Gendern so wichtig wie die, die es ablehnen
Das mutige Bayern hat vor wenigen Monaten seine Welt gerettet. Ein Gender-Verbot wurde beschlossen. Binnen-I, Doppelpunkt und Gender-Stern sind in Schulen und Behörden untersagt. Nun wollte die bayrische Kulturministerin Anna Stolz auch noch die Paarform verbieten, bei der sowohl weibliche als auch männliche Begriffe genannt werden. Die “übertriebene” Verwendung der Paarform sollte unzulässig werden. Der Vorstoß wurde verhindert.
Verwirrend wäre er jedenfalls gewesen. Denn: Wann, liebe Politikerinnen und Politiker, soll die korrekte Benennung der Realität “übertrieben” sein? Wäre dann nur am Anfang des Textes die Paarform zulässig? Nur in der Anrede eines Textes? Wäre es übertrieben, konsequent “Schülerinnen und Schüler” zu schreiben, wenn man die eigene Klasse benennt? Fragen über Fragen, die nicht geklärt wurden, bevor man populistisch Verbote fordert. Das alles zeigt, dass es nicht um Fragen der Anwendbarkeit geht, sondern um Kulturkampf.
Gender-Verbot: Macht statt Lesbarkeit
Die Lesbarkeit und Verständlichkeit von Texten ist ein hehres Ansinnen – vor allem für Schulbücher und besonders für Schüler:innen, die eine andere Erstsprache als Deutsch haben. Würde man dieses Ansinnen konsequent verfolgen, dann müssten Schulbücher (aber auch Elternbriefe) von vorne bis hinten überarbeitet werden. Das “Gendern” macht nicht aus einem leicht verständlichen Text einen unlesbares Kauderwelsch.
Man müsste Syntax, Semantik und Text/Satzlängen überarbeiten. Selbstverständlich würde dann der nächste Kulturkampf folgen: Werden Texte vereinfacht, folgt darauf wie das Amen auf das Gebet eben, dass damit Schüler:innen dümmer würden. Egal, wie man es dreht und wendet, ein Kulturkampf ist immer möglich.
Die Linken ärgern
Schüler:innen, die 19 Strophen von Schillers Glocke auswendig lernen, haben gröbere intellektuelle Aufgaben zu bewältigen, als das Wort “Schüler:innen” korrekt zu lesen. Aber selbst, wenn man sich auf das Argument einlässt, entzaubert sich dieses spätestens mit der Ablehnung der Paarformen. “Schülerinnen und Schüler” ist in jeder Variante der deutschen Sprache der letzten 200 Jahre eine korrekte Form.
Doch darum geht es den Kulturkrieger:innen für ein Gender-Verbot gar nicht: Es geht um Macht. Es geht darum, es „den Linken” einmal so richtig zu zeigen. In der Welt des Kulturkampfes wird das Gendern als eine der Hauptwaffen der Linken dargestellt, die dadurch die Weltherrschaft erreichen wollen. Der Kampf gegen das Gendern sei dann also erste Widerstandspflicht. Das führt dazu, dass man weder progressive noch pragmatische Argumente gelten lässt, sondern sich in eine Fantasiewelt wütet, in der auch die völlig korrekte weibliche Form verboten werden soll. Aus 75 Prozent Mädchen in einer Klasse werden „Schüler“, aber aus den 25 Prozent Burschen würden nie “Schülerinnen” gemacht werden.
Übers Gendern reden vor allem rechte Kulturkämpfer:innen
Diese übertriebene Bedeutung geschlechtergerechte Sprachen geben ihr aber rechte Kulturkämpfer:innen völlig alleine. Niemand findet Gendern so wichtig wie jene, die es ablehnen. Sie können es nicht ertragen, dass jede Person nach eigenem Gutdünken handelt (das wäre dann ja auch echter Liberalismus).
Also setzt man die eigene Moral absolut und demonstriert überschießend Macht: Man erteilt Sprechverbote. Es geht nie wirklich um die Sache, sondern darum, anderen eins reinzuwürgen. Das ist die Basis der Kulturkampf-Politik.
In Bayern wurde nach Protesten vom sinnlosen Verbot der Paarform zurückgerudert. Man behält sich das Verbot aller geschlechtergerechten Schreibweisen aber für die Zukunft weiter vor. Der nächste Wahlkampf kommt bestimmt.