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Ungleichheit
Arbeitswelt

Mutter-Oma-Kind: Warum die Großeltern-Karenz der ÖVP eine offensichtlich schlechte Idee ist

Nach Jahren des Stillstands in der Familien- wie in der Frauenpolitik, tut die Kanzlerpartei nun kurz vor der nächsten Wahl sehr geschäftig. Einer der vielen, oft wenig durchdachten, Vorschläge betrifft die Karenzregelung. Nicht nur Eltern, auch Großeltern sollen in Karenz gehen dürfen. Die Großeltern-Karenz wäre ein nachhaltiger Rückschritt. Natascha Strobl kommentiert.

Alle Familien mit kleinen Kindern kennen den Aufwand, den es bedeutet, das Leben zu managen. Wenn beide Eltern arbeiten gehen, dann muss ein Kinderbetreuungsplatz organisiert werden. Je kleiner das Kind ist, desto schwieriger ist das. Wenn ein Elternteil daheim ist, dann ist das Budget eng – zumindest bei den meisten. Für Alleinerzieher:innen gilt das alles in verschärfter Form. 

Kein Wunder, dass viele auf Hilfe von Familie angewiesen sind. Wobei mit Familie zum größten Teil weibliche Verwandte gemeint sind: Tante, Freundin, Cousine oder eben die Oma. Ja. Besonders ohne Omas würde oft wenig gehen. Schon jetzt holen sie Kinder aus Kindergarten und Schule ab, halten Eltern den Rücken frei und geben ihnen mal einen freien Nachmittag oder sogar Abend. 

Das sollte aber kein Freibrief sein, die materiellen Bedingungen staatlich zu verschlechtern.
 

Kinderbetreuung als Frauenaufgabe

Sorry, falls das einigen Männern jetzt etwas unrecht tut. Aber Kinderbetreuung –  vor allem von sehr kleinen Kindern – ist nach wie vor eine fast ausschließliche Frauenaufgabe. 

Das hat sehr viele Gründe: von veralteten Geschlechterbildern – inklusive Chef:innen, die kein Verständnis für aktive Väter haben – bis hin zu ganz pragmatischen Entscheidungen, weil die Familie das höhere Einkommen des Vaters dringender braucht. Am Ergebnis ändern die Gründe nichts: fast ausschließlich Frauen gehen in Karenz. Sogar die Väter, die es tun, tun es meist nur für kurze Zeit.

Dieser Zustand ist gleich ein dreifaches Problem.

Erstens ist es schlecht für die Babys. Sie bekommen in ihren so wichtigen ersten Jahren nicht die Möglichkeit, viel Zeit im Alltag allein mit ihren Vätern zu verbringen. 

Zweitens ist es schlecht für Väter, denen diese Erfahrung ebenso vorenthalten wird. 

Drittens ist es schlecht für Mütter. Denn so führt die Babykarenz nur bei Frauen zum Karriereknick. Sie werden diskriminiert, verpassen Beförderungen oder werden sogar vorsorglich nicht eingestellt oder gekündigt. Für Frauen bringt das einen ganzen Rattenschwanz an Folgeproblemen: mehr unbezahlte Arbeit, aber weniger Einkommen, finanzielle Abhängigkeit, weniger Pension, Altersarmut. 
 

Wichtige Lösungen, die nicht alles allein lösen

Wie man das löst? Die Antwort darauf ist oft: “Mehr Kinderbetreuungsplätze”. Das ist natürlich eine richtige Forderung. Wichtig dabei wäre, dass diese Plätze nicht nur existieren, sondern auch leistbar (kostenfrei!) und hochwertig sind (kleine Gruppen, gute pädagogische Konzepte, schöne Gebäude, gesundes Essen, zufriedene und gut entlohnte Pädagog:innen). 

Aber Kinderbetreuungsplätze sind kein Allheilmittel. Wenige Eltern, die eine Wahl haben, wollen 1- oder 2-jährige Kinder für 50 bis 60 Stunden pro Woche in den Kindergarten geben. So viel kann es bei Vollzeitarbeit mit An- und Abreise und manch erwarteter Überstunde aber schonmal sein. 

Stattdessen zerreißen sich betroffene Eltern im Stress, gehen in Teilzeit, sammeln Fehlstunden an – oder müssen sich eben auf Omas, Tanten, andere Mamas und Freundinnen verlassen können. 
 

Echte Lösungen statt Oma-Karenz

Die Antwort kann aber nicht sein, die Lasten auch staatlich auf die weiteren weiblichen Verwandten zu verteilen. Denn das ist es, was „Großeltern-Karenz“ in Wirklichkeit bedeutet. 

Wenn die Eltern-Karenz fast ausschließlich eine Mutter-Karenz ist, dann ist die Großeltern-Karenz eine Oma-Karenz. Frauen haben dann mit ungefähr Anfang 30 den ersten Karriereknick (der bei einem zweiten und dritten Kind weitergeht). Mit der Oma-Karenz kommt dann 20-30 Jahre später der nächste hinzu. Rechtzeitig in einer Phase, wo sie vielleicht auch schon ihren Partner oder ihre (Schwieger-)Eltern pflegen. Man stelle sich eine Frau Mitte 50 vor, die in die “Oma-Karenz” geht. Die Vorstellung, dass sie mit 58 oder 59 wieder in den Job zurück geht, ist naiv. Die verschärfte Altersarmut ist vorprogrammiert. Es folgen: noch niedrigere Pensionen.
 

Großeltern-Karenz ist schlecht für alle, außer …

Die Mängel der Idee sind offensichtlich, trotzdem reden wir darüber. Wieso? Die Antwort ist einfach. Es geht bei diesem Vorschlag nicht um das Wohl von Mutter-Vater-Oma-Opa-Kind. Er soll Eltern möglichst schnell wieder in die Lohnarbeit drängen. Damit die Wirtschaft davon profitiert. Da hat man lieber die Arbeitskraft von zwei Anfang-30ern, als die (teure) Arbeitskraft einer Mittfünfzigerin, für die man dann auch schon eine jüngere Person einstellen könnte. Der Vorschlag schafft es, gleichzeitig feindlich gegenüber Müttern, Vätern, Kindern, Familien und älteren Menschen zu sein. 

Besonders absurd ist, dass dieser Vorschlag besprochen wird, bevor darüber geredet wird, wie neben der Mutter auch die andere Person in Karenz geht, die das Kind eigentlich am nächsten betrifft. Warum sollten Väter nicht in Karenz gehen? Und zwar gehen sollen, wollen und können? Warum sollte man Familien nicht Zeit füreinander geben?

Das Wichtigste, das man jungen Familien geben kann, ist Zeit und finanzielle Sicherheit. Deswegen sollte ein Modell gefunden werden, das genau dem Rechnung trägt. Alle sollen Zeit miteinander verbringen können, ohne vor dem finanziellen Abgrund oder der finanziellen Abhängigkeit zu stehen. Schließlich ist es keine Strafe, Zeit mit dem eigenen Baby zu verbringen, sondern mit die beste Zeit des Lebens. Einmal verpasst, kommt sie nicht wieder. Das gilt auch für Väter.

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